Insel der Jugend

Kult Die Zeitschrift „Sibylle“ machte in der DDR das Leben zum Teil der Modefotografie. Eine Ausstellung feiert nun die Urheber – als Künstler, nicht als historische Anekdote

Die Frau läuft uns entgegen, ihr Blick geht nach unten, der Mantel ist graumeliert, das Haar umweht. Im Hintergrund sieht man einen Gasometer, grauen Himmel, einen Baum, eine Straßenlaterne. Unscharf, abstrakt, dynamisch. Es ist eines dieser Fotos, das man im Kopf behält, ein Bild wie aus einem Kinofilm. „Markant gemusterter Fischgrät ist das Material dieses Übergangsmantels mit großen Taschen, lockerem Bindegürtel und tief eingesetzten Ärmeln“, erklärt der Text am Rand. Entstanden ist das abgebildete Kleidungsstück, ein Teil aus der Herbstkollektion 1962, im VEB Treffmodelle, einer Nähfabrik in der Greifswalder Straße, Prenzlauer Berg.

Das schwarzweiße Bild dieses namenlosen Models im Mantel – mit dem sachlichen Titel Berlin, 1962 – markiert einen Aufbruch. Es gehört zu den ersten Fotografien, die Arno Fischer für die Modezeitschrift Sibylle anfertigte. Es ist der Versuch, die Wirklichkeit, Dynamik, das Leben zum Teil der Modefotografie zu machen. Mit Fischer zog die „Street Photography“, die Ästhetik einer Dorothea Lange, eines Lee Friedlander oder einer Helen Levitt, in die Bilderwelt der Sibylle ein. „Wir haben erst einmal die Puppenposen abgeschafft“, hat der 2011 verstorbene Fotograf seinen Einstieg bei dem Magazin einmal beschrieben.

Ein Fenster zur Welt

Die Geschichte der Sibylle fasziniert, weil sie etwas davon erzählt, was in der dominierenden Geschichtsschreibung der DDR meist unter den Tisch fällt – weil sie Glamour und Sozialismus, die meist eben wie ein Gegensatzpaar erscheinen, zusammenbringt. 1956 gründete Sibylle Boden-Gerstner die Illustrierte. Die Künstlerin und Designerin, 1920 geboren, entstammte einer deutsch-jüdischen Familie aus Breslau. Vor den Nationalsozialisten floh sie nach Paris, wo sie an der Hochschule der Schönen Künste Malerei studierte. Nach dem Krieg arbeitete sie in Berlin an einer privaten Modeschule und als Kostümbildnerin für die DEFA. Boden-Gerstners Sibylle sollte ein Fenster zur Welt sein: Aus Paris, Nizza oder Wien berichteten Korrespondenten von den Entwicklungen auf dem internationalen Modemarkt.

Das Magazin wurde aus dem Stand ein Erfolg. Sechsmal im Jahr erschien die Zeitschrift für Mode und Kultur. Die Kleidung, die darin zu sehen war, gab es jedoch nur in den seltensten Fällen zu kaufen – umso begehrter waren die beigelegten Hefte mit Schnittmustern. Die Auflage, beschränkt auf 200.000 Exemplare, war regelmäßig schnell vergriffen.

1961 musste Boden-Gerstner ihre Erfindung verlassen – die Zeitschrift war den Machthabern „zu französisch“ geworden. Doch die Sibylle nutzte den Abgang ihrer Gründerin zu einer Neuerfindung. Das lag vor allem an einer jungen Gestalterin, die an der Akademie in Weißensee studiert hatte. Dorothea Bertram, die später den Fotografen Roger Melis heiraten und dessen Namen annehmen sollte, hatte die Sibylle in ihrer Diplomarbeit kräftig verrissen. Zu bieder, zu brav, zu mutlos erschien ihr die Frauenzeitschrift. Die damalige Chefredakteurin Margot Pfannstiel lud die junge Kritikerin zum Gespräch – und machte sie direkt zur leitenden Moderedakteurin. Mit Bertram kamen die Fotografen, die mit ihren avantgardistischen Bildern den Grundstein für den heutigen legendären Ruf der Sibylle legten: erst der tonangebende Arno Fischer, dann Roger Melis, Sibylle Bergemann, Wolfgang Wandelt, später Ute und Werner Mahler. Sie machten, wenn man solche Vergleiche denn überhaupt braucht, aus der „ostdeutschen Vogue“ die „ostdeutsche Twen“.

Die Ausstellung Sibylle – Die Fotografen in den Rüsselsheimer Opelvillen ist Teil einer Kooperation mit der Kunsthalle Rostock, die auch gemeinsam mit Ute Mahler den Katalog herausgegeben hat, der über 500 Abbildungen umfasst. Während die Rostocker Schau im vergangenen Jahr den Fokus auf die Geschichte des Magazins legte, stehen in Rüsselsheim nun die Bilder für sich. Die Abzüge, etwa 200 Stück, werden in dichter Hängung gezeigt, auf Wandtexte wurde verzichtet, in einem einzigen Gang sind einige Layouts und Magazinseiten ausgestellt. Es sind die Fotografen, die hier gefeiert werden – als Künstler, nicht als historische Anekdote.

Was man in den Räumen der schmucken Altbauvilla sieht, ist umwerfend: die strengen, selbstbewussten Frauen, die Roger Melis wie Ikonen in Szene setzte; die Bilder von Ulrich Wüst, einem früheren Stadtplaner, der seine Models in grafisch klaren Architektur-Settings arrangierte; die surreal-fantastischen Welten, die Sibylle Bergemann schuf; die Nachtgestalten des Ost-Punks Sven Marquardt, der als Türsteher des Berghains heute eine Berühmtheit ist. Beinahe alle Bilder sind in kontrastreichem Schwarzweiß – eine Ästhetik, die auch der mangelnden Wirtschaftskraft der DDR geschuldet war. Für opulente Farbstrecken fehlten die Etats – und oft auch die Technik.

Die Modefotografie im Auftrag der Sibylle war für die Künstler wie eine rettende Insel, ein Freiraum. Hier konnten sie, die mit der Fotografie experimentierten, die einen ungeschönten Blick auf ihr Land werfen wollten und denen es an Ausstellungs- und Publikationsmöglichkeiten eigentlich immer mangelte, endlich ihr Werk veröffentlichen. Die Stasi überwachte zwar das Redaktionstelefon der Sibylle, in die Gestaltung und Bildauswahl der Zeitschrift aber mischte sich der Staat nicht ein. So konnte die Frauenzeitschrift auch zeigen, was anderswo der Zensur zum Opfer fiel: die Bitterfelder Schlote, den kaputten Prenzlauer Berg.

Eine Entdeckung in der Schau sind die Bilder von Elisabeth Meinke. Nach einer Ausbildung zur Gebrauchswerberin studierte sie in Weißensee zunächst Malerei, später Modedesign. Erst nach und nach übernahm sie für die Sibylle kleinere Fotoaufträge. In der Ausstellung nimmt nun eine in Farbe fotografierte Produktion, die 1979 unter dem Titel Visite in Armenien erschienen ist, großen Raum ein. In den unberührten Landschaften wirken Meinkes Models wie Fremdkörper, wie Fabelwesen. Ihre Bildsprache ist geprägt von einer ungeheuren Spannung, von Konzentration. Es sind Bilder, die kaum jemand kennt, die mit den weltberühmten, in nordafrikanischen Wüsten für die westdeutsche Brigitte entstandenen Modefotos eines F. C. Gundlach aber mit Leichtigkeit mithalten. Als die Wende kam, hörte Elisabeth Meinke augenblicklich auf, Mode zu fotografieren. Ihre Zeitschrift hielt noch etwas länger durch: Für kurze Zeit im Gong-Verlag (Ein Herz für Tiere, Bild + Funk), später im von den Redakteurinnen gegründeten Eigenverlag erschien die Sibylle bis 1995.

Info

Sibylle – Die Fotografen Opelvillen Rüsselsheim bis 26. November

06:00 03.10.2017

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