James Deans

Literatur „Guten Morgen, du Schöner“ versammelt Protokolle von Ost-Männern
James Deans
Wir sind nicht wie die anderen Jungs, oh-oh-oh-oh-oh! Doch eure Mädchen tanzen mit uns

Foto: Daniel Biskup/laif

Im Jahr 1986 erschien zeitgleich bei Luchterhand (BRD) und im Verlag Der Morgen (DDR) Christine Müllers James Dean lernt kochen. Die Männerprotokolle folgten dem berühmten und für viele Frauen in Ost und West sinnstiftenden Buch Maxi Wanders Guten Morgen, du Schöne. Die FAZ konstatierte damals, dass trotz Mauer und Systemkampf offensichtlich in beiden deutschen Staaten das Rollenstereotyp des Mannes in Bewegung geraten sei, dass „die tradierten Leitbilder nicht taugten und Irritation, Ratlosigkeit und Verunsicherung“ die Männerszene beherrschten.

Drei Jahre später fiel die Mauer, brach das eine System zusammen, wurde der Ost-Mann zum Topos eines auf Krawall gebürsteten Verlierers, im rechten Arm eine Dauererektion, einer der Häuser anzündet, in denen Fremde leben. Das ließ sich so gar nicht mit dem in Übereinstimmung bringen, was Christine Müller drei Jahre zuvor, literarisch verarbeitet, hatte zu Protokoll geben lassen. Man machte sich viele – auch viele kluge – Gedanken. Dann kamen Pegida und die AfD und der Ost-Mann geriet erneut ins Blickfeld, auch jene Kerle, für die 1989 sozusagen die Stunde null war, weil sie noch mit dem Pionierhalstuch rumliefen oder gerade mal in die oder gerade mal aus der Pubertät gelangten. Aus welchem Ei war nur der Jammerossi geschlüpft?

Bereits Anfang der 1990er zeichnete sich ab, dass die ostdeutschen Frauen nicht die Verliererinnen der deutschen Einheit sein würden, denn wer richtig abstürzt, muss vorher oben gestanden haben. Tatsache ist, dass nach der Wende und in den ersten Jahren, als sich das neue und zugleich viel ältere ökonomische System alles einverleibte, vor allem die ostdeutschen Männer tief fielen. Sie verloren Status, Position, Macht, Einfluss, Seilschaften – denn auch im Sozialismus, solange er real existierte, hatten im Wesentlichen Männer das Sagen. Nun aber waren sie nicht mehr gefragt. Die Kunstfigur des Jammerossis ist männlich.

„Nein“, sagt die Autorin Greta Taubert, „ich kann und will nicht länger auf Balkendiagramme glotzen, aus denen immer nur der blaue Neurechte wie ein Monolith heraussticht“, schreibt sie im Vorwort ihres Buches Guten Morgen, du Schöner, das 15 Männerprotokolle enthält und viele klug eingewobene Überlegungen und Reflexionen der Autorin. Taubert gibt sich auf geradezu anrührende Art und Weise als eine zu erkennen, die den Ost-Mann mag. Sie findet ihn extrem einseitig bis unterbelichtet in der Öffentlichkeit dargestellt. Während Bild wissen will: „Warum sind Ost-Männer so böse?“, fragt sie: „Warum gucken wir immer nur durch die gleiche Brille?“ Das ist gut, auch wenn es nicht die Macht des Faktischen – jene blauen Balken in den Diagrammen – besiegt. Aber das scheint auch nicht der Anspruch der Autorin zu sein, die sagt: „Würde ich mir den ostdeutschen Mann ausschließlich über die Medien erschließen wollen, dann sehe ich: einen verbitterten, speckigen, sturen Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Typen, der sich von allem und allen ungerecht behandelt fühlt.“

Greta Tauberts Erfahrungen jedoch sind andere: „Alle Männer, die ich liebe und jemals geliebt habe, sind Ostdeutsche. Opa, Vater, Bruder, Partner, Ex-Freunde. Dazu kommt ein weiter Kreis von ostdeutschen Freunden, Nachbarn, Bekannten, die ich sehr mag.“

Blaue Neurechte kommen in dem Buch nicht vor, sehr wohl aber Männer wie jener 48-jährige arbeitslose Uckermärker namens Heiko, dessen Vorstellung von der Welt befremdlich, aber keinesfalls total unsympathisch wirkt, auch wenn der seltsame Wikingerkult, dem Heiko so anhängt, auch Bodensatz für viel heftigeren Verehrungskult sein könnte. Aber nicht sein muss.

„Jedenfalls, jeder Junge spielt ja gern mit dem Stock – also indirekt mit dem Schwert. Und dann habe ich irgendwann über Facebook gesehen, dass es offizielle Stellen gibt, wo man das machen kann. Das heißt: historisch gerüsteter Vollkontakt. Und dann haben wir uns ein bisschen Ausrüstung besorgt und sind dahingefahren.“

„Historisch gerüsteten Vollkontakt“ im guten Sinn stellt die Autorin unter Beweis. Sie hat sich jahrelang mit dem Thema beschäftigt, sie hat sich nicht nur auf ihre Freunde, Ex-Partner, Nachbarn gestürzt, stattdessen via Anzeige Männer gesucht und gefunden, wie eben Heiko aus der Uckermark.

Die dritte Generation

Alles Männer, wie sie schreibt, die eher zur dritten Generation Ost gehören, wenn man postuliert, dass die erste jene der Kriegskinder war, die zweite die Männer meint, die in der DDR sozialisiert wurden, während der dritten die traumatischen Erfahrungen ihrer Vorfahren in die eigene Biografie eingewoben seien. Was nicht außer Acht lässt, dass die Nachwendezeit sehr wohl mit einer ganzen Reihe traumatischer Erfahrungen aufwarten konnte – und sich aus dieser Kombination möglicherweise jene toxische Mischung speist, die so vielen ostdeutschen Männern eigen scheint. Eine Mischung aus Ressentiments, Resignation und Revolte.

Es ist ein schön zu lesendes Buch und empfohlen sei im Anschluss die Lektüre von James Dean lernt kochen (es ist leider nur noch antiquarisch zu haben). Die Begegnung mit dem Ost-Mann wird so weniger zum Blind Date. Es erklärt sich auch besser die Erzählung eines 45-jährigen Berliner Filmemachers, der sagt, dass sich erst Ende der Neunziger ein Selbstbewusstsein entwickelt habe, weil die Umbrucherfahrung als Privileg empfunden werden konnte. „Ich war genau in dem Alter, wo ich beide Systeme mitbekommen habe und bewusst reflektieren konnte.“ Während der Leipziger Musiker Tillmann erklärt: „Wir Ossis der dritten Generation haben dafür eigentlich keine Vorbilder, wie wir uns eine gewaltfreie, antiautoritäre Welt vorstellen. Es ist also an uns selber, neue Wege zu suchen.“

Info

Guten Morgen, du Schöner Greta Taubert Aufbau Verlag 2020, 249 S., 20 €

06:00 24.03.2020

Ausgabe 13/2020

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