In vielen Sesseln

Biografie Der His­toriker Lothar Gall porträtiert den Industriellen und Intellektuellen Walther Rathenau, der vielleicht der schillerndste Politiker der Weimarer Republik war.

"Auch Rathenau, der Walther, erreicht kein hohes Alter“ lautete der in der frühen Weimarer Republik der Kampfruf gegen den Sohn des AEG-Gründers: Tatsächlich wurde Walther Rathenau am 24. Juni 1922 im offenen Wagen aus einem vom späteren Schriftsteller Ernst von Salomon besorgten vorbeifahrenden Auto ermordet. Verwilderte Freikorpsmänner waren die Täter. Rathenau war für sie und sehr viele Deutsche doch nur ein Demokrat, ein Erfüllungspolitiker – und ein Jude, ein ungetaufter dazu. Wegen des militanten und aggressiven Nationalismus- und Antisemitismusschubs der ersten Nachkriegszeit ahnte der Intelletuelle jene trostlosen, hoffnungslosen Zustände des Landes halbwegs voraus, mit denen wir bis heute zu schaffen haben – Hitler war damals schon aktiv.

Der Historiker Lothar Gall ist ein guter Kenner dieser Zeit und hat 1989 ein Buch über das Bürgertum in Deutschland geschrieben. Deshalb ist sein Werk auch weniger eine Biografie Rathenaus als Walther Rathenau: Portrait einer Epoche">das Portrait einer Epoche. Merkwürdigerweise erinnert er schon in seiner Einleitung daran, dass Robert Musil Rathenau in seinem Mann ohne Eigenschaften als Dr. Arnheim karikiert vorgestellt hat, als einen Außenseiter und intellektuellen Hochstapler.

Bis auf das Bild vom Außenseiter entspricht Musils Rathenau nicht dem von Gall. Er konzentriert sich auf die Darstellung des Bürgertums, in der der Name Rathenau immer wieder einmal wie ein Alibi auftaucht. Der Industriellensohn kam 1867 in Berlin zur Welt. Er wuchs als deutscher Jude auf. Theodor Herzls Zionismus nannte er eine Illusion: Die deutschen Juden hätten nur dann eine Chance, wenn sie ihre eigene Identität aufgäben und „deutschgeartete und -erzogene Juden“ seien.

Rathenau konnte sich über viele Jahre nicht entscheiden, ob er der Sohn und Nachfolger seines Vaters oder ein reiner Intellektueller oder Politiker werden wolle. Anfänglich war er ein den altpreußischen Ideen und dem Geist des friederizianischen Preußentums, aber auch Bismarck zugewandter Mensch, der dank der Stellung seines Vaters in unendlich vielen Aufsichtsräten – auch dem der AEG – saß und deshalb bald „Aufsichtsrathenau“ genannt wurde. Zwischen 1893 und 1898 war er Geschäftsführer eines AEG-Werkes in Bielefeld, danach Vorstandsmitglied der AEG selbst. 1902 überwarf er sich mit seinem Vater und ging in den Vorstand der Berliner Handelsgesellschaft, der für die AEG entscheidenden Großbank. Rathenau war zugleich Befürworter des kulturellen Aufbruchs um 1900. Er publizierte laufend – zum Beispiel in der von seinem Freund Maximilian Harden herausgegebenen Zeitschrift Zukunft – und kannte viele berühmte Schriftsteller, Architekten und Künstler.

Zu wenig Ethik

Mitunter führt Gall seine Leser allzu tief in die Geschichtssoziologie. Erst später wird er wieder konkret, wenn es um Rathenaus gesellschaftliche Rolle als bürgerlicher Liberaler geht, der zunehmend linke Ideen entwickelte. Wirtschaft sei „nicht Privatsache, sondern Gemeinschaftssache, nicht Anspruch, sondern Verantwortung“, schrieb er. Er meinte auch, die materiell Begünstigten der Mechanisierung besäßen zu wenig Substanz, zu wenig ethische Werte, um diesen Prozess zu steuern und in gedeihliche Bahnen für den einzelnen und die Gemeinschaft zu lenken. Schon damals plädierte er dafür, das Erbrecht auf ein Minimum zu beschränken, weil es sonst keine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse geben werde. Seine Vorstellung von einer „Gemeinwirtschaft“ stieß freilich ebenso auf heftige Ablehnung.

1912 und 1913 schrieb er zwei Bücher: Zur Kritik der Zeit und Zur Mechanik des Geistes. In die aktive Politik geriet er erst durch den Weltkrieg – als hochkompetenter Leiter der neuen Rohstoffabteilung des Kriegsministeriums. Er verließ den Posten aber 1915 schon wieder und schrieb sein wohl berühmtestes Buch Von kommenden Dingen, das 1917 erschien. Der Außenseiter, der dennoch großes Ansehen und Aufmerksamkeit erweckte, den jedoch kaum einer richtig ernst nahm, wurde nach dem Krieg erst Sachverständiger der Reparations-Kommission und unter Kanzler Wirth Wiederaufbauminister und schließlich Reichsaußenminister. Mittlerweile war er zur Reizfigur der Rechten geworden, die ihn schließlich umbrachte.

Rathenaus Villa in der Königsallee in Berlin-Grunewald steht noch – und das Grunewald-Gymnasium heißt jetzt „Walther-Rathenau-Schule“. Das ist zwar tröstlich, ändert aber die deutsche Geschichte nicht.

Walther Rathenau: Lothar Gall. C.H. Beck, München 2009, 299 S., 22,90 Portrait einer Epoche

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12:50 23.07.2009

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