„Jurassic World 3“: Alles nur noch halb so wild?

Kino Mit „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ endet das Dino-Franchise, das 1993 mit „Jurassic Park“ seinen Anfang nahm. Was verrät der Blockbuster rund um Dinosaurier, die plötzlich mitten unter uns leben, über uns selbst?
Antifeministischer Backlash: DeWanda Wise und Laura Dern in „Jurassic World 3“
Antifeministischer Backlash: DeWanda Wise und Laura Dern in „Jurassic World 3“

Foto: © Universal Studios and Storyteller Distribution Co., LLC. All Rights Reserved.

Dank Steven Spielbergs Jurassic Park brannten sich Anfang der 1990er-Jahre Dinosaurier als lebende, atmende und fressende Wesen in das popkulturelle Gedächtnis einer ganzen Generation ein. Insgesamt waren die computertechnisch animierten Dinosaurier lediglich eine Viertelstunde lang auf der Leinwand zu sehen, aber die Wirkung war durchschlagend. Der Film faszinierte ein Millionenpublikum und löste eine Dino-Mania aus, die sich sogar in der Wissenschaft bemerkbar machte. Die für verstaubt gehaltene Paläontologie bekam ein ganz neues Image, was der Disziplin zeitversetzt sogar dringend nötigen Nachwuchs bescherte. Filmhistorisch setzte Jurassic Park Maßstäbe in der Computer-Generated-ImageryTechnik (CGI) und begründete ein Dino-Franchise, das noch heute eine riesige Fanbase hat, die nostalgisch auf den ersten Film zurückblickt.

Am 8. Juni kommt mit Jurassic World: Dominion (deutscher Verleihtitel Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter) der vermutlich letzte Teil der zweiten Trilogie in die deutschen Kinos. Wie wirkmächtig die nostalgischen Gefühle noch heute sind, zeigte sich Ende Mai bei der Deutschlandpremiere im Kölner Cinedom. Regisseur und Teile des Ensembles flanierten über den roten Teppich und an einem lebensgroßen T-Rex-Modell vorbei. Fans und Journalist*innen – oft in Personalunion – beklatschten artig Colin Trevorrow und seine Stars Mamoudou Athie, DeWanda Wise und Bryce Dallas Howard. Aber erst als Jeff Goldblum, als Dr. Ian Malcolm ein Urgestein des Franchise, der Limousine entstieg, brüllten alle euphorisch durcheinander.

Man denkt an Monsanto

Als Auftakt der neuen Trilogie (die alte hatte mit dem 2001 gestarteten Jurassic Park III ein etwas unbefriedigendes Ende gefunden) gelang Jurassic World 2015, nun mit Chris Pratt als Dino-Zähmer, schon gleich ein neuer Rekord. Als erster Film der Geschichte spielte er am Startwochenende mehr als 500 Millionen Dollar ein und knackte nach zwei Wochen bereits die Eine-Milliarde-Dollar-Marke. Ein solider Grundstein für eine neue Trilogie also. Die Fans strömten ins Kino, auch wenn sie angesichts hybrider Monster, sinnlos gekillter Lieblingsdinos, mit Klickern abgerichteter Raptoren und insgesamt zu viel CGI enttäuscht waren. Die Freilassung der Dinosaurier in die Zivilisation am Ende des Folgefilms The Fallen Kingdom (2018) weckte jedoch neue Hoffnung auf ein furioses Finale. Als dann noch bekannt wurde, dass mit Jeff Goldblum, Sam Neill und Laura Dern der Cast von 1993 in Dominion auf den Nachwuchs aus Jurassic World treffen würde, explodierten Begeisterung und Spekulationen in den sozialen Medien.

Auf ein maximal breites Publikum ausgelegt, verraten Blockbuster immer etwas über den Zeitgeist, in dem sie entstehen. Jede Ära bekommt mithin den Blockbuster, den sie verdient, und das macht die Ausgangssituation von Dominion besonders interessant: Kann die Menschheit mit Dinosauriern koexistieren? Spiegeln sich darin die realen Herausforderungen von Klimawandel und Artensterben? Lernt die Menschheit endlich Demut? Um diese Fragen zu beantworten, sind Spoiler unvermeidbar. Wer sich unwissend in den finalen Akt stürzen will, steigt bitte hier aus der Lektüre des Texts aus.

Dominion setzt vier Jahre nach den Ereignissen aus The Fallen Kingdom ein. Die Dinosaurier sind aus dem Reservat entkommen und leben nun überall. Und die Menschheit macht das, was sie am besten kann: Sie arrangiert sich. Die großen Prädatoren sind längst getötet oder gefangen worden. Das Risiko, im SUV beim Brötchenholen von einem Pachycephalosaurier gerammt zu werden, ist auch nicht größer, als an Lungenkrebs zu sterben.

Owen (Chris Pratt) fängt als Cowboy Dinos mit dem Lasso ein, während seine Freundin Claire (Bryce Dallas Howard) Klon-Mädchen Maisie Lockwood in einer einsamen Waldhütte versteckt, in deren Nähe Blue (Owens Lieblingsraptor aus den ersten beiden Jurassic-World-Filmen) und ihr Junges leben. Die Firma Biosyn – ehemaliger Konkurrent von John Hammonds InGen, die das Klonen von Dinosauriern ursprünglich erfunden hat – bietet den Dinosauriern ein Reservat in den Dolomiten und gibt sich als Good Company. Als aber Maisie und Blues Baby entführt werden, müssen Claire und Owen sich aufmachen, sie zu retten. Andernorts kommt Paläobiologin Ellie Sattler (Laura Dern) einer Plage urzeitlicher, gigantisch großer Heuschrecken auf die Spur, die mit Biosyn in Verbindung zu stehen scheint. Ein Schelm, wer dabei an Monsanto denkt. Sie rekrutiert ihren alten Freund Alan Grant (Sam Neill) für eine riskante Investigativrecherche im Biosyn-Headquarter.

Emotional schwierig

Die Action-Sequenzen in Dominion sind solides, gut getimtes Action-Kino. Die tierischen Verfolger könnten aber ebenso gut Kopfgeldjäger, Kampfroboter, Ninjas oder Aliens sein. Denn: In Dominion gibt es einfach zu viele Dinosaurier. Insgesamt sind 17 Arten bei Wikipedia gelistet, die im Film vorkommen sollen, es dürften aber noch mehr sein. Hier wurden keine Kosten gescheut. Das Chaos dieser Dino-Nummernrevue erschwert es uns, Empathie mit einzelnen zu empfinden. Emotional andocken sollen wir ohnehin bei den menschlichen Protagonist*innen. Aber auch hier rennen schlicht zu viele Charaktere um ihr Leben, verschwinden flüchtig eingeführte Bösewichte ebenso schnell wieder, wie sie aus dem Off ins Bild gehechtet sind. Gewitzt und angenehm entschleunigt schlagen sich dagegen Ellie und Alan durch die Prüfungen, die ihnen Dominion auferlegt, und Ian Malcolm (Jeff Goldblum) reserviert erneut die besten One-Liner für sich. Es hätte aber fast noch mehr knackige Dialoge und liebevolle Referenzen an das Original geben dürfen. Auch der Body Count biedert sich bei der Jugendfreigabe an: Gefressen werden immer nur die anderen.

Eingebetteter Medieninhalt

Den Bechdel-Test – wie ist es um die Frauenrollen bestellt? – besteht der Film nach gefühlt zwei Stunden Laufzeit übrigens nur knapp. Vorbei die Zeiten, als Ellie als smarte, starke Heroine und Lex als jugendliche Computerhackerin die Diskussion über Sexismus in Überlebenssituationen abwürgten und den Tag retteten. Oder als sich die weiblich erschaffenen Dinosaurier aktiv, selbst ermächtigend und genderfluide über ihre einprogrammierte Unfruchtbarkeit hinwegsetzen, bevor das Wort queer geläufig war. Wo Geschlechterrollen in Jurassic Park 1993 gegen den Strich gebürstet wurden, regierte schon in Jurassic World I der antifeministische Backlash. Auch in Dominion nervt Claires Fokussierung auf die Mutterrolle, aber immerhin reißt DeWanda Wise als toughe PoC und queere Pilotin das Ruder in puncto Diversität rum.

Hungersnöte, Profitgier, Tierausbeutung, Naturzerstörung, monopolistische Pharma- und Agrarkonzerne: Im Subtext von Dominion sind all die drängenden Fragen unserer Zeit präsent. Die Antwort, die der Film darauf gibt, ist allerdings problematisch: Ein bekehrtes, ehemals größenwahnsinniges Genie rettet hier die Welt, die Dinosaurier koexistieren zufrieden, und die Schuldigen kommen vor Gericht und werden bestraft. „Alles wird gut“, ist das Mantra, mit dem uns der Film entlässt.

Die 1990er-Jahre verhießen nach Ende des Kalten Kriegs und in der Morgendämmerung (gen)technischer Entwicklungen und des Internets eine Zukunft, die nach allen Seiten offen schien. Die damaligen Blockbuster eröffneten wie Jurassic Park Möglichkeitspielräume und zeugten davon, dass es sich lohnt, gegen Dinosaurier, durchgeknallte KI (Künstliche Intelligenz), Terminatoren aus der Zukunft oder Aliens zu kämpfen. 2022 scheinen angesichts der immensen Herausforderungen und nach zwei Jahren globaler Pandemie inklusive Stay-at-home-Heldentum eher Eskapismus und Resignation die Mittel der Wahl. Wer Blockbuster von heute sieht, wähnt sich im Zeitalter der unausweichlichen Alternativlosigkeit. Die Weltrettung bleibt den Superhelden überlassen, während wir vor den realen Herausforderungen kapitulieren. Tom Cruise dreht derweil im militärischen Rekrutierungsfilm Top Gun: Maverick ohne Flugscham und unbeeindruckt vom Ukraine-Krieg seine Schleifen am Himmel.

Wer bei Dinosauriern nostalgische Gefühle spürt, wird trotzdem von Dominion nicht enttäuscht werden. Es ist Eventkino mit guten Effekten und echt wirkenden Dinosauriern, das ein bisschen zu sehr James Bond sein möchte. Derlei Eskapismus wird den Untergang der Welt nicht verhindern, aber noch können wir den ja im Kino statt im Atomschutzbunker feiern.

Info

Jurassic World 3: Ein neues Zeitalter Colin Trevorrow, USA 2022, 146 Minuten

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