Kasimir allein zu Haus

„Schwarzes Quadrat“ Weltweit feiern Ausstellungen und Veranstaltungen den 100. Geburtstag von Kasimir Malewitschs berühmten Gemälde. Nur des Malers russische Heimat hält sich zurück
Wladimir Velminski | Ausgabe 51/2015

Für die Kunstgeschichte sind das Schwarze Quadrat und die Sixtinische Madonna von gleichem Rang. Das hat Zelfira Tregulowa, eine Starkuratorin im heutigen Putin-Russland, einmal behauptet. Jüngst unterstrich sie die Bedeutung von Kasimir Malewitschs berühmtem Quadrat erneut: Bei der Fondation Beyeler im schweizerischen Basel, wo die Ausstellung Auf der Suche nach 0,10 – Letzte futuristische Ausstellung der Malerei noch bis Januar läuft, sagte Tregulowa vor einigen Wochen, dass Kasimir Malewitsch den Suprematismus und damit die gesamte Avantgarde maßgeblich geprägt habe.

Die zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen, die dieses Jahr weltweit den 100. Geburtstag des Schwarzen Quadrats feiern, geben ihr Recht. Nur fällt auf, dass solche Würdigungen ausgerechnet in Russland kaum stattfinden, und wenn doch, werden sie wenig beachtet. Dagegen brechen andere Ausstellungen, gerade in Moskau, alle Besucherrekorde. Etwa die von Tregulowa mitkuratierte Bilderschau Romantischer Realismus, die bis Anfang Dezember in der Ausstellungshalle Manege neben dem Kreml lief. Stalin vor samtroter Wand, Arbeiterhelden und Motive des Großen Vaterländischen Kriegs: Die Texte zu den Werken glorifizierten das Gezeigte, statt es kunstgeschichtlich einzuordnen. Das Gästebuch war danach voll mit vaterlandsstolzen Einträgen von begeisterten Besuchern.

In der Moskauer Tretjakow-Galerie, in der das Schwarze Quadrat zu Hause ist und die nach einem politischen Streit um die Leitung jetzt von Zelfira Tregulowa geführt wird, läuft derzeit eine Ausstellung zum 150. Geburtstag des Malers Walentin Serow. Porträts von russischen Adligen, Landschaftsmalerei und mythische Interpretationen der russischen Seele sind zu sehen, in bildschönem Jugendstil. Derweil vereinsamt das Schwarze Quadrat im oberen Stockwerk, zusammen mit einer kleinen, in nur zwei Räumen stattfindenden Ausstellung mit dem Titel Unter Malewitschs Zeichen, in der durchaus sehenswerte grafische Arbeiten von Suprematisten versammelt sind.

Keine Frage, das Schwarze Quadrat hat es noch nie leicht gehabt. Als es in Petrograd, dem damaligen St. Petersburg, erstmals ausgestellt wurde, prasselte viel Kritik auf seinen Erfinder und dessen Mitstreiter ein. Über ein „Gebilde“ der „Herrn Futuristen“ zürnte einer der gefürchtetsten Kunstkritiker jener Tage, Aleksandr Benua, der spätere Leiter der Gemäldegalerie der Ermitage. „Das Schwarze Quadrat – das ist kein Witz, (…) sondern einer von den Akten der Selbstbehauptung jenes Anfangs, der bereits in seinem Namen die Frechheit der Verwüstung innehat und der damit aufprotzt, dass er mithilfe des Hochmuts, der Heiterkeit sowie durch die Verschmähung alles Liebenswerten und Zarten, uns alle in den Abgrund treibt.“

Heute, 100 Jahre nach Benuas Angriff auf das Schwarze Quadrat, behauptet man in Russland gern, dass zahlreiche Abgründe des 20. Jahrhunderts mit jener Ikone der Moderne verbunden seien. Den Sturz des Zaren, die Oktoberrevolution, den Zweiten Weltkrieg, den Zerfall der Sowjetunion: Was haben die Suprematisten dem russischen Volk nicht alles eingebracht! Der öffentliche Diskurs in Russland ist stark von Aberglaube geprägt und voll von solchen Meinungsäußerungen. Wie viele Geburtstage das Schwarze Quadrat im zweiten Stock der – Putin-treu geführten – Tretjakow-Galerie überhaupt noch wird feiern dürfen, bleibt abzuwarten.

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