Ein kapitaler Holzweg

Aktienrente Am Ende könnten vor allem Geringverdiener draufzahlen. Warum die von der FDP gepushte Idee zur Altersvorsorge an der Börse schädlich, riskant und politisch folgenschwer ist
Ein kapitaler Holzweg
Krücken auf Kosten der Kasse gibt es dann nur noch von Herstellern, die an der Börse gelistet sind

Foto: Jens Gyarmaty/Laif

Nach den Wünschen von FDP, Banken und Versicherungen soll die Altersvorsorge durch das sozialstaatliche Umlageverfahren – bei der die Erwerbstätigen mit ihren Beiträgen die Renten der Alten finanzieren – durch eine Aktienrente ergänzt werden: "Zur langfristigen Stabilisierung von Rentenniveau und Rentenbeitragssatz" werde man "in eine teilweise Kapitaldeckung der gesetzlichen Rentenversicherung einsteigen, heißt es im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien. Diese teilweise Kapitaldeckung soll als dauerhafter Fonds von einer unabhängigen öffentlich-rechtlichen Stelle professionell verwaltet werden und global anlegen. "Dazu werden wir in einem ersten Schritt der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2022 aus Haushaltsmitteln einen Kapitalstock von 10 Milliarden Euro zuführen." Von der FDP hatte es schon im Vorfeld geheißen, die Aktienrente sei „eine echte Zukunftsinvestition“, heißt es von der FDP, sie biete eine „renditeträchtige Kapitalanlage“ und alle, „insbesondere Geringverdienende, erhalten durch die gesetzliche Aktienrente langfristig mehr Rente“.

Begründet wird dies mit der überdurchschnittlichen Rendite von Aktien. Tatsächlich sind in den vergangenen 40 Jahren die Börsenkurse viel stärker gestiegen als die Realwirtschaft, sprich: das Bruttosozialprodukt. Aber Vorsicht: In den zwei Jahrzehnten vor diesem Zeitraum war dies nicht so, damals stagnierten die Aktienkurse in Deutschland, gleichzeitig wuchs die Wirtschaft kräftig. Diese markant unterschiedliche Entwicklung hat systemische Ursachen.

Denn in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg lenkten die Anreizbedingungen das Profitstreben auf Aktivitäten in der Realwirtschaft: Bei festen Wechselkursen (bis 1971), stabilen Rohstoffpreisen, Zinssätzen unter der Wachstumsrate und „schlafenden“ Aktienmärkten war auf den Finanzmärkten wenig zu holen, Profite wurden primär durch Realinvestitionen erzielt. Diese Rahmenbedingungen ermöglichten anhaltend kräftiges Wirtschaftswachstum, es herrschte Vollbeschäftigung, der Sozialstaat wurde ausgebaut, die Staatsschuldenquote ging zurück. Aktien wurden nur von einer kleinen Minderheit Vermögender als Eigentumstitel gehalten, sie waren kein Instrument zur Erzielung von Spekulationsgewinnen.

Die Aufgabe fester Wechselkurse führte zu zwei massiven Dollarentwertungen, welche zwei „Ölpreisschocks“ 1973 und 1979 sowie zwei Rezessionen nach sich zogen. Arbeitslosigkeit und Inflation stiegen, darauf reagierten die Notenbanken 1980 mit massiven Zinssteigerungen. In den folgenden 35 Jahren lag der Zinssatz permanent über der Wachstumsrate. Die 1970er Jahre stellen also die Phase des Übergangs von einer real- zu einer finanzkapitalistischen „Spielanordnung“ dar. Das Profitstreben verlagerte sich von der Bildung von Realkapital (und Arbeitsplätzen) zur Finanzveranlagung und Spekulation.

Rentner als Rentiers?

Die Entwicklung von Aktienkursen, Marktkapitalisierung (Börsenwert der Aktiengesellschaften) und realem Unternehmenswert (Realkapital minus Netto-Verbindlichkeiten) spiegelt diesen Systemwechsel wider: Bis 1980 wuchsen die Börsenwerte kaum, die Kurse stagnierten ja, die realen Unternehmenswerte stiegen hingegen seit 1960 auf das Siebenfache. Seit 1980 expandierten hingegen mit den Aktienkursen die Börsenwerte auf fast das Dreißigfache, der Wert des Realkapitals verdoppelte sich hingegen nur. Gleichzeitig ging das Wirtschaftswachstum von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zurück, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und die Staatsverschuldung stiegen.

Was bedeutet es nun, wenn Aktienkurse und Börsenwerte boomen, die realen Werte aber immer mehr zurückbleiben? Zunächst werden alle, die Aktien besitzen, „auf dem Papier“ immer reicher, allerdings ist dieser „Bewertungsreichtum“ immer weniger durch Realkapital gedeckt. Das hat zunächst keine Folgen für den Boom, zumindest solange die Attraktivität hoher Kursgewinne mehr Menschen zu Finanzinvestitionen veranlasst, als Zweifler aussteigen.

Viele Faktoren haben dazu beigetragen, dass diese „Aktienparty“ schon 40 Jahre andauert, wenn auch mit schmerzhaften Einbrüchen wie 2008: Bei sinkender Bereitschaft zur Realkapitalbildung und hohen Gewinnen kaufen auch Unternehmen immer mehr eigene Aktien zurück, wodurch die Kurse steigen und dadurch wiederum die Verdienste der Manager.

Die im Finanzkapitalismus zwingende Verschlechterung der Staatsfinanzen förderte die partielle Umstellung von solidarischer zu individueller Kapital-„gedeckter“ Altersvorsorge, wie es in den USA, in Großbritannien, Schweden und anderen Ländern die Regel ist. „Lassen wir unser Geld für uns arbeiten“ wird zur Maxime, wie schon öfter in der Geschichte. Doch wie „arbeitet“ Geld – genauer: Finanzkapital – eigentlich? Abgesehen vom schnellen Trading vor allem durch Schaffung von langfristigen Bewertungsgewinnen, die dadurch entstehen, dass immer mehr Menschen auf solche Weise reicher werden wollen. Oder durch die Politik mit Förderung einer Aktienrente zu ihrem Glück genötigt werden.

Und so bekommen selbst kleine Rentner ein Stück vom Bewertungsreichtum: Solange die Aktienbesitzer ihr „fiktives Kapital“ (Karl Marx) behalten und neue Käufer hinzukommen, steigen die Kurse weiter, das Versprechen hoher Renditen wird eingelöst, das Glücksrad dreht sich weiter. Wenn aber Aktien der Finanzierung späteren Konsums dienen sollen, wie im Fall der Aktienrente, sieht die Sache anders aus: Die Aktien stellen dann „Bezugsscheine“ auf das Sozialprodukt dar, allerdings steigt ihr Wert viel stärker als jener der Güter und Dienstleistungen, worauf sie bezogen sind. Diese Diskrepanz muss früher oder später zu einem Verteilungskonflikt und zu einem massiven Aktieneinbruch führen.

Bis dahin kann es aber noch dauern. Zunächst sorgt ja die Generation der „Aktienrentenbeitragszahler“ für zusätzliche Nachfrage und damit für weitere Kurssteigerungen und eine Zunahme der Diskrepanz. Klügere Köpfe werden das damit verbundene Absturzpotenzial umso klarer erkennen, je mehr es ansteigt, um bei entsprechendem Anlass auf fallende Kurse zu spekulieren. Damit aber würde die „echte Zukunftsinvestition“ der Aktienrentner wieder entwertet. Oder glaubt jemand im Ernst, dass in einer nur mehr schwach wachsenden Wirtschaft die Aktienkurse ewig um sechs bis acht Prozent pro Jahr steigen?

Corona: 40 Prozent Einbruch

Eine solche Abfolge von „Bullen- und Bärenmärkten“ kennzeichnet die Preisdynamik auf allen „asset markets“. Die beiden letzten großen Aktien-Bärenmärkte ließen etwa die Kurse zwischen 2000 und 2002 und nach der Finanzkrise 2008 jeweils um fast 50 Prozent einbrechen. Bis Anfang 2020 hatte ein besonders langer Bullenmarkt mit einer Verdreifachung der Kurse seit 2009 ein enormes Absturzpotenzial aufgebaut. Die Ausbreitung von Covid-19 löste dann Ende Februar 2020 den schärfsten Einbruch aller Zeiten aus: Innerhalb von drei Wochen sanken die Kurse weltweit um 30 bis 40 Prozent. Mit einer beispiellosen Intervention stoppten die wichtigsten Notenbanken den rasanten Bärenmarkt und drehten ihn in einen Boom: Während der schwersten Krise der Realwirtschaft stiegen die Aktienkurse wieder um etwa 70 Prozent.

Angesichts der enormen Gefahr, welche das Zusammentreffen der Pandemie mit einem Aktiencrash für die Weltwirtschaft bedeutet hätte, war die konzertierte Aktion der Notenbanken alternativlos. Doch was für ein Signal ist das für die Zukunft, insbesondere für das „Nachzüglerprojekt“ einer deutschen Aktienrente? Man darf ja nicht vergessen: Die anderen Länder haben damit vor mehr als 30 Jahren begonnen – unter Renditeaspekten ein viel besserer Zeitpunkt als heute. Werden in Zukunft nur mehr Bullenmärkte zugelassen, Bärenmärkte durch die Notenbanken aber „gekillt“? Würde das nicht das Glück ewiger Kursgewinne verheißen und damit die Diskrepanz vergrößern zwischen den Börsenwerten und dem, was real dahintersteckt? Die letztlich unvermeidbare Entwertung der aufgeblasenen Aktienkurse wird umso massiver sein, je länger die Party anhält. Die Extrapolierung der vergangenen Jahrzehnte wird sich als fataler Denkfehler herausstellen. Wer zahlt die Zeche des Projekts von FDP, Banken und Versicherungen, eine Aktienrente einzuführen? Am Ende die „Geringverdienenden“ – sie wurden ja als Letzte ins Spiel gedrängt?

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber es gibt Falsches im falschen. Den Aktienmärkten einen Teil der Altersvorsorge zu überlassen, gehört dazu.

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06:00 26.11.2021

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