Kadyrow, der Hoffnungsträger

Kommentar Wahlen in Tschetschenien

Wahlen unter Kriegsbedingungen können nicht frei sein, erklärte die Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmilla Aleksejewa. Wladimir Putin gab ihr fast Recht, als er den symbolischen Wert der hohen Wahlbeteiligung hervorhob, über den Ablauf des Votums aber kein Wort verlor, das der Kreml offiziell als Absage an den Separatismus deutet. Doch der erhält durch die nächtlichen "Streifzüge" russischer Militärs immer wieder neue Nahrung. Trotz Putins Versprechungen, in Tschetschenien werde nachts nicht "mehr an Türen geklopft", wurden seit dem Verfassungsreferendum im März 198 Menschen entführt.

Auf Druck des Kremls räumten vor der Abstimmung drei Präsidentschaftskandidaten aus der tschetschenischen Diaspora in Moskau - in Umfragen lagen alle vor Achmed Kadyrow - das Feld. Nach dieser Flurbereinigung zweifelte niemand mehr daran, dass Putins Protegé gewinnt. Der Wahlsieg - angeblich stimmten 81 Prozent der Wähler für ihn - war jedoch nicht nur das Ergebnis äußerer Einmischung. Viele Tschetschenen wählten Kadyrow, weil ihnen mangels Alternative nur die Hoffnung bleibt, dass der Ex-Mufti die Willkür der russischen Militärs eindämmt, auch wenn der vermeintliche Hoffnungsträger mit seiner 4.000 Mann starken Leibwache selbst in Entführungen und Morde verwickelt sein soll.

Aber nicht nur die Tschetschenen haben ihre Erwartungen, auch Präsident Putin verspricht sich vom künftigen Regierungschef in Grosny eine Einflussnahme auf kämpfende Separatisten, die eine mögliche Straffreiheit und das Angebot zum Eintritt in Kadyrows Privatarmee zur Aufgabe veranlassen könnte. Die tschetschenische Intelligenz, die bis 1999 für den heute im Untergrund lebenden Präsidenten Aslan Maschadow arbeitete, erhofft sich vom Wahlsieger mehr Sorgfalt im Umgang mit tschetschenischer Kultur und ein Mindestmaß an Autonomie.

Obwohl der Sieg Kadyrows von Moskau bestellt war, ist dessen Einfluss mit dem Wahltag zweifellos gewachsen. Kaum jemand aus der regionalen Elite Russlands wird so häufig im Kreml empfangen. Kadyrow wird diesen Rückhalt brauchen, denn ein Kompetenzgerangel mit der russischen Armee, die mit 80.000 Mann noch immer als der entscheidende Machtfaktor in der Kaukasusrepublik gilt, ist absehbar. Nicht auszuschließen ist, das der Präsident von Moskaus Gnaden sich irgendwann sogar auf einen Konfliktkurs gegenüber dem Kreml einlässt, um seine Interessen zu wahren. Schon einmal wechselte Kadyrow die Seiten, als er 1997 mit Aslan Maschadow eine gemeinsame Pilgerfahrt nach Mekka antrat. Doch als Putin im September 1999 wieder Truppen nach Grosny schickte, lief Kadyrow zum föderalen Zentrum über. Ob es auch künftig bei dieser Entscheidung bleibt, scheint außer Frage zu stehen, doch absolut sicher ist das nicht. Das Verhältnis zu Wladimir Putin jedenfalls scheint nicht über Gebühr belastbar.

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00:00 10.10.2003

Ausgabe 38/2020

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