Joints, so billig wie Teebeutel

Cannabis Biotech-Firmen freuen sich über die Legalisierung, US-Investoren machen Millionen locker. Der Boom produziert erste Spekulationsblasen
Kim Bode | Ausgabe 09/2015 5

Dean Petkanas kritzelt wie verrückt biologische Formeln und Diagramme auf den Tisch, umkringelt einzelne Buchstaben, Wörter und ganze Abschnitte, verbindet sie mit Pfeilen. „Ich werde immer ganz aufgeregt, wenn ich erkläre, was wir machen“, sagt er. Auf der weißen Tischdecke in dem noblen Fischrestaurant in Midtown Manhattan liegt Papier, doch manchmal drückt Petkanas so fest auf, dass die Mine seines Kugelschreibers das Papier durchdringt. Aber das ist ihm egal. Petkanas war 25 Jahre lang Investmentbanker, auf so etwas muss er keine Rücksicht nehmen. „Man muss ein gesundes Ego haben für dieses Geschäft“, sagt der kleine, stämmige Mann im grauen Anzug.

Petkanas ist im Marihuana-Business. Seine Firma KannaLife Sciences entwickelt auf Cannabis basierende Medizin, die Funktionsstörungen im Gehirn heilen soll. Noch ist sie in der Testphase. Petkanas bezeichnet sich selbst als „serial entrepreneur“, als serienmäßigen Unternehmensgründer. Auch im Cannabis-Geschäft möchte er ein Pionier sein, wie er sagt. „Jeder kann sehen, dass Marihuana in den USA in zehn Jahren ganz legal sein wird“, prognostiziert der Geschäftsmann, der die Firma von seinem Home Office auf Long Island aus betreut. Forschung und Entwicklung geschehen im Labor in Pennsylvania. „Ich möchte es aus der Hippie-Ecke rausholen.“ Und er möchte vor allem auch gutes Geld damit verdienen.

Der Zeitpunkt ist denkbar günstig: Durch die USA geht eine Welle der Legalisierung. In rund der Hälfte aller Bundesstaaten sind medizinisches Marihuana oder dessen Wirkstoffe schon erlaubt. Anfang 2014 wurden in Colorado dann die ersten lizensierten Grasstuben für den privaten Gebrauch eröffnet. Mittlerweile erlauben vier Bundesstaaten und der District of Columbia Marihuana zum sogenannten „recreational use“. Teilweise wird kritisiert, dass der medizinische Gebrauch von Cannabis vor allem dafür missbraucht wird, um die Legalisierung allgemein voranzutreiben statt eben den Kranken helfen zu wollen. Doch welche Motivation auch immer dahintersteckt, durch die US-amerikanische Gesellschaft geht ein Ruck: Laut Washingtoner Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center unterstützt mittlerweile 52 Prozent und damit eine schmale Mehrheit der Amerikaner die Legalisierung der Droge. Ende der 1980er Jahre waren noch lediglich 16 Prozent der US-Bürger dafür.

Investoren in Stellung

Die Marihuana-Branche in den Vereinigten Staaten boomt. Viele sehen im legalen Geschäft mit Gras großes Potenzial. Anbau, Vertrieb, Zubehör, Weiterverarbeitung – die Industrie bietet scheinbar unendlich viele Möglichkeiten, aus dem Rauschmittel Profit zu schlagen. Unlängst haben sich auch Anlagefonds und Investoren in Stellung gebracht, um nötiges Kapital bereitzustellen und am Wachstum der Branche zu verdienen. Bei all der Euphorie bleiben zahlreiche Hindernisse und Fallstellen jedoch häufig unbeachtet. „Die Legalisierung der Droge ist schwerer als sie aussieht“, urteilte The Economist. Und vielleicht auch lange nicht so profitabel, wie viele hoffen.

Grown in the USA

Medizin

Derzeit erlauben 23 Bundesstaaten den Gebrauch von Marihuana zu medizinischen Zwecken. Wer eine entsprechende ärztliche Bescheinigung hat, darf sowohl konsumieren als auch anbauen. New York war im Juni 2014 der vorerst letzte Staat, der eine entsprechende Gesetzesänderung verabschiedete. Der erste, Kalifornien (1996), ist heute der größte Produzent von medizinischem Marihuana im Land.

 

Illegal

Laut US-Bundesgesetzgebung sind Anbau, Weiterverarbeitung, Vertrieb und Besitz von Marihuana illegal. Bundesrecht steht letztlich über den Regeln der Bundesstaaten. Allerdings hat der Kongress Ende 2014 einen Bundeshaushalt verabschiedet, der effektiv das Verbot von Marihuana als Medizin aufhebt: Das US-Justizministerium darf kein Geld mehr für die entsprechende Strafverfolgung ausgeben.

 

Legal

In vier US-Bundesstaaten und dem District of Columbia (D.C.) ist Marihuana mittlerweile legal beziehunsgweise entkriminalisiert: Colorado, Washington, Oregon und Alaska. In Michigan gibt es zwar keine bundesstaatliche Legalisierung, aber in 15 Städten ist der Besitz kleinerer Mengen zum privaten Gebrauch legal. Unter den 15 sind die Metropole Detroit und die Landeshauptstadt Lansing.

 

Zukunft

2016 stehen in mehreren Bundesstaaten Referenden über die Legalisierung von Marihuana an. Viele könnten dem Beispiel von Colorado und Washington State folgen und den Konsum für Erwachsene legalisieren, darunter Kalifornien. Acht Bundesstaaten haben entsprechende Änderungen eingereicht und harren der Abstimmung. Zwölf weitere erwägen die Legalisierung für medizinische Zwecke.

 

Konsum

Einer Schätzung der Georgetown University in Washington D.C. zufolge konsumieren rund 3,6 Millionen US-Amerikaner täglich oder nahezu täglich Marihuana. Rund die Hälfte aller nach 1960 geborenen Amerikaner hat demnach vor dem 21. Geburtstag schon Gras geraucht. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind die USA, gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch, weltweit größter Cannabis-Konsument.

 

Stimmung

86 Prozent der US-Amerikaner befürworten laut der Legalisierungs-Lobbyorganisation Marijuana Policy Project inzwischen die Legalisierung des Konsums von Cannabis zu medizinischen Zwecken. Laut dem Marktforschungsinstitut Gallup befürwortet mit 56 Prozent heute erstmals auch eine Mehrheit der US-Bürger die Legalisierung des Konsums zu nicht-medizinischen Zwecken.

Petkanas war am Anfang wenig begeistert vom Geschäft mit dem Gras. Als sein Businesspartner vor sechs Jahren auf ihn zukam und „irgendwas mit Cannabis“ machen wollte, wusste er, dass es nicht einfach werden würde, eine Nische zu finden. Die Schmerztherapie schied schnell aus, denn in dem Bereich war der britische Konzern GW Pharmaceuticals bereits um einiges voraus. Außerdem wollte er nicht in den Wettbewerb mit den mächtigen Opiat-Herstellern treten. Erst nach monatelangen Recherchen und Analysen hatte Petkanas das perfekte Marktsegment gefunden: Seine Biotech-Firma sollte Medizin entwickeln, die Cannabinoide zur Behandlung von Hepatischer Enzephalopathie – eine Funktionsstörung im Gehirn, die durch eine Lebererkrankung hervorgerufen wird – nutzt. „Die Medizin macht nicht high, schützt aber das Gehirn“, erklärt Petkanas.

Heute, fünf Jahre später, hat KannaLife 70 private Anteilseigner und strebt an, in diesem Jahr mit einer B-Runden-Finanzierung bei einer Gesamtbewertung von 123 Millionen Dollar weitere 30 Millionen einzunehmen. In ein paar Monaten sollen erste klinische Tests mit dem Wirkstoff beginnen; wenn alles gut geht, soll das Medikament im Herbst 2017 auf den Markt kommen. Das liegt immer noch sehr gut in der Zeit, sagt Petkanas: „Wir sind der Legalisierungswelle fünf Jahre voraus.“ Ob er recht behält, wird sich zeigen.

Denn noch ist Marihuana in der anderen Hälfte der US-Bundesstaaten illegal, ebenso auf bundespolitischer Ebene. Laut „Controlled Substances Act“ ist Marihuana als sogenannte „Schedule-I“-Droge klassifiziert – in der gleichen Kategorie wie Heroin oder LSD. Bundesstaaten wie Colorado oder Washington geben ihren Bürger also die Lizenz Straftaten zu begehen. Zwar haben US-Präsident Barack Obama und sein scheidender Justizminister Eric Holder grünes Licht für die Legalisierungsexperimente gegeben, was aber wenn Obamas Nachfolger eine härtere Linie fährt? Noch dürfte es nicht zu spät sein, den „War on Weed“ wiederzubeleben. Mit kräftiger finanzieller Unterstützung von Herstellern heute gängiger, teurer Schmerzmittel kämpfen Interessenverbände wie die Community Anti-Drug Coalition for America (CADCA) und Drug-Free Kids gegen die voranschreitende Legalisierung auf allen Ebenen. Aufgrund der unsicheren bundesrechtlichen Lage sträuben sich Großbanken in den USA, das Geld der Gras-Branche zu verwalten, weil sie fürchten, damit gegen Geldwäschegesetze zu verstoßen.

Unternehmer Brendan Kennedy beklagt das undurchsichtige und schwierige Gesetzesumfeld. „Entweder wir sollen den Schwarzmarkt auslöschen oder nicht“, sagt der Mitbegründer und Chef des Marihuana-Konglomerats Privateer Holdings. Seine Private-Equity-Firma mit Firmensitz in Seattle steht hinter drei großen legalen Cannabis-Geschäften: Leafly.com ist ein Online-Bewertungsportal für Marihuana, eine Art Yelp für Cannabis-Konsumenten, mit monatlich im Schnitt vier Millionen Nutzern. Für Marley Natural hat sich Privateer mit der Familie der verstorbenen Reggae-Legende Bob Marley zusammengetan und bietet Cannabis-Produkte aus Jamaika an. Und unter der Marke Tilray vertreibt der Konzern medizinisches Marihuana in Kanada – und vielleicht auch bald in Uruguay, wo Cannabis im vergangenen Jahr legalisiert wurde. Leafly und Tilray sollen Unternehmensangaben zufolge in diesem Jahr in die Gewinnzone wachsen.

Ginge es nach Kennedy und seinen Investoren, soll Privateer der erste multinationale Cannabis-Großkonzern werden. Seiner Einschätzung nach dürfte der weltweite Markt etwa 150 bis 200 Milliarden Dollar schwer sein, davon allein in den USA mit einem Volumen von rund 50 Milliarden Dollar. Vor wenigen Monaten hat Kennedy einen außergewöhnlichen Erfolg verbucht: Starinvestor Peter Thiel hat mit seiner Risikokapitalfirma Founders Fund einen Anteil an Privateer Holdings übernommen – als erster institutioneller Investor in der Cannabis-Branche überhaupt. Investitionssumme und -anteil wurden nicht bekannt, aber laut einem Bericht des US-Blogs „Business Insider“ könnte der Deal die Firma mit insgesamt 400 Millionen Dollar bewerten. „Thiels Investition ist wichtig für uns, aber auch für die gesamte Branche“, sagt Kennedy. Thiels Name garantiert Aufmerksamkeit: Der in Frankfurt am Main geborene Wagniskaptialgeber investierte als einer der ersten überhaupt in Facebook und Paypal. Seinen guten Riecher für junge Firmen und zukunftsträchtige Branchen hat er damit bewiesen.

Die Börsenaufsicht rät ab

Leafly.com ist zweifelsohne eine herausragende Erfolgsgeschichte der jungen Marihuana-Branche in den USA. Da muss sogar Experte Mark Kleiman, Professor an der UCLA Luskin School of Public Affairs und Co-Autor des Buches „Marijuana Legalization: What Everyone Needs to Know“ („Marihuana Legalisierung: Was jeder wissen muss“), zustimmen. Anonsten kritisiert er den „Goldrausch“ im Cannabis-Business. Kleiman ist nicht der einzige, der von einer Spekulationsblase spricht. Auch die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) hat unlängst vor Investitionen in einige Firmen der Branche gewarnt, die Anleger mit großen Renditeversprechen, aber ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell hinters Licht führen. „Viele Investoren werden verlieren“, sagt Kleiman. Sie gingen von der Annahme aus, dass Marihuana als Rohstoff zu illegalen Preisen verkauft werden. „Aber der Preis wird fallen und legales Marihuana wird sehr günstig werde“, prophezeit er. „Ein Joint sollte nicht mehr kosten als ein Teebeutel.“ Deswegen werde sich mit dem Stoff an sich nicht sehr viel Geld machen lassen; wenn überhaupt mit Produkten, die einen deutlichen Mehrwert bieten – wie etwa ein besonders beliebtes Inhalationsgerät oder eben ein Service à la Leafly.com. „Einigen Firmen wird es wohl gelingen, eine gewisse Markenidentität zu kreieren wie beispielsweise Budweiser“, sagt Kleiman. Aber allein mit dem Verkauf des Weeds werde man nicht reich werden.

Kleiman gilt als „Pot’s Go-to Guy“, er berät Bundesstaaten bei der Einführung eines legalen Cannabis-Markts. Seiner Meinung nach wird dabei viel falsch gemacht. „Am schlimmsten wäre es, es illegal zu lassen, aber am zweitschlimmsten ist, wie es derzeit gemacht wird“, sagt er. Es sei ein großer Fehler, Gras wie Alkohol zu behandeln. „Nicht, dass ich denke, Cannabis wäre gefährlicher als Alkohol“, räumt Kleiman ein. Dennoch könnten die Verbraucher bedeutenden Schaden nehmen, wenn die Politik keine vernünftigen Rahmenbedingungen setze. Die Cannabis-Ausgabe an den kommerziellen Einzelhandel zu vergeben birgt Kleiman zufolge – vor allem wegen des günstigen Preises – das Risiko von zunehmendem Drogenmissbrauch. Was es brauche: hohe Preise, eine Art von Genossenschaftssystem für bedürftige Menschen, ausgebildetes Verkaufspersonal und am besten ein Kontingent, dass sich die Konsumenten am Anfang der Monats für sich selbst festsetzen sollten. Kleiman hofft, dass die US-Gesetzgeber das alles schnell genug auf die Reihe kriegen. „Wenn die Branche erst einmal groß genug ist, so wie die für Alkohol, ist es zu spät. Dann wird es zu schwer werden, sie zu regulieren.“

Auch Marihuana-Unternehmer Petkanas sieht die Gefahr mangelnder Kontrolle bei der Legalisierung des gelegentlichen Drogenkonsums. „Man weiß halt nicht, was drinnen ist“, sagt er. Das gab ihm den Anstoß zu einer weiteren Geschäftsidee: KannaPak heißt seine zweite Firma, die eine Art Schnelltest für Marihuana, Verpackung und Labels anbietet. Petkanas Ziel ist es, damit einen branchenweiten Standard zu schaffen. Und eben Geld zu verdienen.

06:00 03.03.2015

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