In eigener Sache, maskiert

Geschlechter Homosexuelle lebten in der DDR oft hinter der Fassade des guten, gern auch besonders guten Genossen - und in einer real existierenden Zwischenwelt

Kein Friseur in der DDR, bei dem nicht die unterhaltsam literarisierende Zeitschrift Das Magazin auslag, jahrzehntelang die einzige Publikation im Lande, die Aktfotos drucken durfte, jeden Monat eins. Abonnements waren bis zum Ende der preußischen Proletarierrepublik hart umkämpft, trotz der sechsstelligen Auflage; die Leserschaft zählte nach Millionen.

Was muss da in dem zwanzigjährigen Schwulen vorgegangen sein, der 1973 die Dezember-Nummer aufschlug und im Inhaltsverzeichnis las: "Dr. med. sc. Siegfried Schnabel - Plädoyer für eine Minderheit"?

Ihm blieb fast das Herz stehen. Er wusste sofort, es ging "darum"! Und das, obwohl er zu diesem Thema noch nie etwas in der Zeitung gelesen hatte, in keiner. Nicht eine Sekunde ließ es ihn los. Mit niemandem, nicht einem einzigen Menschen hatte er darüber je sprechen können. Keiner durfte wissen, was seine Mitschüler schon früh geahnt und wofür sie ihn zuweilen täglich verprügelt hatten. Sogar sein liebster großer Bruder hatte ihm gesagt: "Wenn du schwul bist, schlage ich dich tot".

Nur in der Literatur hatte er gefunden, wonach er fieberhaft suchte: in Thomas Manns Zauberberg, in Klaus Manns Vulkan, oder aber, aperçuhaft, in All you need is love aus Günter Kunerts Prosaband Geheime Bibliothek, just in jenem Jahr im Aufbau-Verlag erschienen. Und auf der Bühne des Berliner Ensembles sah er wieder und wieder zwei Jungen sich küssen, in Frank Wedekinds Frühlings Erwachen, inszeniert und ausgestattet von B. K. Tragelehn und Einar Schleef, die es viel Kraft gekostet hatte, dies den fünfzehnjährigen Laiendarstellern abzuringen.

Selber hatte er im Sommer, bei den "Weltfestspielen der Jugend und Studenten", auf den Stufen zum Berliner Fernsehturm einem ephebischen Schönen einen Kuss abgerungen, nicht ahnend, dass ein paar Straßen weiter andere, die er nicht kannte, für dieses, des Menschen Recht ein Transparent hochhielten - ein Willkommensgruß von Berliner Homosexuellen, der im Rückblick einen Anfang der DDR-Schwulenbewegung markiert. Er war nicht ungefährlich, trotz der Regenbogenfahnen, die ein paar Tage lang statt der roten wehten und der Hauptstadt der DDR einen Hauch von San Francisco verliehen. Am Rande eines Rockkonzerts in der Rathausstraße vögelten zwei Hippies, die Umstehenden klatschen im Rhythmus mit, da machte er große Augen.

Weihnachten nun tippte er, mit einem Finger, den Magazin-Artikel ab, vielleicht das schönste Geschenk seines Lebens, glaubte er doch an die Macht des Wortes der Wissenschaft, der Vernunft. Hoffte er doch, es würde, gehört und gelesen, zum Machtwort. Die Vernunft im Text hat auch 33 Jahre später noch Bestand, als ihm der letzte erhaltene Durchschlag in die Hand fällt.

Die Hoffnung aber, das geschriebene Wort würde auf fruchtbaren Boden fallen, war rasch zerstiebt, und die Stille in Familie und Staat nach diesem unerhörten Ruf in der Wüste ließ dem Heranwachsenden die Luft zum Atmen dünner werden.


Gleichwohl stand der Magazin-Artikel von 1973 am Anfang eines langen Versuches, beides zu leben: das "normale Leben" mit der Maske des guten, gern auch besonders guten Genossen und, ganz privatim und ins Nächtige gebannt, ein selbstbestimmtes schwules Ausleben in der immer größer werdenden real existierenden Zwischenwelt von Altberliner Bierstuben, Schoppenstube und Burgfrieden - letzterer Kulisse auch des einzigen DDR-Schwulenfilms, Coming out von Heiner Carow, dessen Premiere am welthistorischen 9. November 1989 häufig erinnert, dessen Voraufführung im März zuvor in der Akademie der Künste jedoch nahezu vergessen ist, zu Unrecht, denn sie führte viele altgediente Kunst- und Kultur-Homos zusammen, für die ein Traum von Befreiung in Erfüllung ging, was sie, teils tränenüberströmt, mit zwanzigminütigen Ovationen dankten.

Ein der Akademie der Künste verwandter geistiger Freiraum war, Frucht politischer Entspannung, das Unter den Linden gelegene Centre Culturel Français. Allen Einschränkungen zum Trotz, die staatlicherseits selbst den Französisch-Studenten auferlegt wurden, traf sich dort gerade auch die schwule Szene, vor allem natürlich, wenn ein Film wie L´ homme blessé von Patrice Chéreau gezeigt wurde und mit dem Freimütigen gesprochen werden konnte, wenn Michel Tournier sich als Fotograf präsentierte - unter seinen düsteren Porträts, "hineingerutscht" gleichsam wie aus seinem Meisterwerk Der Erlkönig, ein geheimnisvoll helles Knabenbildnis - oder wenn schwule Autoren lasen, anschließend plauderte man bei Côte du Rhône und Roquefort mit Dominique Fernandez oder Yves Navarre.

Unter der Genossenmaske schrieb der inzwischen an der Humboldt-Universität Romanistik und lateinamerikanische Literatur Studierende ausgetüftelte Briefe in eigener Sache wie jenen an den hochideologischen Dietz-Verlag, dem er im September 1983 vorwarf, dass in dem Buch Der KZ-Staat die ". . . zigtausenden homosexuellen KZ-Häftlinge lediglich auf Seite 71 durch genau zwei Worte erwähnt wurden: rosa - homosexuell". Der Studierende erkundigte sich so treuherzig nach weiterführender Literatur, dass man ihn sogar zu einem Gespräch mit dem Autor Heinz Kühnrich einlud; es wurde zur Groteske, beide Seiten saßen in der Falle, doch er glaubte weiter an Fürstenaufklärung und Leserbriefe und schrieb Brief um Brief.

Ein Unheil von nie gekanntem Ausmaß kündigte sich damals an, und im Centre Culturel Français war viel Getuschel um das Dahinsterben des leitenden Lehrers für den Französischunterricht. AIDS löste Angst und Schrecken aus und sollte auch um die DDR keinen Bogen schlagen. Leos Carax stilisierte die Krankheit in seinem grandiosen Film Mauvais Sang zu einer Seuche, die bekommt, wer liebt, ohne zu lieben, und er beängstigte, erschütterte, sensibilisierte den notorischen Briefeschreiber im Kinosaal des Centre Culturel.

Zurück in seinem Hinterhof im Prenzlauer Berg, setzte der sich aufs neue an seine "Erika", schrieb an die DDR-regierungsamtliche AIDS-Kommission mit dem Begehr, dass man homosexuelle Männer nicht nur als Objekte begreife, sondern ihnen auch einen Platz in dieser Kommission zugestehe, er endete "mit sozialistischem Gruß ..." - und ward wiederum zum Gespräch geladen. Ein weit-, bis nach Amerika gereister Professor verstand sogar; der hatte in den USA einen neuen Typus des Patienten kennengelernt: kritisch, selbstbewusst, fordernd. Man versprach dem noch jungen zornigen Mann, einen Vertreter der Risikogruppe Nr. 1 in die Kommission zu berufen.

Es geht also doch, sagte sich da der in die DDR hineingeborene Briefeschreiber. Die Freiräume für Schwule und Lesben wurden größer, man konnte als einzelner "innerhalb der Strukturen" durchaus etwas bewegen. Oder vielleicht doch nur als einzelner, nur vereinzelt? Raum zur politischen Selbstorganisation jedenfalls gab es nicht, geduldet wurden allenfalls Kuschelecken zur Inszenierung sonntäglicher Geselligkeit. So hatte man seit 1986 seinen Sonntagsclub, der in vielem nachahmte, was radikalere Schwestern schon drei Jahre lang "unter dem Dach der Kirche", im Kielwasser der Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, vorexerzierten. Bei den einen wie den anderen blieb er halb Zaungast, halb gleichgesinnter Einzelkämpfer, lauschte den Mären der Charlotte von Mahlsdorf oder den selbstgemachten Liedern seines Freundes Norbert Bischof oder diskutierte über die Pornographie des Jean Genet. Zu den Kuriositäten gehörte es, wenn sich die Politschwestern aller Couleur rein zufällig im Gebüsch hinterm Märchenbrunnen trafen und sie selbst dort über Homopolitisches reden zu müssen glaubten - derweil die anderen dem einzig wahren Zweck der nächtlichen Spaziergänge huldigten. Doch sie fanden, außer im Gebüsch, nicht zueinander, diese vereinzelten "Queerköpfe", das Wasser war zu tief.


Nicht zufällig aber war, dass die Maske des guten Genossen eines Tages zerbrach. Es geschah im Januar 1984, als sich das buntgemischte, vom Maurerlehrling bis zum Countertenor reichende Publikum seiner Stammkneipe merklich lichtete. Glücklich erzählten viele, die zuvor Jahre vergeblich darauf gehofft hatten, wie schnell es plötzlich mit der Ausreise in den Westen ging. Merkwürdig bloß, dass dies scheinbar allein für Lesben und Schwule galt. Die Erklärung erfuhr der gute Genosse von anderen guten Genossen und wollte fortan kein solcher mehr sein: "Wir trennen uns von all jenen, die ein falsches Verhältnis zum Staat, zur Arbeit oder zum anderen Geschlecht haben."

Das konnte nicht auf dem Mist eines FDJ-Funktionärs der Uni gewachsen sein, sondern musste "von ganz oben" kommen. Von wem genau, wurde bekannt, als der zuvor in höchsten Kreisen verkehrende Philosoph Franz Loeser "abhaute". In seinem Enthüllungsbuch Die unglaubwürdige Gesellschaft benannte er als Autor SED-Politbüromitglied Hermann Axen, einen der klügeren Köpfe, zu dem solch böser Wortwitz passte. Der Briefeschreiber indes schickte seinen Protestbrief blindlings an Kurt Hager, den Kulturchef im Politbüro - und hätte sich fünf Jahre Studium sparen können. Die ihn eben noch umwarben, Verlage und Literaturprofessoren vom französischen und lateinamerikanischen Fach, ließen ihn fallen wie eine warme Kartoffel.


So blieb ihm die Nische eines zunächst "freischaffenden", in der BRD sodann "freiberuflichen" Literaturübersetzers, in der er hart strampeln musste, um sich seine Brötchen zu verdienen. Und als dann die DDR Suddenly, Last Summer nicht mehr war, stieß er darauf, wessen kasernensozialistische Idee es ureigentlich gewesen war, sich Schwule und Lesben in einem Aufwasch mit Dissidenten und Arbeitsunwilligen vom Halse zu schaffen. Es war Fidel Castro Ruz, der 1980 innerhalb weniger Tage 120.000 unliebsame Kubaner mit privaten Booten vom Yachthafen Mariel in die USA abholen ließ und bei dieser Gelegenheit Irrenhäuser und Gefängnisse leerte. Der kubanische Schriftsteller Reinaldo Arenas berichtete darüber in seiner Autobiographie Bevor es Nacht wird.

Derweil war der DDR-Briefeschreiber zu einem alldeutschen Literaturübersetzer geworden, und was ist ein solcher mehr (aber auch nicht weniger) als die Maske eines fremden Autors, gern auch die eines schwulen, gern auch die des Reinaldo Arenas. Bei ihm kann er, wie - mal mehr, mal weniger - bei José Lezama Lima, Hervé Guibert oder Michael Nava in eigener Sache sprechen - ohne einen Brief zu schreiben. Und wenn ihm das epidemische Schwarzrotgold zum Halse raushängt, hängt er zum Fenster eine Fahne raus, immer noch gerne die rote, gerne den Regenbogen.

"Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / klirren die Fahnen."

Zum Weiterlesen:

Homosexualität in der DDR. Materialien und Meinungen: Hrsg.: Wolfram Setz, Bibliothek rosa Winkel Nr. 42, mit Texten von Bert Thinius, Klaus Laabs, Michael Sollorz, und Eike Stedefeld; Männerschwarm Verlag, Hamburg September 2006.


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00:00 29.09.2006

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