Karneval der anderen Welt

Weltsozialforum in Indien Die Vision vom großen Wandel blieb dann blass, wenn es um konkrete Schritte und Ziele ging

Mitte der Woche ging im indischen Mumbai (Bombay) das vierte Weltsozialforum zu Ende, das sich vor allem als Festival der sozialen Bewegungen, Workshop der Ideen und Börse alternativer Gesellschaftskonzeptionen verstand. Meinungsunterschiede wurden offenbar, als es um das Verhältnis zum bewaffneten Kampf im Irak ging und die indische Schriftstellerin Arundhati Roy das Forum aufgefordert hatte, sich als Teil des Widerstandes gegen die US-Besatzung zu verstehen.

Wenn Farbenpracht, Demonstrationsbereitschaft und die schiere Energie hinreichende Bedingungen für eine andere Welt wären, die in Mumbai alle für möglich hielten, dann hätten wir sie schon - zumindest während eines solchen Weltsozialforums. Über 75.000 Menschen waren in Indiens Megapolis gekommen, manche nahmen dafür lange Wege in Kauf, wie die kleine Gruppe von Bauern aus dem indischen Bundesstaat Orissa, die einen Tag lang bis zur Bushaltestelle marschiert war, von dort einen halben Tag bis zum Bahnhof brauchte und dann 30 Stunden im Zug saß. Da waren die besser gestellten Flugreisenden aus dem Westen schneller vor Ort.

Die Vernichtung natürlicher Ressourcen, eine privatisierte Wasserversorgung, die anhaltende Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, Obdachlosigkeit, das Kastensystem oder religiöser Fanatismus waren die wichtigsten Themen der einen (indischen) Seite - während die andere, die aus dem Norden, den US-Militarismus, die Politik von Weltbank, Währungsfonds (IWF), Welthandelsorganisation (WTO) und Gentech-Agrarkonzernen debattieren wollte. Natürlich traf man sich dabei. Die Inder regten die Gründung einer weltweiten Wasserbewegung an und fanden Zuspruch. Ein thailändischer Bauer empfahl den radikalen Verzicht auf externen Input wie chemische Düngemittel und das Saatgut multinationaler Firmen, während José Bové - der legendäre französische Bauernführer - die EU- und US-Agrarpolitik attackierte. Medha Paktar - sie kommt aus dem Widerstand gegen die Staudamm-Gigantomanie am indischen Narmada-Fluss - hielt eine flammende Rede gegen Mega-Stromprojekte überhaupt: "Man kann Elektrizität nicht trinken!" Alles sehr schön und gut, aber war das etwas Neues?

Angela Rodrigues, die im Bundesstaat Gujarat mit den Armen lebt und kämpft, kümmerte dies wenig. Sie war begeistert: "Hast du Medha gehört? Sie war so großartig wie Bové."

Für ein paar Tage hatte die andere Welt in Indien Station gemacht, und die Menschen genossen das in großen Zügen. Von der ersten bis zur letzten Minute zogen unzählige Gruppen kreuz und quer über das Forumsgelände, das früher einmal der New Standard Engineering Company gehört hatte, bevor das Staatsunternehmen den Betrieb liquidierte. Die Dalits - einst nannte man sie "die Unberührbaren" - waren besonders rege; auch Adivasi-Gruppen zogen mit viel Vergnügen, Trommeln und Sprechchören zwischen aufgegebenen Fabrikgebäuden hin und her. Die Menschen zeigten, dass es sie gibt; sie feierten ihren Widerstand, und sie feierten sich selbst. Sie taten dies so ausgiebig, dass die Veranstaltungen in Hallen mit bis zu 4.000 Sitzplätzen meist gähnend leer wirkten.

Dabei hatten besonders die Workshops viel zu bieten. So berichteten etwa Vertreter der Waldbevölkerung in den Bundesstaaten Madhya Pradesh, Chhattisgarh und Bihar über die Folgen der globalen Umweltpolitik. Sie seien schon früher vertrieben worden, zuerst hatten die britischen Kolonialherren die Wälder abgeholzt, dann schlugen große Firmen riesige Schneisen in ihren Lebensraum, ab Ende der Achtziger verboten ihnen immer mehr Forstverwaltungen den Zutritt mit dem vorgeschobenen Argument, nur so seien bedrohte Arten zu schützen. Seit Kyoto kam eine neue Bedrohung ihrer Lebensweise hinzu: der Handel mit Emissionsgutscheinen. Um weiterhin fossile Energieträger verkaufen und verbrennen zu können, fördern multinationale Konzerne wie Exxon oder Shell und westliche Staaten den Anbau von monokulturellen Wäldern in den Ländern des Südens, die sie sich als Senken für die Absorption von Kohlendioxid gutschreiben lassen. Folge dieses Systems: der Norden darf weiter verheizen. "Das ist kein Umweltschutz, sondern nur profitabler Schutz einer verschwenderischen Lebensweise", sagt das indische Forum der Waldbevölkerung und Forstarbeiter.

Hat Mumbai das Ziel erreicht, das sich einst die Protagonisten des ersten Weltsozialforums in Porto Alegre 2001 steckten? Wohl nicht ganz. Die Vision der anderen Welt, von der alle sprachen, blieb blass. Gewiss, es soll eine Welt sein ohne Weltbank, IWF, WTO und US-Imperialismus. Aber das wussten wir schon vorher. Konkrete Schritte dahin wurden nur auf wenigen Veranstaltungen behandelt. Vielleicht sind Ereignisse wie dieses dafür auch nicht der richtige Ort. Walden Bello von den Philippinen plädierte für eine Strategie des permanenten sozialen Kampfes auf lokaler und nationaler Ebene, der zugleich den Einfluss internationaler Finanzinstitutionen bricht sowie marginalisierte UN-Einrichtungen wie die ILO (*) stärkt. Und der Brite George Monbiot schlug vor, ein Weltparlament zu schaffen, das kraft seiner moralischen Autorität der von den Großmächten vereinnahmten UNO den Rang abläuft.

Solche Debatten gingen an vielen indischen Aktivisten genauso vorbei wie die Appelle gegen die Besetzung des Irak. Die Schriftstellerin Arundhati Roy hatte vor 50.000 Zuhörern dazu aufgefordert, "selbst zum Widerstand im Irak zu werden", und damit Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen ausgelöst. "Wir sind natürlich auch gegen den Krieg und gegen globale Umweltzerstörung", so Lallubhai Desai, ein Schäfer aus Gujarat. "Aber die Kluft zwischen den Problemen der Welt und unseren alltäglichen Sorgen ist einfach zu groß. Es gibt keine Vermittlung. Indiens Mittelklasse und die Medien, die eine Verbindung herstellen könnten, interessiert das nicht." Sicher, ihm habe das Forum viel gegeben, aber: "Ich glaube nicht, dass eine andere Welt möglich ist." Er werde natürlich seinen Kampf um Land und Wasser, gegen Latifundisten und Behörden nicht aufgeben. In dieser, seiner kleinen Welt, davon ist er überzeugt, könne er viel verändern.

(*)Internationale Arbeitsorganisation


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Arundhati Roy auf dem Weltsozialforum in Mumbai:

Wie beginnen wir mit unserem Widerstand?

Wenn wir gegen den Imperialismus auftreten, sollten wir dann nicht darin übereinstimmen, dass wir gegen die US-Okkupation sind und dass wir glauben, dass die USA sich aus Irak zurückziehen und dem irakischen Volk Reparationen für die Kriegsschäden zahlen müssen? Wie beginnen wir mit unserem Widerstand? Beginnen wir mit etwas wirklich Kleinem. Die Frage ist nicht, den Widerstand im Irak gegen die Besatzung zu unterstützen oder zu debattieren, wer genau dort zum Widerstand gehört (Sind sie alte Baath-Killer? Islamische Fundamentalisten?). Wir müssen der globale Widerstand gegen die Besatzung werden.

Unser Widerstand muss mit der Zurückweisung der Legitimität der US-Okkupation beginnen. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium unmöglich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten sollten sich weigern zu kämpfen, Reservisten sich weigern, eingezogen zu werden. Arbeiter sollten es ablehnen, Schiffe und Flugzeuge mit Waffen zu beladen. Es bedeutet auch, dass wir in Ländern wie Indien und Pakistan die Pläne der US-Regierung zum Scheitern bringen müssen, indische und pakistanische Soldaten zum Saubermachen in den Irak zu schicken.

Ich schlage vor, dass wir auf einer gemeinsamen Abschlusszeremonie von Weltsozialforum und Mumbai-Resistance zwei wichtige Unternehmen auswählen, die von der Zerstörung Iraks profitieren. Wir könnten jedes Projekt, in das sie involviert sind, erfassen. Wir könnten ihre Büros in jeder Stadt und in jedem Land der Welt lokalisieren. Wir könnten sie jagen, zur Schließung zwingen. Es ist eine Frage, unsere kollektive Weisheit und Erfahrung aus vergangenen Kämpfen für ein einzelnes Ziel einzubringen. Es ist eine Frage des Wunsches zu siegen.

Das "Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert" strebt danach, Ungleichheit fortzusetzen und amerikanische Hegemonie um jeden Preis, selbst wenn er apokalyptisch ist, zu errichten. Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und Überleben. Aus diesen Gründen müssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.

00:00 23.01.2004

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