Irrungen und Wirrungen

Was geschah am 6. Mai 1945 in Prag? Über einen notwendigen und doch misslungenen Schleyer-Film

Eine "posthume Hinrichtung" vollzog sich am Abend des 20. August in der ARD. So stand es jedenfalls in der Welt, die erläuterte: "Der Delinquent heißt Hanns Martin Schleyer; er wurde am 18. Oktober 1977 von Terroristen erschossen." Der Journalist Lutz Hachmeister schwinge sich ein Vierteljahrhundert danach "zum publizistischen Ankläger, Richter und Vollstrecker" auf, zum Henker also, der Schleyer ein zweites Mal umbringe.

Damit hält sich die Welt auch heute noch an ein Gebot des Hamburger Schulsenators Günter Apel von 1978. Er untersagte es damals den Lehrern der Hansestadt, im Unterricht etwaige "dunkle Punkte" im Leben des Hanns Martin Schleyer auszuleuchten, der nach seiner Wahl zum Doppelpräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und zugleich der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände von RAF-Leuten entführt und ermordet worden war. Diese "dunklen Punkte" sind nicht völlig ausgespart in Hachmeisters ARD-Film Schleyer. Eine deutsche Geschichte, der auch in einigen Programmkinos läuft. Hachmeister, so die Welt, sage es nicht offen, aber man spüre es stets: "Das Opfer gilt dem Regisseur als legitimes Ziel, der Terror der RAF als mindestens nicht unbegründet." In Wahrheit habe Schleyers "Verhalten dem von Millionen anderer Deutscher entsprochen." Deshalb klagt die Welt: "Eine gründliche und um Fairness bemühte Dokumentation wäre also lohnend gewesen."

Nahezu die gesamte übrige Presse war sich einig, dass Hachmeisters Film über Schleyer fair ist und einfühlsam. Dass Hachmeister sich überhaupt des Themas angenommen hat, ist verdienstvoll, wie die Reaktion der Welt bestätigt, auch wenn der Film nicht viel Neues bringt und gegenüber Schleyer eher zurückhaltend bleibt. Aus den reichlich vorhandenen Unterlagen über Schleyers Heidelberger Studentenzeit im Korps Suevia und in der SS zitiert Hachmeister einiges in Wort und Bild. Dass Schleyer als studentischer Leiter des Heidelberger Studentenwerkes zugleich Beauftragter des SD, des terroristischen Sicherheitsdiensts der SS, war, bleibt allerdings unerwähnt, ebenso die folgenreiche Denunziation des Freiburger Rektors Friedrich Metz.

1941 kam Schleyer in gleicher Funktion an die Universität im besetzten Prag und wurde schnell Leiter des Präsidialbüros des "Centralverbandes der Industrie für Böhmen und Mähren". Dessen Präsident, der gleichzeitig Beauftragter des Reichsprotektors Dr. Bernhard Adolf war, überließ Schleyer die Arbeit. Dass von dieser Prager Dienststelle aus die wirtschaftliche Expansion nach ganz Südosteuropa betrieben wurde, verbleibt in Hachmeisters Film im Schummerlicht der Fairness. Und kein Wort davon, dass die Reichsgruppe der Industrie 1941 ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass in Fragen der "Entjudung" im "Protektorat" der Dr. Adolf vom Centralverband zuständig sei, dem Schleyer als rechte Hand zuarbeitete.

Immerhin bringt der Film einen wichtigen Hinweis: Schleyers Vorgänger im Centralverband Friedrich Kuhn-Weiss plaudert ganz nebenbei aus, wie die Familie Schleyer zu ihrer Prager Villa kam: "Es waren viele Villen frei, bedingt durch die Verhältnisse, dass die Besitzer nicht mehr da waren." Sagt er, grinst verlegen und präzisiert: "Die Vorbesitzer." Vorbesitzerin Marie Waignerová wurde nach Auschwitz deportiert und umgebracht. Frau Schleyer dagegen, Tochter des SA-Gruppenführers Ketterer, erinnert sich kaum: "Das wurde uns dann angeboten. Ich weiß auch nicht mehr, wie das richtig vor sich gegangen ist. Wir haben dann plötzlich drinnen gewohnt."

Schleyer-Vorgänger Kuhn-Weiss taucht im Film noch in einer anderen Rolle auf und wird zum indirekten Kronzeugen gegen den verstorbenen Schriftsteller Bernt Engelmann. Der hatte eine Fülle von Indizien vorgelegt, dass Schleyer der letzte SS-Kampfkommandant von Prag gewesen sei und bei einem Massaker am 6. Mai 1945 insgesamt 41 unbewaffnete ältere Männer, Kinder unter drei Jahren und Frauen, darunter zwei Hochschwangere, umgebracht habe. Aufgrund der Aussage von Kuhn-Weiss, er habe Schleyer am 5. Mai aus der Stadt gebracht, setzt Hachmeister diesen Tag für die gefährliche Flucht aus Prag fest, womit Schleyer das Massaker vom 6. Mai nicht befehligt haben könnte.

Über Datum und Umstände von Schleyers Flucht aus Prag gibt es mehrere widersprüchliche Darstellungen. Eine 1987 erschienene biographische Darstellung von Fritz Lüttgens (Hanns Martin Schleyer - eine Verkörperung der sozialen Marktwirtschaft), behauptet, dass Schleyer "am 5. Mai 1945, wenige Stunden nach Gelingen des tschechischen Aufstandes, sein Amt noch in Ruhe einem tschechischen Kollegen übergeben und das Protektorat ungehindert verlassen" konnte. Hachmeister verrät nicht, ob er wenigstens die einfachsten Schritte unternommen hat, um Engelmanns Hinweise entweder zu bestätigen oder zu entkräften. Gab es in der Usboská-Straße 253 ein Schulgebäude, in dem die SS am 6. Mai ein Massaker an Zivilisten veranstaltete? Heißt die Usboská heute wirklich Straße des 6. Mai? Steht dort ein Denkmal für 41 von der SS ermordete Menschen?

Engelmann hat Fotos abgedruckt, die natürlich auch von einem ganz anderen Massaker stammen können. Wenn das überprüft ist - Hachmeister äußert sich dazu nicht - lässt sich die Frage stellen, wer der SS-Kampfkommandant war. Zeugen haben ihn so beschrieben, dass kaum ein anderer in Frage kommt als Schleyer. Hat Hachmeister versucht, diese Zeugen ausfindig zu machen? Oder sind sie nicht aufzufinden? Darüber gibt Hachmeister keine Auskunft. Was eigentlich hat er recherchiert? Im Film zeigt er fast nur die Erzählungen von eng mit Schleyer verbundenen sogenannten Zeitzeugen. Engelmann hat seine Vorwürfe im dokumentarischen Anhang zu seinem Schlüsselroman Großes Bundesverdienstkreuz 1987 und noch einmal 1992 veröffentlicht, ohne dass die zuvor befragten Angehörigen Schleyers juristisch irgend etwas unternahmen.

"Sie wissen, wer das Buch maßgeblich geschrieben hat: die Stasi." Das sagt Kurt Biedenkopf im Film. Und mit diesem Stasi-Vorwurf verteidigt sich Hachmeister auch gegen die Welt: "Kurt Biedenkopf sagt das auch in dem Film, und ich sage es im Kommentar. Engelmanns Mutmaßungen, Schleyer sei ›der letzte Kampfkommandant von Prag‹ gewesen oder ähnliche Konstruktionen kommen in dem Film doch gar nicht vor."

Kurt Biedenkopf wird, warum ist nicht erläutert, im Film als "politischer Weggefährte" Schleyers bezeichnet. Er gehörte dem, nur in einem Nebensatz erwähnten, höchst einflussreichen Nachkriegs-Kreis um den Pegulan-Fabrikanten Fritz Ries an, der durch umfangreiche Arisierungen im Osten groß geworden war. In diesem Kreis verkehrten Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl, der spätere Ries-Schwiegersohn Kurt Biedenkopf und eben auch Schleyer. Zeitzeuge Biedenkopf über Schleyers Prager Vergangenheit: "Ich habe mit ihm nie darüber sehr vertieft gesprochen. Er hat auch keinen Anlass dazu gegeben. In Bezug auf diese Menschen, die in Wirrungen und Verirrungen und nachher auch in Selbstfindungen einen Weg gefunden haben, war ich sehr zurückhaltend, mich mit Fragen aufzudrängen."

Und Hachmeister fragt wieder nicht nach. Ob etwa die Rekrutierung von Zwangsarbeitern über Schleyers Schreibtisch gelaufen ist, interessiert ihn nicht so sehr. Das wäre ihm zu sehr "politisch korrekt" erschienen, versicherte er in der Hamburger Pressekonferenz zum Film, als einer ihn fragte, warum er nicht einen der Zwangsarbeiter aus den von Schleyer beherrschten Betrieben ausfindig gemacht habe. Für den Film hatte er genügend Zeit, ausreichende Mittel und drei Rechercheure zur Verfügung. Es ist zu hoffen, dass von dem gesammelten Material noch möglichst viel bekannt wird, wenn die von Hachmeister angekündigte Biographie in Buchform vorliegt. Ob er dann auch die Dokumente präsentieren kann, die den vollmundig gegen Engelmann vorgebrachten Stasi-Verdacht belegen?

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00:00 29.08.2003

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