Januskopf Peter Hartz

VW-Affäre Den Aufklärern des Skandals sind die Liebesnester der Betriebsräte willkommener Anlass für eine große Aufräumaktion

Was für ein glücklicher Tag für alle Arbeitslosen - meinte Peter Hartz im August 2002, als er ein bunt zusammen gewürfeltes, in seinen Wortschöpfungen groteskes Reformpaket präsentierte, die Arbeitslosigkeit zu halbieren versprach und seinen Freund Schröder rettete. Unerträglich eitel er selbst, billig wahltaktisch die Inszenierung. Nun, wo sich der Kreis rot-grüner Politik schließt, ist scheinbar nichts logischer als ein pompöser Abgang voller sex and crime. Wer so denkt, begreift allerdings die ganze Wahrheit der Affäre nicht.

Peter Hartz mag manche Verfehlung als Personalchef von VW zu verantworten haben - gescheitert ist er vor allem als politischer Konstrukteur. Er wollte betriebswirtschaftliche Erfahrungen als Heilsrezept auf eine ganze Volkswirtschaft übertragen. Diese mit seinem Namen verbundene, von Anfang an falsche Politik musste zwangsläufig in einem Fiasko enden. Dass es unmöglich ist, fünf Millionen Arbeitslose durch ein Nadelöhr von 440.000 registrierten, inoffiziell bestenfalls 900.000 offenen Stellen zu pressen, hat die Praxis längst bewiesen.

Aber es gibt noch eine andere Seite im Leben des Peter Hartz. Auf Betriebsebene war er ein exzellenter Beschäftigungspolitiker. Mitte der achtziger Jahre hat er als Arbeitsdirektor der Saarstahl AG dafür gesorgt, dass Tausende fusionsbedingt wegfallende Jobs in die von ihm gegründete Stiftung Saarstahl verlagert wurden. Die an die Stiftung angeschlossene Beschäftigungsgesellschaft galt lange als Modell für Unternehmenspolitik jenseits kalter Massenentlassungen, ab 1990 auch im Ostdeutschland. Als er 1993 bei VW mit den Gewerkschaften die Vier-Tage-Woche schuf und 30.000 Entlassungen vermied, wurde er zur Unperson der Unternehmerverbände, die eine Nachahmung fürchteten. Das 2001 umgesetzte Modell "5.000 x 5.000", das unterhalb des generösen VW-Haustarifvertrages zusätzlich 5.000 Beschäftigte zu monatlichen 5.000 DM in Arbeit brachte, war nicht zuletzt sein Werk. Der Name Peter Hartz steht damit auch für eine Unternehmensstrategie, die sich nicht allein an der Rendite orientiert. Selbst als ihn in Wolfsburg Montagsdemos gegen Hartz IV einholten, hat sein Ruf in der Belegschaft kaum gelitten.

Der nach dem Rücktritt um bis zu sieben Prozent ansteigende VW-Aktienkurs zeigt, dass mit Hartz auch die Beschäftigungssicherung entsorgt werden soll. Den Aufklärern des Skandals sind Viagra getriebene Betriebsräte, die mit brasilianischen Prostituierten die Vorzüge der Globalisierung entdeckten, willkommener Anlass für eine große Aufräumaktion. So richtig es ist, mehr Transparenz und schärfere Regeln zu fordern - die Beschäftigten in den Volkswagen-Werken würden allein schon mit ihrem Zorn dafür sorgen, dass die Affäre keine Wiederholung findet. Trotzdem können Aufsichtsrat Christian Wulff und nun vor allem Guido Westerwelle die Naivität des Publikums nutzen und sowohl die VW-Tradition als auch - weit darüber hinaus - die betriebliche Mitbestimmung ins Zwielicht bringen. Doch wer von denen, die sich jetzt um die Moral der Arbeiterbewegung sorgen, hat vor Jahren gefordert, man möge nach den Bilanzskandalen des Neuen Marktes, nach Betrügereien, Korruption und geballter Inkompetenz die Nieten im Nadelstreifen durch eine Arbeiterselbstverwaltung ersetzen?

In Orwells Roman 1984 wanderten in den Medien einer allgegenwärtigen Diktatur nachträglich all diejenigen Namen und Ereignisse in "Gedächtnislöcher", die dem Ministerium für Wahrheit eine allzu unliebsame Erinnerung waren. Derlei Müllschlucker braucht im Moment vor allem die SPD, um nicht länger mit dem schlechten Ruf des früheren Edelreformers assoziiert zu werden. Aber auch Merkel und Stoiber, die erklärtermaßen an Hartz IV festhalten wollen, werden den langen Schatten dieses Mannes noch zu spüren bekommen. Wortneuschöpfungen könnten sie dann gebrauchen. Eigentlich ein Fall für Peter Hartz.


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00:00 22.07.2005

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