In die Strumpfhose gegangen

Eventkritik Wenn wenigstens Pierce Brosnan nochmal vorbeischauen würde! Die Eröffnung des Falke-Flagship-Stores lässt zweifeln, ob Berlin noch die Hauptstadt des Event-Marketings ist

Ein großer, untersetzter Mann im grauen Anzug eilt am Donnerstagabend um kurz nach acht in den Falke-Flagship Store am Berliner Kurfürstendamm, stolpert über eine Stufe und prallt gegen eine Verkäuferin. „Bin ich hier in etwas herein geraten?“, fragt er. Auf dem dunkel-hölzernen Kassentisch stehen ein paar Gläschen Panna Cotta mit Erdbeersoße. Reste des „Business Pleasure“-Events zu dem der sauerländische Strumpfkonzern Journalisten aus der Hauptstadt mit einem quietschrosafarbenen PDF-Dokument geladen hatte. Man bat zu einem After-Work-Champagner, bei dem über die neue Falke-Kollektion und die gerade übernommene Marke „Burlington“ geredet werden könne, dazu würden Häppchen gereicht: Feigen im Mantel aus Parmaschinken, Gemüsespieße, Hühnchensaté und eben Panna Cotta.

Vielleicht liegt’s an der Krise, vielleicht sind die Eingeladenen genussfeindlich eingestellt, vielleicht ist das Interesse an dem angebotenen 30 Prozent-Nachlass, der zum Anlass dieser Veranstaltung für die Geladenen gelten sollte, zu gering. Auf die fein bestrumpften Füße tritt sich hier niemand, stattdessen stehen die Angestellten kerzengerade im Geschäft, fast genauso straff und gespannt wie die Haut des ein oder anderen lächelnden Gesichts.

Am Abend zuvor, erklären die PR-Frauen Astrid Wallström-Dierkes und Kristina – eine echte angeheiratete – Falke, sei man zur Vorstellung der neuen Kollektion in Oslo gewesen. Da habe sogar die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit – selbstverständlich Falke-Trägerin – vorbeigeschaut. In Berlin aber ist nicht mit Prominenz zu rechnen. Der Laden, die Produkte und die attraktive Frau Falke, im grauen Strickensemble und mit silberfarbenen Prada-Plateau-Sandalen, müssen reichen, um aus diesem Abend ein Event zu machen. Vor zwei Monaten shoppte Pierce Brosnan im Laden, nicht im Rahmen eines PR-Spektakels, sondern ganz spontan, nur in Begleitung eines Assistenten. Der Schauspieler muss von Angesicht zu Angesicht besonders charmant, natürlich und umwerfend sein. Auch wenn man seit dem Ende seiner TV-Serie Remington Steele längst keine Sehnsucht mehr nach ihm verspürte, an diesem Donnerstagabend wünscht man sich, er möge doch bitte wieder vorbeikommen und seine übergroßen Füße (Größe 47!) präsentieren – nur damit endlich etwas los ist.

Der Flagship-Store soll das größte Geschäft einer Marke im Lande sein, oder eben eins, das früh die neue Kollektion präsentiert. Tatsächlich kann man der Traditionsmarke Falke zum Store-Konzept gratulieren. Links im Laden sind die Produkte für den Herrn aufgereiht, rechts die für die Frau. Sie wurden in all ihren Farben und Materialien auf Fliesen aufgespannt, so dass sich eine bunte Kachelleiste ergibt, die schön mit den Schwarz- und Holztönen der Schubladen und Wände kontrastiert. Eine elegante, satte Einkaufsatmosphäre. Ganz durchdacht aber nicht, denn um an alle Fächer zu gelangen brauchen die Verkäuferinnen Leitern, die in der Ecke gebunkert werden. Und richtige Champagnerlaune kommt beim Anblick der schmalen Stufen nicht auf. Ab und an schneien, durch ein elektronisches Doppel-Bimmeln angekündigt, ganz normale Kunden mit Strauß-Innovation- oder Douglas-Tüten in den Laden, die dann trotz der gespannten Feierstimmung beraten werden.

Unter Feinstrick

Die Minuten ziehen sich, doch dann betritt Melissa Drier, Berlin-Korrespondentin der einflussreichen internationalen Modepublikation Women’s Wear Daily, kurz unter WWD bekannt, das Geschäft.

Ab dem Zeitpunkt dreht sich alles um sie. Sofort wird Champagner gebracht, den sie zurückhaltend nippt, während sie fachmännisch die neuen blickdichten Strumpfhosen inspiziert. Der relativ kleinen Person mit ihrem dunklen Bob und der blassen Gesichtsfarbe sieht man an, dass sie sich trotz ihrer langen Jahre in Berlin nicht vom hiesigen Look hat korrumpieren lassen. Sie folgt ihrer eigenen Definition von Eleganz, die ganz frei von Verwahrlosung ist und somit erfrischend kompatibel mit dem Rest der Welt.

Frau Drier redet in einer Mischung aus Englisch und Deutsch, beschäftigt sich ernsthaft dreinblickend mit Frau Falke und irgendwann geht sie, man hat es gar nicht klingeln hören, ans Mobiltelefon. „Montblanc“, sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat. Die Frauen um sie herum scheinen zu wissen, was damit gemeint ist. Sie tun zumindest so, denn Frau Drier strahlt mit ihrem ganzen Wesen Autorität aus. Man versteht, dass sie nicht lange bleiben kann.

Ganz anders hingegen die drei schlecht gekleideten Gestalten eines Herrenmagazins, die als nächste Pressevertreter im Laden auftauchen. An ihnen hängt die Baumwollkleidung wie achtlos massenfabriziertes Sackwerk. Dennoch werden auch sie umschmeichelt, schließlich trägt ihre Anführerin offensichtlich Falke-Strumpfhosen. Vorjahresmodell, wahrscheinlich. Aber im Gegensatz zum zielgerichteten, professionellen Drier‘schen Auftritt wird Sinn, Zweck und Spaßfaktor dieses Zusammenkommens nicht recht deutlich. In Zeiten der Krise erfreut man sich wahrscheinlich auch oder vor allem bei Traditionsunternehmen an dem, was man hat. Eine andere Journalistin mit szenetypischen Moleskine-Notizbuch macht im aufmerksamen Einzelgespräch glücklich, wenn sie auch freilich aussieht, als sei sie frisch aus Düsseldorf eingeflogen.

„Wo bleiben die denn alle?“, fragt eine Angestellte kurz vor acht, dem offiziellen Ende, eine andere Angestellte, die es auch nicht weiß. Die meisten der Give-away-Tüten, eine für das Business mit Informationsunterlagen, und eine für das Vergnügen mit Yogahose und -top, stehen noch im hinterem Raum, die Snacks wurden kaum angerührt. Ob der Herr im Anzug in etwas herein geraten ist? Schon, wird ihm gesagt, aber das mache nichts. Nein, möchte man dazwischenrufen. Und jetzt ist sowieso Schluss.

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05:00 04.06.2009

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