Rudolf Walther
22.06.2012 | 13:32 9

Kampagnen in Schwung bringen

Syrien Die meisten Syrien-Berichte berufen sich auf ungesicherte Quellen. Dass die Informationen oft schlichtweg falsch sind, zeigt das Beispiel des Fotografen Marco di Lauro

Kampagnen in Schwung bringen

Auf seiner Facebook-Seite hat Marco di Lauro dieses Foto eingestellt, das er am 27. März 2003 im Irak gemacht hat

Screenshot: Facebook

Schon im Libyen-Krieg fiel auf, dass die „Aufständischen“ zwar auch schießen, aber nur die Regierungstruppen töten. Dasselbe galt für die NATO – die Luftwaffe der Aufständischen –, über die nur Bilder in die Welt kamen, die aussahen wie computergesteuerte Lehrfilme für Piloten mit einem Informationsgehalt, der gegen Null tendierte.

Im Falle des Bürgerkriegs in Syrien war für die meisten Berichterstatter westlicher Medien von Anfang an klar: Assad ist der Schlächter und begeht Völkermord. Das erkennen die Korrespondenten aus gehöriger Distanz von Kairo, Beirut oder Zypern aus. Sie stützen sich dabei auf Bilder, Filme und Texte, die anonym im Netz auftauchen. Der italienische Fotograf Marco di Lauro entdeckte unter eben den Bildern, mit denen Assads Armee Massaker zugeschrieben wurden, auch Aufnahmen, die er Jahre zuvor im Irak gemacht hatte. Wer Zweifel anmeldet an Bildern aus und Berichten über Syrien wie einige Abgeordnete der Linkspartei im Januar 2012, wurde im Handumdrehen „der Solidarisierung mit den Schlächtern“ bezichtigt, was innerhalb der Linkspartei zu erheblichen Konflikten führte. Die ausgesprochen trübe Quellenlage hindert freilich manchen Korrespondenten nicht daran, weiterhin auf Bilder und Filme von Netzaktivisten zu vertrauen und deren ominöse Produkte als Informationen zu verbreiten.

Spital in Homs

Als Privatmann hielt sich Jürgen Todenhöfer im Frühjahr in Syrien auf und berichtete über Gespräche mit Oppositionellen und vor allem darüber, was er selbst gesehen und dann in der taz vom 20. März und in der FAZ vom 13. April beschrieben hat. Sein Fazit war niederschmetternd. Die syrische Regierung habe iPhones verboten, kolportierten zum Jahreswechsel großen Zeitungen. Todenhöfers Gesprächspartner hingegen zeigten ihm im Frühjahr ihre Geräte ohne Scheu. Über den Fernsehkanal al-Dschazira gelangte schon im November 2011 die Meldung in die Weltpresse, in Homs töteten Assads Soldaten reihenweise Zivilisten. Todenhöfer besuchte das Spital in Homs und erhielt die Auskunft von Ärzten, dass weder Tote und Verletzte eingeliefert worden seien noch dass irgendetwas von Trauerfeiern bekannt sei. In einem anderen Fall wurden Bilder von toten Alawiten so manipuliert, dass sie als Opfer syrischer Armeesoldaten erschienen. Tatsächlich waren sie Opfer eines Überfalls von Rebellen auf einen Kleinbus.

Nach Todenhöfers soliden Recherchen läuft die Medienkampagne hauptsächlich über die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights) in Coventry, nördlich von London. Dort betreibt ein Mann namens Rami Abulrahman mit einer Helferin ein Büro. „London“ weiß immer sehr genau Bescheid – vor allem über Opferzahlen. Als jüngst nach einem Massaker die Zahl der Opfer zwischen 24 und über 100 beträchtlich schwankte, kam Verwirrung auf. Die Neue Zürcher Zeitung vom 8.Juni 2012 klärte die manipulativen Informationspraktiken von Agenturen und Zeitungen im Bürgerkrieg: „Nachrichtenagenturen haben die Zahl von 78 (Toten) übernommen, die von einer in England ansässigen Gruppe verbreitet wurde.“ Immerhin fügte sie hinzu: „Die Berichte sind widersprüchlich und müssen angesichts früherer Falschmeldungen als unsicher gelten.“

Katholische Nonnen

Mit dem Auftritt der syrischen Dichterin Samar Yazbek in westlichen Medien bekam die Kampagne richtig Schwung. Ihr Buch Schrei nach Freiheit. Aus dem Inneren der syrischen Revolution wurde zum Bestseller. Nach dem Massaker in Hula, bei dem 84 Zivilisten, darunter 49 Kinder, umkamen, legte die Dichterin, die längst im Exil lebt, auf einer ganzen Seite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 3.Juni 2012 mit bluttriefenden Sätzen nach. Ihr Bericht beruht auf Videos, die sie gesehen hat: „Mir ist, als säße mir der Tod schon an der Kehle“. Ihre Version der Geschichte: Assads Luftwaffe bombardiert zehn Stunden lang. Dann kommt die Artillerie, dann schießen Panzer, schließlich Scharfschützen. Zuletzt treffen die unvermeidlichen Pick-ups ein, und Bewaffnete „gingen in die Häuser und töteten dort eine Familie nach der anderen, teils durch Schüsse, teils mit Messern und Bajonetten. (…) Manche Kinder waren an Händen und Füßen gefesselt und zusammengebunden worden, bevor man sie ermordet hat.“

Wie realistisch ist es, dass eine Armee  ein Städtchen zehn Stunden aus der Luft bombardiert, dann mit schweren Waffen beschießt und schließlich gefesselte Kinder mit Messern tötet? Ein so konfuser und unfähiger Haufen existiert wohl nur in der dichterischen Phantasie, mit der eine Intervention von außen nach dem Muster Kosovo herbeigeschrieben soll.

Rainer Hermann in der FAZ vom 14. Juni und Rudolph Chimelli in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Juni legten überzeugend dar, was in Hula geschehen ist – jenseits von Propaganda. Demnach haben bewaffnete sunnitische Rebellen am 25. Mai in Taldou auf der Ebene von Hula 84 namentlich bekannte Menschen ermordet, während und nachdem sich die syrische Armee in der Nähe mit der Freien Syrischen Armee ein Gefecht lieferte. Die Desinformation organisierten die Sender al-Dschazira und al-Arabija, die von Katar beziehungsweise Saudi-Arabien – zwei interessierte Parteien und Waffenlieferanten im syrischen Bürgerkrieg – dirigiert werden. Es gibt für das Massaker unbestechliche und am Bürgerkrieg in keiner Weise beteiligte Augenzeugen – katholische Nonnen.

Kommentare (9)

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Ehemaliger Nutzer 22.06.2012 | 18:26

Die Machart ist bekannt, erprobt und für gut befunden, weil sie bestens funktioniert: Der auserkorene Feind wird dämonisiert, er schlachtet wahllos wehrlose Opfer, vorzugsweise schwangere Frauen und Kinder, während die hehren Freiheitskämpfer Demokratie und Menschenrechte mit blanker Brust gegen die entfesselte Soldateska einfordern. Und dann mit - selbstlos - von westlichen Musterdemokratien und befreundeten Ölgottesstaaten gelieferten Selbstverteidigungswaffen humanitär Freiheit und Selbstbestimmung herbeischießen. With a little help of Nobel Peace Prize Winners.

Wenn die westlich-saudischen Demokratielenkwaffen den teuflischen Diktator endlich gestürzt haben, dürfen die freudetrunkenen Sieger den Unhold auch mal aus UN-Obhut befreien und aufknüpfen, wie Nadschibullah in Afghanistan oder, wie Gaddaffi, live und in Farbe zu Tode prügeln.

Und Claudia Roth kann mit den Helden feiern.

Zu den Nonnen holt man Rat beim Nonnenmacher.

ramses69 22.06.2012 | 23:12

Das ist mir doch von Anfang an verdächtig gewesen. Immer heißt es Video von YouTube, Quelle: Internet (aha!). Keiner überprüft noch irgendwas. Die Grande Dame des Deutschen Nachrichtenwesens, die "Tagesschau" und auch die, die auf mindestens einem Auge Blinden vom ZDF zeigen es, trotz fragwürdiger Quellenlage. Ich finde es schon merkwürdig, wenn (fast) alle sich auf einen Gegner einschießen. Die Korrespondenten sitzen Hunderte Kilometer entfernt in Kairo. Die könnten ja auch gleich in Mainz oder München bleiben, spart wenigstens Flug- und Hotelkosten (Über die Sinnhaftigkeit von Korrespondenten siehe auch http://mcaf.ee/u284h)

Umayyadin 24.06.2012 | 14:54

Aufgrund des Massakers von al-Houla hat Deutschland den syrischen Botschafter ausgewiesen... Schämt man sich nun in Berlin? Die Machenschaften des Herrn Westerwelle gegen Syrien sind ein feindlicher Akt gegn das syrische Volk, den sie unterstützen unmittelbar die Terroristen der Qaida und der Freien Syrischen Armee! Somit ist Herr Westerwelle - zumindest logisch und moralisch - ein Mit-Mörder.

weinsztein 25.06.2012 | 01:41

Es gibt also auch seriöse Quellen zur Lage, zu Kräfteverhältnissen, zu Mörderbanden in Syrien. Dieser Beitrag von Rudolf Walther gehört dazu - wie Hintergrundbeiträge von Lutz Herden.

Bei aller notwendigen Kritik an in letzter Zeit anwachsender politischer Beliebigkeit des Freitag - dieser Artikel ist ein Beispiel für Gegenöffentlichkeit.

Ein Reporter oder Sonderkorrespondent vor Ort wäre hilfreich. Not somehow embedded in Kairo or somewhere.