Jenseits aller Kritik

Erfolgsgeheimnis So manch ein Erzähler wurde entdeckt und dann vergessen: „Das Dorf der 13 Dörfer“ ist große Literatur von Gerhard Köpf

Bricht sich das Vortreffliche, gar Geniale selber seine Bahn? Von Goethes Werther über Thomas Manns Buddenbrooks bis Günter Grass’ Blechtrommel erzählt die Literaturgeschichte die Mär vom schnellen Erfolg der Meisterwerke. Aber wie lange dauerte es, bis Hölderlin aus dem Schatten seiner Kollegen hervortrat? Als Gottfried Kellers Grüner Heinrich 1854/55 erschien, blieb der größte Teil der Auflage liegen. Nicht nur Musils Mann ohne Eigenschaften, sondern sogar sein früher Roman Verwirrungen des Zöglings Törleß war über Jahrzehnte ein Ladenhüter, und an die Schicksale von Ernst Kreuder, Wolfgang Koeppen oder Arno Schmidt braucht kaum erinnert zu werden, um Verkennung und Entstellung als heimliche Leitmotive der Literaturgeschichte sichtbar zu machen.

Wer oder welches Buch auch jedes Mal betroffen war, es bedurfte zuletzt immer eines wenngleich späten Geburtshelfers: Bei Goethes West-Östlichem Divan war das nach beinahe 100 Jahren ein Germanist (man glaubt es kaum), in späteren Fällen wie denen Koeppens oder Bernhards war es eine große und also auch hartnäckige Verlegerpersönlichkeit, wie sie heute kaum noch denkbar scheint.

Daran hat sich bislang nichts geändert. Blickt man in die älteren Anthologien, die in jedem Jahr die beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gelesenen Texte dokumentieren, sind die meisten Autorennamen inzwischen Schall und Rauch, selbst wenn sie von Preisträgern stammen. Woran liegt es, dass sie nicht reüssierten, obwohl sie oftmals unverdrossen weiterschrieben, dass sie höchstens kleine Verlage fanden, die Literaturkritik ihnen keine Beachtung schenkte?

Gaukler und Taschenspieler

Nehmen wir Gerhard Köpf, der 1983 mit dem Preis der Klagenfurter Jury ausgezeichnet wurde, auch späterhin noch Preise einheimste, dessen hochgelobter Roman Die Strecke sogar preisgekrönt verfilmt wurde. Er schrieb weiter, doch abermaliger Erfolg blieb aus. Lag es am häufigen Verlagswechsel? Jedenfalls fand sich weder bei Hanser noch bei Luchterhand oder Piper, wo spätere Bücher von ihm erschienen, ein Verleger, der das Potenzial dieses Erzählers jenseits der Trends und Moden erkannt hätte. So kam er zu Klöpfer und Meyer in Tübingen und jetzt mit seinem neuen Roman Das Dorf der 13 Dörfer in einen kleinen Wiener Verlag.

Köpf ist der Geschichtenerzähler geblieben, der er von Anfang an war, ein „Beschwörer des Imperfekts“, um Thomas Manns Formel aufzugreifen, der auch immer etwas vom Gaukler oder Taschenspieler an sich hat, und auf das Erstaunen seines Publikums aus ist. Er erzählt, als geschähe das längst Geschehene erneut vor unseren Augen und Ohren. Ein Sprechton durchdringt alle seine Sätze, man muss zuhören können, wenn man ihn liest. Der Held und Erzähler von Köpfs Roman ist Rundfunkredakteur, seit mehr als 30 Jahren zuständig für das „Kalenderblatt“. Dieser Erzähler ist eine mehrfach glückliche Erfindung seines Autors. Sie verkörpert das historische Wesen jeder erzählten Geschichte, der erfundenen oder der erinnerten, sie rechnet mit der Stimme als dem wesentlichen Mittel der Vergegenwärtigung. Das scheint paradox bei einem Buch.

Uwe Wittstock schrieb einst schon nach der Lesung Köpfs in Klagenfurt von der „melodischen, rhythmisch schwingenden Sprache“ dieses Autors. Diese Mündlichkeit seines Geschriebenen ist bis heute Kennzeichen seiner Prosa geblieben, eine Kunstfertigkeit, die immer noch fremd wirkt in Deutschland. „Der Deutsche“, so hatte Nietzsche gespottet, „liest nicht laut, nicht für’s Ohr, sondern bloß mit den Augen; er hat seine Ohren dabei ins Schubfach gelegt.“ Geändert hat daran auch die Hausse der Hörbücher nichts, die im Gegenteil das auf die Handlung orientierte Hören fördern – besonders deutlich in der Mode der Hörspielbearbeitungen.

Köpfs Erzähler befreit seine Geschichten aus den Fesseln der Vergangenheit. Wer Ohren hat zu lesen, der hört ihn. Wie im Rundfunk, so behandelt er die Denkwürdigkeiten seines Lebens, vor allem seiner Kindheit. Die erlebte er im „Dorf der 13 Dörfer“, das er jetzt im Auftrag seiner Redaktion noch einmal besucht: „Hier wurde ich geboren, hier hat mich der Herbstwind vom Baum geweht, und hier gibt es viele Plätze, um seltsame Legenden zu verbergen. Sie sind es, die diese Landschaft erschaffen. Oberflächlich betrachtet ist diese Bärenmarkenidylle eine beliebte Urlaubsgegend für die Behäbigen. Man lernt neue Käsesorten kennen oder genießt eine Heu-Kur. Alles ist auf Reha geeicht. (...) Die Hügel und Tobel sind lieblich, die Seilbahnen gemütlich, die Mutterwege asphaltiert.“ Das geografische Mosaik findet sich in der Landkarte des Romans wieder, durch die der reisende Erzähler seinen Kurs nimmt, und es bildet zugleich das Geflecht der großen und kleinen Erinnerungen. Die 13 ist so ganz ohne Gewicht nicht, wie am Anfang des Buches behauptet.

Man kann, man soll das Buch wie einen Reise- und Abenteuerroman in die nächste und doch die fernste Landschaft lesen, in das Blaue Land der Kindheit. Jede Spur wird aufgenommen, die dorthin zurückführt. Das kann ein Vers aus einer einst populären Bildergeschichte sein, der Titel eines heiß gelesenen Buches, altvertrauter Geruch: „Meine Kindheit duftet nach Heu. Wie vermittle ich das den Radiohörern meiner sonntäglichen Sendung? Ich muss nicht mal die Augen schließen, um diesen Duft in mir zu wecken. Zum Heu gesellt sich der strenge Geruch der Pferde. Ineinander verwoben ergeben sie einen Teppich, auf dem ich fliegen konnte.“

Idyllische Geschichten aber warten selten am Ende der Spur: Ein Wandertag der Schulklasse, der ewig traktierte schwache Kamerad verschwindet in einer Schlucht. „Man fand nur Siggis Brille mit dem Kassengestell und seinen leeren triefnassen Rucksack aus billigem Rupfen.“ Oder: Der stramme SS-Mann windet sich glücklich durch alle Instanzen vom Nachkriegsdeutschland. Auch die erste Liebe gerät nicht gut und die begehrte Buchhändlertochter bleibt schmerzlich fernes Idol. Die Reiseform des Erzählens schlägt manch unglückliche Schlaufe. Nur einer sticht hell hervor: der Vater, der den Sohn einst sicher auch durch die dunklen Zonen des Blauen Landes geführt hat.

Warum war es so schwierig, einen Verlag für dieses Buch zu interessieren? Die einfache Antwort gibt es nicht. Am Literaturbetrieb war sein Autor nie interessiert, große Auflagen waren nicht zu erwarten, ein Publikum, das auf ihn wartete, gab es nicht. Einen Verleger, der sich für ihn einsetzte wie einst Unseld für Thomas Bernhard, hat er nicht gefunden, weil der Typus verschwunden ist, und für die Kritik ist die in Geschichten probend versuchte Bewältigung der Gegenwart durch ihre Beleuchtung aus dem Hintergrund heraus nicht heutig genug. Was als Auswanderung des Autors Köpf in die Vergangenheit erscheint, ist aber in Wahrheit ein aus dem Vergangenen in die Gegenwart heraufsteigendes Erzählen und damit Rettung durch Kunst.

Diesem Buch wird seine Stunde schlagen: Bei Braumüller in Wien erschien 1918 ein Buch, das mehr als ein Dutzend Verlagshäuser abgelehnt hatten und das dann trotz allem ein Riesenerfolg wurde: Spenglers Untergang des Abendlandes.

Info

Das Dorf der 13 Dörfer Gerhard Köpf Braumüller Verlag 2017, 280 S., 24 €

Gert Ueding widmete sein akademisches und geistiges Leben der Rhetorik

06:00 26.12.2017

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