Jeder ist dann soli

Szene Links-liberal sein ist schlimmer als Scheitern, wissen die Aktivisten der "Roten Flora". Und links-radikal sein ist verdammt schwierig geworden

Mitten im Schanzenviertel, mitten in Hamburg, steht die Flora, wie eine Trutzburg. Egal, wo man hergeht, irgendwann trifft man auf sie, ob man will oder nicht. Jeder sieht dann: Die Balustrade im ersten Stock eignet sich bestens für Revolutionen. Zur Propaganda, zur Ausrufung von Republiken, zum Schwenken von roten Fahnen und vielem mehr. Das haben die Besetzer gewusst, 1989. Ganz pragmatisch, aus Protest gegen den Neubau eines Musicaltheaters und im Kampf gegen Kahlschlagsanierung, besetzten sie das alte Theater namens "Flora". Im Einklang mit Schuster, Dönerbudenbesitzer und Alteinwohner. Geträumt haben sie. Von Reden auf Balustraden und Revolutionen. Von einer freien Schanzenrepublik, wo die Mieten billig sind und alle links. Wo Solidarität kein Fremdwort ist und die Jungen und die Alten und alle anderen ein besseres Leben führen, als da draußen, im Rest von Hamburg.

Gekommen ist alles anders. Das ist klar. Die Realität hat für Träumereien nichts übrig. Jeder weiß das. Natürlich gibt es keine Schanzenrepublik und keine befreite Zone, es gibt aber die Rote Flora, ein linkes und autonomes Kulturzentrum und das schon seit 13 Jahren. Von außen sieht alles verrammelt aus, die Vorderfront ist lieblos vermauert, die große Eingangstreppe von Tauben verkotet, so als hätte die Polizei das Gebäude vor langer Zeit mal versiegelt. Dass drinnen noch Politik gemacht wird und Kultur, dass hier Parties veranstaltet werden und Volxküchen und ein Archiv linke Schriften sammelt, machen die Spruchbänder und Plakate, Schriftzüge und Graffities klar, die alles, was sich die Floristen und ihre Freunde drinnen so ausdenken, in die Stadt hinausschreien. Sie schreien: "Die Stadt gehört allen"; "Dieser Platz ist illegal entstanden und bleibt gefährlich" und "Platz da für Obdachlose, offene Heroinszene, Flüchtlinge und Politchaoten."

Von Sozis und Kitas

"Man schreit schon lange nicht mehr mit einer Stimme", sagt Hans. Hans hat die Flora mitbesetzt und sitzt im Plenum, einer Art Ältestenrat der Autonomen. Er sieht nicht wütend aus, sondern nett, und ist Mitte 30. Ich treffe ihn am Rande des Schanzenfestes am Bierstand der Flora. Die Zeiten haben sich verändert und die Linken hatten seit jeher eintausend Meinungen. "Trotzdem war das früher einfacher", sagt Hans. "Die Fronten warn klar". Niemand im Viertel brauchte ein Musicaltheater, weder die Alten noch die Jungen, ebensowenig wie die vielen Migranten und Linken. Außerdem hatte die Hafenstraße das vorgemacht, dass das geht mit dem Besetzen, dem Widerstand und der öffentlichen Resonanz und so. Logisch, dass sie das alte Theater besetzten und das Brachgrundstück dahinter. Das sofort zum Park umfunktioniert wurde, Grünflächen gab es in der Schanze so und so zuwenig. "Da hat es funktioniert", sagt Hans und das "Da" klingt nach damals. "Im Park haben sich alle getroffen, alle Gruppen, die im Viertel wohnen." Nicht nur die Autonomen und Punks und die Freunde der Besetzer.

Konflikte mit dem SPD-Senat gab es zuhauf. Der räumte den Park, doch die Flora blieb und die Bauzeit begann. Rohre flicken, Fenster abdichten, Heizungen schaffen, renovieren. Ganz ohne Geld. Besetzer sind wie Heimwerker, sie basteln nur für eine größere Sache. Nicht wie die vielen Heimwerkerspießer fürs Eigenheim, sondern für den ganzen Stadtteil und gegen die Reichen und Besitzer. Leider hört die Bauerei niemals auf, wie bei den Spießern, sondern geht immer weiter, 13 Jahre lang, wie bei der Roten Flora. Irgendwann, so um 93, erzählt Hans, ist der ganze Konflikt mit der Stadt eskaliert. Die SPD forderte, eine Kindertagesstätte in die Flora zu integrieren. Eine absurde Idee. Ein Zähmungsversuch. Gegen Kindertagesstätten kann keiner was, dachten sich die Sozis und lagen falsch. Die Flora verweigerte sich der Kita-Idee und schlug einen Kindergartenanbau als Alternative vor. Ein Ultimatum verstrich und noch ein anderes. Anscheinend hatten die Sozis jetzt keine blöden Ideen mehr und auch genug. "Plötzlich gab es keine Gespräche und Verhandlungen mehr", sagt Hans. "Man ließ uns fortan in Ruhe."

Alles hinüber, alles kaputt

Jetzt hätte das Heimwerken ein Ende finden können, der Leoncavallo-Raum war fertig und Chumbawamba spielte drin. Im Archiv konnte man linksradikales Schriftgut studieren, in der Volxküche vegetarisches Essen für billig verspeisen. Wie eine linke Festung schaute sie damals aus, die Rote Flora. Mit Freitreppe und Balustrade zum Fahnenschwenken. Ein linker Treffpunkt im Herzen von Hamburg, der Hansestadt. Bis das Feuer ausbrach, im November 1995. Dann war alles hinüber, alles kaputt: das Archiv, das Dach und überall Ruß. Eine komplette Ruine. Alles umsonst: Die Plackerei, die Heimwerkerei, die ganzen Flügelkämpfe und Diskussionen. Oder auch nicht. Nach dem Brand ist vor dem Brand. "Also weitermachen, das war die Stimmung", sagt Hans. Die Brandursache bleibt ungeklärt, irgendwo im Archiv ist das Feuer ausgebrochen, irgendwo ist ein Schloss beschädigt. Und weil Linke glauben, dass ihnen die Anderen nur Schlechtes wünschen und weil das auch irgendwie stimmt, glauben die Floristen sofort an eine Brandstiftung. Macht sich natürlich auch besser für die Sache, so eine Theorie. Jeder ist dann soli. Der Antifa in Bottrop und der in Riesa und ein paar von den Linksliberalen auch.

Die Heimwerkerei konnte wieder beginnen, im bitterkalten Winter 95/96. An sonnigen Samstagmorgen bei minus zehn Grad Celsius und Veganerfrühstück. Dächerflicken im Winter ist wie Holzhacken. Jeder weiß, wofür man das tut. Der Himmel war blau und alle produktiv. Als das Dach wiederhergestellt war, sah die Rote Flora zwar nicht mehr aus wie ein schönes Widerstandsnest, sondern wie eine verkohlte Ruine. Ihren Zweck aber erfüllte sie trotzdem. Das war das Wichtigste.

Eine Geschichte der Roten Flora ist wie jede linke Geschichte immer auch eine Geschichte endloser Debatten und Konflikte. Kein Wunder, immerhin haben Autonome zu allen Problemen, den großen und den kleinen, die richtige Meinung oder glauben das zumindest. Zum Heroinproblem, zur Stadtteilsanierung, zu Chiapas, Pornographie, Patriarchat, zu Israel und den Yuppies. Was aber ist, wenn man irgendwie drinsteckt im Getriebe, ob man Besetzer ist oder nicht. Die Handelskammer, erzählt Hans, hat die Rote Flora in ihrem Bericht einmal als "weichen Standortfaktor" erwähnt. Warum auch nicht? An den Wochenenden finden hier gute Parties statt. Elektronik, Dub und Schwullesbisches. Die mögen die ganzen Webdesigner und Medienmenschen auch, die morgens gegenüber der Flora ihren Cafe Cortado schlürfen. Klar sind Yuppies irgendwie widerlich, schwierig wird es aber dann, wenn die Linken so aussehen wie Yuppies und Yuppies so aussehen wie Linke und alle in die Flora gehen, weil dort die besten Dub-Parties stattfinden. Nicht mehr so einfach wie früher ist´s dann zumindest. Da hatten die Linken Lederjacken und verfilzte Haare und die Yuppies wohnten in Eppendorf und trugen Segelschuhe. Jetzt wohnen alle in der Schanze. Weil die schick ist, wegen der Cafés, den Plattenläden, den Gemüsehändlern, dem Multikulti und der Flora. Wie soll man da noch mit einer Stimme schreien? Wenn nicht klar ist, ob die Israelis die Bösen sind oder die Palästinenser. Wenn die Schwulen auf ihren Floraparties Pornos zeigen und die Heteros nicht wissen, ob das o.k. ist oder nicht.

Geführt hat das dazu, dass die Flora sich immer weniger einmischt in die Hamburger und die andere Politik. Einzelne Gruppen tun das, aber nicht die Flora als Ganzes. Es herrscht Konsensprinzip und irgendeiner hat immer eine andere Meinung. Auch das ehrwürdige Hamburger Abendblatt hat davon Wind bekommen. In der "Fakten, Fakten, Fakten"-Tradition listet es verschiedene Anhaltspunkte für den Niedergang der Flora auf und beruft sich dabei auf Insider-Informationen vom Verfassungsschutz. Der hat mitbekommen, dass die Linken zu viele Meinungen haben und sich in absurden Diskussionen zerfleischen. Der weiß auch, dass der Flora die Leute fehlen und nur ein Häuflein an wichtigen Projekten mitwirkt. Und dass die jungen Leute sich lieber um ihre Ausbildung kümmern, als ihre Zeit mit linksradikalen Projekten zu vergeuden. Es ist traurig und macht wütend, dass der Verfassungsschutz so was weiß. Weil Verfassungsschützer aber hauptsächlich auf Kosten von Linken leben, schieben sie gleich eine Einschränkung hinterher: "Die Autonomen bleiben unberechenbar", so seine Warnung. Das bleibt zu hoffen, für den Verfassungsschutz und für die Linken.

Endlich ein Feind

Gegen innere Konflikte - und die Flora leidet an inneren Konflikten - hilft meistens ein äußerer Feind. Die meisten Staaten machen das vor. Haben sie keinen, dann schaffen sie sich einen. Die Flora brauchte das glücklicherweise nicht. Der Feind hatte sie schon vorher zum Feind erklärt. Schon 1996. Da begann der Richter, der aussieht wie ein Gebrauchtwagenverkäufer, und so denkt, wie eine gefährliche Mischung aus beidem, der Roten Flora den Krieg zu erklären. Zuerst als Richter, ganz unrechtmäßig, als er zwei Floristen im Gerichtssaal verhaften ließ und eine Woche in Beugehaft steckte. Dann als Senator ganz rechtmäßig und ohne Erfolg. Für einen wie Schill, der niemals von Revolutionen geträumt hat und für den sich eine bessere Welt an der Polizistenzahl bemisst, ist die Rote Flora ein Hort des Terrors und Verbrechens. In seinen Träumen erlangt sie die Bedeutung, von der die Floristen selbst einmal träumten. Für Schill hat sie Macht und die will er brechen. Jeder Beweis ist ihm dafür willkommen.

Dass das alles nicht so einfach geht mit der Vertreibung von Menschen und Räumung von Floras, hat Schill dann schnell dazugelernt. Auch ohne die Flora. Denn die hielt sich auffällig zurück. Natürlich stand da auf Mauern und Plakaten "Schill raus", in allen denkbaren Variationen, man kann sich das vorstellen. Die Flora hatte aber auch einfach Glück. Kurz vor den Wahlen war sie verkauft worden. An einen Investor, aber keinen normalen. Keinen der sich mit Schill trifft, um Räumungspläne auszuhecken, sondern einen, der nichts von sich hören lässt. Einen, der irgendwo im Grünen wohnt und glaubt, das mit der Besetzung würde sich irgendwann von selbst erledigen. Oder vielleicht sogar ein bisschen Sympathie mit den Besetzern empfindet. Aber das ist reine Spekulation.

Mit Gruseln erinnert sich Hans an "Tante Gerda". "Tante Gerda" war die verständnisvollste Investorin seit ever. Sie verhandelte 1999 mit den Besetzern und wollte die Flora kaufen, ganz uneigennützig, wie sie sagte. Sie plante ein Öko-Esoprojekt, das sie an die Flora anbauen wollte, mit Bioladen und Buddhisten-Workshop. Logisch, dass die Flora sich da verweigerte. Lieber ehrenhaft untergehen, als zu einem Anhängsel eines bürgerlichen Ökoprojektes zu werden. Immerhin ist Esoterik was für Gescheiterte und Bio was für Linksliberale. Und Linksliberalismus ist noch schlimmer als Scheitern.

Illegal weitermachen, heißt daher die Devise, so tun, als hätte sich nichts verändert, glücklicherweise ohne Räumungsandrohung. Versuchen, das Haus zu renovieren, in Eigenarbeit, mit ganz wenig Geld, und Politik zu machen, mit einer Stimme. Nötig ist das allemal. Der Flora kann Schill nichts anhaben, vielen anderen aber schon. Den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den Obdachlosen, den Opfern der liberalen Hansestadt.

00:00 29.11.2002

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