In unecht

Bühne Rimini Protokoll lud bei der Ruhrtriennale den Zuschauer in „Situation Rooms“. Ein Stück, das von Waffen handelt, vor allem aber ins Gefängnis des Virtuellen führt
| Ausgabe 35/2013
In unecht

Foto: Rimini Protokoll/Pigi Psimenou

Zu einem der bekanntesten Beispiele zeitgenössischer politischer Ikonografie ist diese Aufnahme avanciert: Im Mai 2011 veröffentlichte das Weiße Haus ein Foto aus dem „Situation Room“. Da sitzt der Inner Circle der US-amerikanischen Macht – von Präsident Barack Obama über Außenministerin Hillary Clinton bis zu General Marshall B. Webb – im Halbkreis an einem Tisch und verfolgt gebannt in Echtzeit die Tötung Osama Bin Ladens im pakistanischen Abbottabad.

Aus Sicht der Experten

Wenn Rimini Protokoll seine neue Arbeit Situation Rooms (mit dem Plural-S als Hinweis auf eine dezentrale Machtverteilung) bei der Ruhrtriennale vorstellt, dann geht es allerdings nicht um eine Kritik politischer Macht, um Terrorismus und seine gesetzlichen und digitalen Kollateralschäden. Die Performancegruppe widmet sich dem ethisch vermeintlich abgegrasten Thema Waffen – ihren Produzenten, ihren Nutzern und ihren Opfern.

In der Turbinenhalle, einem Anbau der Jahrhunderthalle in Bochum, ist ein geschlossener Rundbau installiert, der in seinem Innern zahlreiche miteinander verbundene Räume besitzt. Der Zuschauer wird augestattet mit einem iPad samt Griff und Kopfhörern und in den Parcours geschleust. Auf dem Bildschirm berichten nacheinander zehn Personen von ihren Anliegen, darunter der Entwickler für Sicherheitstechnik Emmanuel Thaunay, der sudanesische Journalist Richard Khamis oder der pakistanische Menschenrechtsanwalt Shahzad Akbar. Diese Statements sind mit subjektiver Kamera gefilmt (Video: Chris Kondek), sodass der Zuschauer den Blick dieser Personen übernimmt und – da die Personen auch Handlungsanweisungen geben – ihren Vorgaben folgt. Anders als sonst lassen Rimini Protokoll ihre „Experten des Alltags“ diesmal nur virtuell auftreten und lösen damit das traditionelle Gegenüber von Spielenden und Schauenden auf. Der Zuschauer verwandelt sich die Figuren an und handelt an ihrer Stelle, ohne dabei identitär zu verschmelzen.

Dieses komplizierte Setting versucht, den globalen Umgang mit Waffen räumlich erfahrbar zu machen. Da blickt man mit einem früheren Scharfschützen der israelischen Armee von einem Balkon auf eine Skyline, baut gleich nebenan mit einem deutschen Friedensaktivisten die Waffenfabrik Heckler & Koch im Modell nach oder kommt in einem Lazarett von Ärzte ohne Grenzen in Syrien vorbei. Mühelos wechselt der Zuschauer Identitäten und Kontinente.

Mit Blick auf den Monitor

Das, was Obamas Situation Room virtuell bewerkstelligt, ist hier ins Analoge des Theaters zurückübersetzt: Die Gleichzeitigkeit und das Nebeneinander des geografischen Raums werden physisch erfahrbar gemacht mithilfe eines architektonischen Labyrinths (Bühne: Dominic Huber/blendwerk). Syrien grenzt an Deutschland, eine Tür weiter liegen Pakistan und die USA. Der neue Einsatzort ist immer gleich um die Ecke, was dafür sorgt, dass man schnell die Orientierung verliert. Nicht nur geografisch, sondern auch ethisch. Der Informationsoverkill der unterschiedlichen Erzählungen ist kaum zu bewältigen, zudem suggeriert das Raumprogramm ein Beziehungsgeflecht, in dem sich Arzt, Kriegsfotograf, das Mitglied eines Drogenkartells oder ein Kindersoldat gegenseitig bedingen. Die Haltungen der Experten werden dadurch letztlich austauschbar.

Doch je länger man diesem Multiplayer Video-Stück, wie es im Untertitel heißt, folgt, desto weniger scheint es um Waffen, Medizin oder Menschenrechte zu gehen. Was Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi von Rimini Protokoll in ihrer Pagode inszenieren, ist eine Welt am digitalen Draht, in der der Besucher mit seinem iPad-Täfelchen zur Marionette wird. Man begreift sich selbst als ferngesteuerten Zombie, der der Wahrnehmung seines Bildschirms mehr vertraut als der physischen Realität: Da müsste jetzt eine Tür sein oder ein Schalter in der Wand, doch da ist nichts. Man sucht so lange, bis die virtuellen Vorgaben erfüllt sind – denn sie sind es, die einzig Orientierung garantieren. Die physische Raumerfahrung verkümmert zum Wahrnehmungsappendix, der nur noch dem ungestörten Fortkommen dient. Jede freie Entscheidung ist ausgehebelt, dafür sorgen die Anweisungen. Den Blick starr auf den Monitor geheftet, bewegt man sich durch den Raum. Und wenn’s langweilig wird, kann man nicht mal im Programmheft lesen.

Denn mit jeder Unaufmerksamkeit steht die komplexe logistische Struktur auf dem Spiel, bei dem sich die Zuschauer ständig begegnen, sich die Hand schütteln, sich in den Mantel helfen oder Dinge platzieren müssen, auf die der andere angewiesen ist. Immer mal wieder tauchen die helping hands des Perfomancekollektivs auf und weisen Irrenden behutsam den richtigen Weg. Nie lässt sich der Gedanke ganz abschütteln, dass ein großes Auge über einem wacht: die Theatralmacht Rimini Protokoll, die in ihrem Situation Room alles im Griff hat. Das schafft Vertrauen und erschreckt. Es ist nicht das Thema Waffen, das diesen 90-minütigen Parcours spannend macht, sondern das wahrnehmungsästhetische Experiment, das bis zur radikalen Erfahrung der Selbstpreisgabe reicht. Nie war man im Theater unfreier, nie war das erhellender.

Die "Situation Rooms" kann man auf der Ruhrtriennale bis zum 15. September sehen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare