Innere Entwicklungen

Porträt Liao Yiwu ist chinesischer Dissident und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Und er wird zum Trump-Fan

Im Mai 2018 traf der Freitag Liao Yiwu zum Interview. Gerade war sein Buch Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass erschienen, in dem er seine Flucht aus China schilderte. „In China passieren Dinge, die jenseits der Fantasie des besten Schriftstellers sind“, sagte Liao in dem zweistündigen Gespräch und kam auf Ai Weiwei zu sprechen, der damals noch in Berlin lebte: „Vor ein paar Wochen sehe ich plötzlich ein Selfie, auf dem zwei Menschen sich herzen. Das waren Ai Weiwei und Alice Weidel. Hat der Kerl sich nicht gerade noch für Flüchtlinge eingesetzt? Als Schriftsteller beschreibe ich Figuren, die eine innere Entwicklung haben, aber wie kann jemand so unvermittelt von ganz links nach ganz rechts springen?“

Die Frage möchte man Liao, 62, nun selbst stellen. Mehrfach retweetete er zuletzt Donald Trump mit der Behauptung, dessen Wahlsieg sei von den „unterdrückerischen Fake-News-Medien“ vertuscht worden. Neben Beiträgen der rechtsradikalen Breitbart News und einem Interview mit deren Ex-Herausgeber Stephen Bannon teilte Liao eine Grafik, die suggeriert, der jüdische US-Unternehmer George Soros sei in einen Wahlbetrug involviert.

Wie wird aus dem „Volksschriftsteller im umfassenden Sinn“, der für „Menschenwürde, Freiheit und Demokratie“ einsteht – so die Jury, die Liao Yiwu 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannte –, ein Unterstützer Donald Trumps?

Auf Anfrage schreibt Liao, seine Haltung habe „mit links und rechts“ nichts zu tun. Er verstehe kein Englisch und habe Trumps Tweets geteilt, weil Twitter sie mit Warnhinweisen versehe, die an die Zensur der KP Chinas erinnern würden. Unter dem Trump-Tweet „RIGGED ELECTION!“ – von Liao kommentarlos weitergeleitet – etwa ist zu lesen: „Diese Behauptung über Wahlbetrug ist umstritten.“

„Ihr Westler wart nie im Gefängnis, weil ihr für Redefreiheit gekämpft habt, (…) aber ich bin im Gefängnis fast gestorben“, schreibt Liao. „Wenn Trump zensiert wird, retweete ich Trump. Wenn Biden zensiert wird, retweete ich Biden. Wenn ‚Verschwörungstheorien‘ zensiert werden, retweete ich die ‚Verschwörungstheorien‘.“ Das Einzige, was zensiert und gelöscht gehöre, sei die KP, die das „Wuhan-Virus“ (die Wortwahl der Trump-Regierung) verbreite. Doch sie werde von Twitter und „sämtlichen westlichen Medien“ nicht blockiert.

Davon abgesehen, dass Trump keiner Zensur untersteht, sondern der Faktenprüfung eines Medienunternehmens, teilt Liao auch Beiträge aus dem Trump-Lager, die keine solchen Hinweise tragen, etwa einen Weihnachtsgruß von Kayleigh McEnany, der Sprecherin des Weißen Hauses, oder das Bild, das wahlbetrügerische Verstrickungen George Soros’ impliziert.

In den E-Mails, die regelmäßig aus Liaos Verteiler eintreffen, war von Trump bislang kaum die Rede. Stand „Die Wahrheit ist tot“ im Betreff, so bezog sich das auf die Vertuschung des Corona-Ausbruchs in Wuhan. Der Ansage „Your Mother-fucking Fatherland has Come“ folgte ein Gedicht über den Kampf der Hongkonger Demokraten: „An euren Türschwellen werdet ihr bezeugen / Gemetzel und mehr Gemetzel / Genau wie vor dreißig Jahren.“ Damals, 1989, ließ Deng Xiaoping in Peking die Demokratiebewegung brutal niederschlagen. Und Liao schrieb sein Gedicht Massaker, für das er vier Jahre ins Gefängnis kam.

In Deutschland fand Liao Unterstützer in Herta Müller, Wolf Biermann und Peter Sillem, dem früheren Geschäftsführer des S. Fischer Verlags, in dem die meisten seiner Bücher erschienen sind, zuletzt Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Seit 2011 lebt Liao in Berlin. Sein Engagement gegen die KP-Diktatur beeinflusst mitunter die höchsten Ränge der deutsch-chinesischen Beziehungen. Es war auch sein Verdienst, dass die Künstlerin Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, vor zwei Jahren nach Berlin ausreisen durfte. Liaos Aufrufe hatten Angela Merkel erreicht, die sich daraufhin für die Künstlerin einsetzte. Später schrieb Liao den Erfolg aber auch Trump zu, dessen harte Hand im Handelskrieg mit China entscheidend gewesen sei.

Der liberale chinesische Intellektuelle, der mit dem Trumpismus liebäugelt, ist kein unbekanntes Phänomen. Der chinesische Politikwissenschaftler Yao Lin verwies unlängst auf die auffällige Trump-Verehrung einiger Dissidenten. Diese sei keineswegs nur als „pure Taktik“ (meines Feindes Feind ist mein Freund) oder mit „neoliberaler Affinität“ (Verachtung des KP-kontrollierten Marktes, Bewunderung für die deregulatorischen US-Republikaner) zu erklären, sondern auch mit einem „Leuchtturmkomplex“, bei dem die USA als unfehlbares westliches Ideal gelten. Beispiele seien der liberale Rechtsphilosoph Gao Quanxi, der 2017 bei einem Vortrag an der Harvard-Universität Trump seine Hochachtung aussprach, und die Soziologin und Menschenrechtlerin Guo Yuhua, die den Präsidenten 2018 auf Twitter gegen linke „Hooligans“ verteidigte.

Seinem bipolaren Verhältnis zu Xi Jinping zum Trotz gilt Trump etlichen KP-Kritikern als formidabelster Gegner, den der Westen gegen China aufzubieten hat. Dabei spielt oft die gleiche Existenzsorge eine Rolle, die Hongkongs Demokratieaktivisten mitunter ins Bündnis mit den US-Republikanern treten lässt; die Sorge, die auch vielen Taiwanesen, Bürgern des liberalsten Landes Ostasiens, bei Joe Bidens Sieg ein flaues Gefühl mitgab. Trumps Gerede vom „sozialistischen“ Kandidaten Biden resoniert anders in Köpfen, deren Dasein im Dauerfeuer des chinesischen Sozialismus steht.

Auch bei Liao Yiwu? Eines jedenfalls ruft sein Sinneswandel in Erinnerung: Dissidenz, und sei sie noch so mutig, ist zunächst eine Haltung der Ablehnung.

Cornelius Dieckmanns Interview mit Liao Yiwu erschien in der Freitag-Ausgabe 22/2018

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