Innerlich

Sprachfundus Oettinger und die Folgen in der Pipeline

"Innerlich war er ein Antifaschist". Das kann man nun von vielen Helfern Hitlers glauben, und Oettinger sagte ja nicht, dass er das weiß, er glaubte es lediglich. Überhaupt Nazi oder Stasi, der Mensch "findet nicht immer die Kraft", sich dem Unrecht entgegen zu stellen, und die Deutschen sollten ihr Land endlich wieder lieben, so wie Florian Henckel von Donnersmarck es liebt, der bei der Oscar-Verleihung für Das Leben der Anderen sagte: "Wann hat man schon die Möglichkeit, in Friedenszeiten etwas Besonderes für sein Land zu tun?" So denkt eben ein gut erzogener Nachkomme des schlesischen Adels und der preußischen Elite. Möglich, dass es eines Tages wieder opportun wird, zu sagen: "Ich war immer im Innern ein Nationalsozialist, ich hatte nur nicht die Kraft es öffentlich zu zeigen".

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog beschreibt in seiner Autobiographie Jahre der Politik einen Polenbesuch zum 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes mit folgenden Worten: "Und fast immer hieß es, ›Fast meine ganze Familie ist damals ausgerottet worden‹. Diese Aussage überraschte mich nicht. Überraschend war jedoch der Nachsatz, der immer sofort angefügt wurde, und der lautete ungefähr so: ›Ein Drittel durch die Deutschen, zwei Drittel durch die Russen.‹ Die Prozentsätze wechselten natürlich von Fall zu Fall, aber die Quintessenz war immer die gleiche. Ich weiß bis heute nicht, ob das alles der Wahrheit entsprach, oder ob damit nicht nur ausgedrückt werden sollte, dass meinen Gesprächspartnern an einem solchen Tag der deutsche Gast immer noch lieber war als der russische. Jedenfalls hat es mir an diesem heiklen Tag geholfen." Das ist wirklich heikel, dass ihm etwas, "das vielleicht nicht der Wahrheit entsprach", so geholfen hat und dass er die Wahrheit bis heute nicht weiß.

"Der russische Bär zeigt wieder seine Klauen", das ist die uralte Metapher. Nietzsche sagte über den Journalismus: Bei der Sprache komme es nie auf die Wahrheit an, und es würden stets Metaphern gebraucht, und zwar immer die kühnsten. Kühn scheint auch die Metapher Kardinal Meißners für Papst Benedikt zu sein, er sei der "Mozart unter den Päpsten". Der Mozart unter den Päpsten versichert, dass uns die Vernunft sagt, Jesus sei Gottes Sohn.

Es lebe die Vernunft und das helle Licht der Wahrheit! Wegen der dem Glauben nachstehenden Wahrheiten hat auch Prof. E. Jüngel sich in seiner Würdigung Paul Gerhardts engagiert (FAZ 7.4.07): "Es gibt Wahrheiten, die erst dann in ihrem Element sind, wenn sie gesungen ... werden." Ja, das trifft zu, gesungen bewegen Wahrheiten uns viel stärker. Aber ungesungen bleibt eine Wahrheit eine Wahrheit, das weiß auch Prof. Jüngel: "Die Wahrheiten sind zwar auch dann nicht belanglos, wenn sie prosaisch daherkommen". Aber plötzlich steht da: "In trivialer Prosa mitgeteilt, bleiben sie (die Wahrheiten) belanglose Meinungen, und Meinungen, das hat Immanuel Kant uns eingeschärft, sind keine Wahrheiten." Da haben wir es - eines Tages wird mit der Aufklärung zurück geschossen. In einer Talkrunde zu Christian Klars Haftentlassung konnte man von der Moderatorin gegen die besänftigenden Argumente von Frau Vollmer den Ausruf hören: "Frau Vollmer, wir werden alle eines Tages vor einem höheren Richter stehen!" Alle Achtung, dass war schon so etwas wie ein Schuss vor den Bug.

Das natürliche Sprachgefühl wehrt sich gegen die Wortwahl, wenn die Sprachprüfungen für Vierjährige in Nordrhein-Westfahlen "Sprachstandstests" genannt werden, und dort die Kinder mit "Quatschsätzen" konfrontiert werden: "Mittags riecht das Sofa einen dummen Stuhl." Das kann nicht gut gehen, denkt man, und es geht wohl auch nicht gut, 60 Prozent der Kinder müssen noch einmal durch den Sprachstandstest. Die Katze aus dem Sack lässt die CDU-Bundestagabgeordnete Gitta Connemann: "Mangelndes Deutsch beweist eine gestörtes Verhältnis zum Patriotismus."

In einer Radiodiskussion verlangten Bundeswehrbeauftragte endlich einen "Befreiungsschlag in Sachen finanzieller Ausstattung". Für die Rente mit 67 hat man "einen bunten Strauß von Maßnahmen zusammengestellt." Ein Wetteransager hat "noch einen Wirbelsturm anzubieten". Reisende nach Australien können "die eigenartige Natur des Felsens konsumieren." Bei der Aidsberatung im Bundestag wurde davon gesprochen, dass bei den Hilfsorganisationen in Afrika "27 Medikamente in der Pipeline" sind. "Was wir da so in der Pipeline haben", sagt auch der Neuropsychologe im ZDF-Nachtstudio über "Gerechtigkeit". Passt da so ein Wort aus der Ölindustrie? Ich glaube nicht, dass man das alles mit mangelndem Patriotismus erklären kann.


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00:00 27.04.2007

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