Jenseits der Fahrpläne

Im Kino Tom McCarthys "Station Agent" erzählt mit Witz und Melancholie vom paradoxen Glück unerwünschter Bekanntschaften

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Verreisen in Zügen und deren bloßer Beobachtung besteht darin, dass sich bei Letzterem der Umstand lästiger Gesellschaft und unliebsamer Zufallsbekanntschaften vermeiden lässt. Kein Wunder also, dass die Kunst des Zugbeobachtens längst zum Hobby von Eigenbrötlern und Einzelgängern geworden ist. Trainspotter, wie diese Kundschafter des Schienenstrangs genannt werden, bevorzugen Zurückgezogenheit und Ruhe, ihre Leidenschaft besteht in der Kontemplation vorüberratternder Eisenbahnen und dem Schmökern von Fahrplänen. Der amerikanische Schauspieler Tom McCarthy hat in der Eigenwilligkeit dieser Subkultur den Aufhänger für sein Regiedebüt Station Agent gefunden, in dem er eine eigenwillige und gleichzeitig warmherzige Geschichte über Freundschaft, Einsamkeit und Neubeginn mit dem ihr angemessenen Tempo einer über Land schuckelnden Lokomotive erzählt.

Für Finbar McBride (Peter Dinklage) ist die Welt der Züge zum sicheren Refugium jenseits eines diskriminierenden Alltags geworden, in dem er als Kleinwüchsiger nicht nur belustigten Blicken, sondern beleidigenden Gesten und höhnischen Bemerkungen ausgesetzt ist. Finbar ist ein Sonderling wider Willen, dem aber die Begeisterung für das Trainspotting und seine Arbeit in einem Laden für Bastler von Modelleisenbahnen die Kraft geben, seiner Umgebung statt mit Verbitterung und Wut mit stoischer Gelassenheit zu begegnen.

Als er von seinem Chef und Freund nach dessen plötzlichem Tod ein ausrangiertes Eisenbahndepot in der stillen Weite des Garden State New Jersey erbt, zögert Finbar denn auch keinen Augenblick und macht sich auf den Weg. Doch seine Hoffnungen auf ungestörte Spaziergänge und Zugbeobachtungen erweisen sich bald als vergebens - schon in den ersten Tagen kann er sich vor ungewollten Bekanntschaften kaum retten. Da ist zum Einen der schlaksige Quassler Joe (Bobby Cannavale), der seinen kranken Vater in einer mobilen Imbissbude gegenüber von Finbars Depothäuschen vertritt. Der neugierige und lebenslustige Exilkubaner ist von der abweisenden Coolness und vom selbstbewussten Anderssein des Kleinwüchsigen fasziniert und lässt keine Gelegenheit aus, ihm seine Gesellschaft aufzudrängen.

Und zum Anderen ist da die tollpatschige Malerin Olivia (Patricia Clarkson), die in der Einsamkeit ihres Hauses den Schmerz über ihren verunglückten Sohn und ihre desolate Beziehung zu verdrängen sucht. Sie hofft in Finbar einen Seelenverwandten gefunden zu haben, mit dem sie den melancholischen Zweifel am einst so selbstverständlichen Glücksversprechen teilen und dem sie sich in ihrer Trauer öffnen könnte. Dem auf den ersten Blick so ungleichen Trio ist das erfahrene oder - im Fall von Joe - drohende Gefühl des Verlusts gemeinsam. Jede Figur hat den für sie typischen Aufenthaltsort, das Bahndepot, der Imbisswagen, das Wochenendhaus, und für jede ist dieser zugleich eng mit dem Gefühl des Verlust verknüpft.

In der Reduktion der Geschichte auf die Bewegung zwischen diesen Orten macht der Film deutlich, dass zum Beispiel Finbar und Olivia mit ihren Wünschen und Ängsten trotz der sich entwickelnden Freundschaft allein bleiben werden, wenn sie nicht bereit sind, ihr verstecktes Misstrauen abzulegen und ihr seelisches Schneckenhaus zu verlassen. Es ist die Einsicht in die notwendige Veränderung, die den Figuren und damit der Geschichte eine Entwicklung gibt, die sich mal von Witz und mal von Melancholie begleitet in amüsanten Ereignissen und pointierten Dialogen niederschlägt.

Peter Dinklage, der bisher in kleineren Rollen in Tom DiCillos Living in Oblivion und Michael Gondrys Human Nature zu sehen war, überzeugt mit der Figur des Finbar in der Rolle des klassischen Loners. In seiner Mimik spiegeln sich Sehnsucht und Resignation in einer Mischung wieder, die, unterstützt durch die sich stets auf Augehöhe befindende Kamera Oliver Bokelbergs, dem Schauspiel des "kleinen" Mannes eine immense Ausdruckskraft beschert. Demgegenüber sorgen die naive Lässigkeit im Spiel von Bobby Canavale und die von Patricia Clarkson dargebotene liebenswürdige Ungeschicktheit für einen Kontrast, dem Station Agent seine Komik verdankt.

Neben seiner Aufmerksamkeit für die einzelnen Darsteller lebt der Film von der Konzentration auf ungewöhnlich ruhige Bilder, die wie beim Blick aus dem Fenster eines Zugabteils nicht durch schnelle Schnitte oder rasante Perspektivwechsel verbunden werden, sondern den inneren Bewegungen ihren jeweiligen Charaktere oder Landschaften angepasst sind.

In dieser Vorliebe für Randfiguren und für Bilder in der Totale kann Station Agent als gegenwärtiges Pendant zu Michael Schorrs Schultze gets the Blues betrachtet werden. Beide Filme erzählen von einem zum Außenseitertum gezwungenen Antihelden, dessen Leben von einer unerwarteten Begebenheit in neue Bahnen gelenkt wird. In beiden Fällen ist in puncto Kamera und Regie auf vordergründige Spezialeffekte und erzähltechnische Verwirrspiele bewusst verzichtet worden, um sich in der Tradition des klassischen Independentfilms einer Story jenseits des thematischen Mainstreams zu widmen. Während Schultze gets the Blues seine Wirkung größtenteils über die Anlehnung an die karge Bildsprache etwa eines Aki Kaurismäki entfaltet, kann man Station Agent getrost als liebevolle Verbeugung vor der minimalistischen Ästhetik eines Jim Jarmusch betrachten.

An Station Agent lässt sich von daher eine wesentliche Bedingung für das Gelingen eines handlungs- und aktionsarmen Films beobachten. Im Gegensatz zur Geschichte über den Akkordeon spielenden Schultze, der es trotz der starken Bilder von der Bergbautristesse Sachsen-Anhalts und der bizarren Sumpflandschaft Louisianas an einem tragenden Spannungsbogen mangelte, gelingt es Tom McCarthy vor allem aufgrund seines exzellenten Drehbuchs, dem Film zu einer vibrierenden Lebendigkeit zu verhelfen.

Die Dynamik, die den Film trotz seiner langsamen Erzählweise auszeichnet, verdankt sich dem gesteigerten Interesse des Regisseurs für die Interaktion seiner Figuren. Im Zusammenspiel von Finbar, Olivia und Joe erhält der Zuschauer Einblicke in drei sehr unterschiedliche Seelenzustände und hofft unweigerlich, dass deren beginnende Freundschaft nicht an diesen Unterschieden wieder scheitern wird. Das feine Gespür für die schwierigen Dynamiken zwischenmenschlicher Beziehungen macht Station Agent zu einem besonderen Kinoerlebnis.


00:00 11.06.2004

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