Jean Gabin, da im Nebel

Literatur Mit „Gräser der Nacht“ führt uns der Nobelpreisträger Patrick Modiano einmal mehr anmutig ins Ungefähre
Peter Henning | Ausgabe 45/2014 1
Jean Gabin, da im Nebel
Natürlich in Paris, im Winter 2010: Patrick Modiano

Foto: Franck Courtes / Vu / Laif

Dieser Schriftsteller verfasst seit Jahrzehnten immer neue und kunstvolle, im Kern aber gleiche Variationen seines Lebensbuchs. Seit seinen Anfängen Ende der 60er Jahre folgt Patrick Modiano geradezu obsessiv einem poetologischen Programm: der szenischen oder motivischen Wiederholung. Der Zeitungshinweis auf eine vor langer Zeit als verschwunden gemeldete junge Frau, ein scheinbar achtlos in einem Hotelzimmer zurückgelassener Lederkoffer oder ein verschwundener Korb mit kandierten Früchten genügen, um das Erzählen des Autors in Gang zu setzen – ein beharrliches Beschwören des Vergangenen, das programmatische Sätze wie diesen gebiert: „Er war auf der Suche nach einer verlorenen Unschuld, auf der Suche nach Orten, die für das Glück und die Sorglosigkeit gedacht waren, wo man aber von nun an nicht mehr glücklich sein konnte.“

Schwarzweiße Träume

Für die deutschsprachigen Leser 1985 von Peter Handke entdeckt, gilt Modiano in seiner Heimat schon lange als der Spuren- und Fährtenleser unter den großen Erzählern. Der 1945 im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geborene Schriftsteller ist ein zurückgezogen lebender, gleichwohl scharfsinniger Beobachter, der uns in seinen wie hingetupft anmutenden Romanen in eine versunkene Nachkriegsära zurückversetzt, in der Édith Piaf, Jean Gabin oder Charles Aznavour die Bühne betraten, der Schwarzhandel blühte – und die Träume noch in Schwarzweiß zirkulierten.

Patrick Modiano entwirft von Beginn an literarische Vexierspiele, in denen nichts so ist, wie es uns erscheint. Es sind geheimnisvoll in sich changierende Stimmungsgemälde, die uns aus den Filmklassikern der Nouvelle Vague vertraut erscheinen.

Von dieser schönen Illusion handelt auch sein neuer, kunstvoll in sich verspiegelter Roman Gräser der Nacht, den Elisabeth Edl erneut behutsam ins Deutsche übertragen hat. „Es handelt sich um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße“, heißt es da. Modiano lesen heißt also, in den Erinnerungen und Träumen dieses Autors mitzugehen, heißt, zu seinem Gefährten werden bei seiner Suche nach den verlorenen Lebensgeschichten.

Peter Henning ist Schriftsteller. Im Aufbau-Verlag erschien von ihm zuletzt der Roman Ein deutscher Sommer

Gräser der Nacht entrollt die Geschichte des Schriftstellers Jean Terrail, der – wie könnte es bei Modiano anders sein –, von wiedergefundenen Einträgen in seinem „Schwarzen Notizbuch“ dazu animiert, dem Verbleiben einer jungen Frau nachspürt. Mit der geheimnisvollen, undurchsichtigen Dannie verband den Erzähler 1964 eine kurze Liebesgeschichte. Doch mit ihrem jähen Verschwinden hatte sich ihre Spur nur ein Jahr später bereits wieder verloren.

Leichthändig verwirbelt Modiano die episodisch aufbereiteten Erinnerungen an Dannie und eine Gruppe sinistre Männer, die Jean im Unic Hotel in Montparnasse kennenlernt, mit dem, was Jean aus heutiger Sicht, Jahrzehnte später, dazu zu sagen hat. Dabei werden die Mitglieder der Montparnasse-Bande, wie der Ermittler Langlais die Männer im Buch einmal nennt, am Ende – in einer Verschränkung aus Fakten und Fiktion – als Drahtzieher der Ermordung des am 29. Oktober 1965 in Paris entführten und später erschossenen marokkanischen Exilpolitikers Ben Barka entlarvt.

Wieder versetzt uns der Geisterbeschwörer Modiano in ein kunstvoll erzeugtes Klima der Unsicherheit, des Zweifels und des Ungefähren; der Roman als kriminalistisches Nachtstück. Zugleich macht er uns zu staunenden Zeugen der Tast- und Aufklärungsversuche seines Helden. Das Resultat dieser Versuche, nachdem Jean endlich Klarheit über Dannies Rolle bei der Ermordung Barkas zu haben scheint, beschert aber nicht letzte Klarheit, verstärkt vielmehr seine Zweifel an dem, was als Wahrheit gelten möchte. „Noch heute bezweifle ich, dass meine Geburtsurkunde stimmt, und ich werde bis ans Ende aller Tage darauf warten, dass mir jemand die Karteikarte gibt. Die verloren war und auf der mein richtiger Name steht.“

Akribisch bastelt dieser Autor seit Jahrzehnten an seinem inneren Paris-Bild, fügt Buch um Buch neue Einzelteile hinzu: zuletzt in Form der Romane Unbekannte Frauen (2002), Die Kleine Bijou (2003), Unfall in der Nacht (2006) oder 2013 in Form der Chronik einer sukzessiven Selbstauflösung, des Romans Im Café der verlorenen Jugend. Und es sind regelmäßig als Geschichten maskierte poetische Suchbilder dieser Frau oder jenes Mannes, die er erzählt.

Sich in der Fremde verlieren

Dabei füttert Modiano uns mit Bruchstücken ihrer Legenden – mal aus der Hand eines Detektivs, mal anhand von Fotos oder in Form von Zeitungsartikeln, die den entscheidenden Hinweis auf ihr Verbleiben oder ihre Geschichte liefern. Bis sich das Ganze wiederkehrend zu Porträts von Existenzen rundet, die nur dann sie selbst sind, wenn sie ausreißen, untertauchen, sich in der Fremde verlieren.

„Man braucht nur auf dem Weg zu bleiben, und nichts wird sich je verändern“, heißt es in Patrick Modianos Erzählung Ruinenblüten aus dem Jahr 1996. Dieses Motto gilt auch für den 2000 bei uns erschienenen Roman Ein so junger Hund, seine sommerlich leichte Fluchtgeschichte Hochzeitsreise, die Beschwörung Vorraum der Kindheit oder seine späteren Geschichten um verlorene Leben, Lieben, Bilder oder Gedanken, wie Sonntage im August oder Aus tiefstem Vergessen. Ein „Tanzen auf der Stelle“ hat der Amerikaner William Faulkner ein solch starres Insistieren eines Autors auf seinem Stoff genannt. Modiano tut es einmal mehr mit bestaunenswerter Anmut.

„Es war keine Berufung und keine besondere Begabung, die mich zum Schreiben drängte“, bekannte Modiano in seinem seiner eher seltenen Fernsehinterviews, „sondern all die Fragen, auf die es niemals eine Antwort geben würde.“ Modiano lesen heißt auch, zu akzeptieren, dass vieles offen bleibt, nicht wiederkommt, wie das jähe Verschwinden von Personen, von denen am Ende nur ein paar vergilbte Schwarzweißfotos bleiben oder ein zurückgelassener Koffer. Oder doch ein bisschen mehr?

Gräser der Nacht Patrick Modiano Elisabeth Edl (Übers.) Hanser 2014, 176 S., 18,90 €

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