Kassandra hat geplaudert

Frankreich IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wird nach Kräften demontiert, bevor er zum internen Ausscheid der Sozialisten für die Präsidentenwahl 2012 überhaupt antreten kann

Nach dem desaströsen Verlauf des Parteitags der Parti Socialiste (PS) im Herbst 2008 in Reims, auf dem sich die zerstrittenen Lager gegenseitig Manipulation und Wahlbetrug vorwarfen, schaffte es erst Parteichefin Martine Aubry, die internen Grabenkriege zu beenden. Sie ließ sich als Wahlsiegerin bei den Regionalwahlen 2010 feiern und hatte zu diesem Zeitpunkt zwei wichtige Reformvorhaben angestoßen: ein geregeltes Verfahren, um über den PS-Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2012 zu entscheiden, und die Abkehr von der Ämterkumulation, die jedem Abgeordneten der Nationalversammlung auch noch ein Bürgermeisteramt verschafft. Darüber ist freilich noch nicht endgültig entschieden. Insofern bleibt die Ruhe in der Partei trügerisch. Und wenn nicht alles täuscht, beginnt jetzt das Ausscheidungsrennen unter den fünf sozialistischen Präsidentschaftsanwärtern: Martine Aubry, Ségolène Royal, Laurent Fabius, Dominique Strauss-Kahn und Bertrand Delanoë.

Klatschpostille

Voici

Den Anlass für diese Vermutung liefert ein Mitte Mai ausgeliefertes Buch, über das die Zeitung Le Monde schon vor Erscheinen eine Doppelseite brachte. Die anonyme Autorin nennt sich Kassandra und will die „Geheimnisse“ des Kandidaten Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), enthüllen. Kein Geheimnis ist, warum der Sozialist diesen Posten erhielt. Präsident Sarkozy wollte den Rivalen außer Landes wissen. Dessen Rang beim IWF verbietet jeden Einfluss auf die französische Innenpolitik. Das Buch über Strauss-Kahn wäre kaum der Rede wert, würde es nicht ziemlich genau zeigen, mit welchen Mitteln und Mätzchen in der Sozialistischen Partei gerade Politik gemacht wird.

Wer hinter Kassandra steckt, ist nicht bekannt. Das einzige Interview mit ihr erschien in der Klatschpostille Voici. Den Verlagsvertrag unterschrieb die tragische Prophetin pikanterweise mit "Brutus", der zu den Mördern Cäsars zählte. Kassandra behauptet von sich, lange Zeit zur näheren Umgebung von Strauss-Kahns PR-Team, die sich selbst Gang nennt, gehört und Imagepflege betrieben zu haben. Überprüfen lässt sich das nicht. Im Buch geht es weniger um Politik als um wabernde Details aus dem Privatleben des IWF-Mäzens – seine Affären mit Frauen, seine kulinarischen Vorlieben, seinen Hang zur Völlerei. Strauss-Kahns Beziehung zu der aus Ungarn stammenden, verheirateten und für Afrika zuständigen IWF-Mitarbeiterin Piroska Nagy hätte ihn vor einiger Zeit fast den Direktorenposten im prüden Washington gekostet. Seine Hintersassen konnten das ebenso verhindern wie ein endgültiges Zerwürfnis mit Ehefrau Anne Sinclair, Erbin einer der reichsten Familien Frankreichs. Der luxuriöse Lebensstil des Ehepaars war vielen PS-Wählern ein Stein des Anstoßes.

Die Anonymität der Autorin und das mediale Spektakel um dieses Buch erheben das Geschehen zum Lehrstück, denn die politischen Motive, Strauss-Kahn noch vor den Primärwahlen im PS zu demontieren, können von einer enttäuschten Mitarbeiterin oder verlassenen Geliebten stammen, aber auch von seinen Konkurrenten in der eigenen Partei. Wie ernst der Betroffene die Anonyma Kassandra nimmt, zeigt sich daran, dass seine Hintersassen in einem elf Seiten langen Papier „zahlreiche Erfindungen“ und „Fehler“ auflistet. Führende Mitglieder dieses PR-Trupps verklären nicht nur das Image des IWF-Direktors als „Schiedsrichter der Weltwirtschaft“, sondern arbeiten auch für eine Werbeagentur, die zum Imperium des Sarkozy-Freundes und Multimillionärs Arnaud Lagardère gehört.

Strauss-Kahn jedenfalls äußert sich weder zum Buch noch zu einer eventuellen Kandidatur für den Elysée-Palast und lässt über seine Mitarbeiter nur ausrichten: „Sagt einfach, dass ich nachdenke.“ Zugleich lässt er mitteilen, als Weltökonom auf Platz sieben im Ranking der weltweit einflussreichsten Politiker keine Zeit zu haben für eine ausgedehnte Vorstellungsrunde, die das von Martine Aubry ausgedachte Auswahlverfahren für den Sarkozy-Herausforderer des PS allerdings vorsieht.

Strauss-Kahns Parteifreunde verweisen auf eine Umfrage des Nouvelle Observateur, der zufolge 49 Prozent der Franzosen den IWF-Direktor für den besten Präsidentschaftskandidaten halten. Für Aubry stimmten 16 Prozent, für Delanoë und Royal je neun und für Laurent Fabius vier Prozent. Bei diesem Gefälle dürfte es mit dem Parteifrieden bald ein Ende haben, denn der Abgeordnete Pierre Moscovici – Intimus von Strauss-Kahn – erklärt unumwunden: „Ich habe immer gesagt, dass – wenn Dominique Strauss-Kahn eine Chance für Frankreich bedeutet, und es ist offensichtlich eine – diese gepackt werden muss.“

Sozialistisches Haifisch-Becken

Damit befeuert Moscovici nicht nur den Kandidatenstreit – er demontiert auch Parteichefin Aubry, die sich für ein faires und transparentes Auswahlverfahren stark macht. Alles spricht dafür, dass Strauss-Kahn seine Inthronisation durch eine von seinem PR-Team gesteuerte mediale Kampagne vorzieht.

Kassandra, die Seherin in der griechischen Mythologie, sagt den Untergang Trojas voraus. Aber ihre Prophezeiungen werden nicht beachtet. Der Sieger Agamemnon entführt sie. Die Kassandra am Rande des sozialistischen Haifisch-Beckens hat derlei nicht zu befürchten. Aber Strauss-Kahn könnte das Buch – wer es auch immer aus welchen Motiven lanciert hat – die Kandidatur kosten, denn beliebt war er immer nur bei smarten Kaviar-Linken.

Die Bewerber der Sozialisten

Laurent Fabius (63) wurde 1984 mit 37 Jahren, berufen von Präsident Mitterrand, der jüngste Premierminister der V. Republik, regierte teils zusammen mit den Kommunisten und war später Parlamentspräsident.

Ségolène Royal (56) unterlag 2007 Nicolas Sarkozy mit achtbaren 47 Prozent in der Stichwahl um die Präsidentschaft. Bei ihrer Wahlkampagne empfahl sich Royal nicht als Sozialistin, sondern Kandidatin der Mitte.

Dominique Strauss-Kahn (61) war unter Premier Lionel Jospin zwischen 1997 und 1999 Wirtschafts- und Finanzminister. Ende November 2007 übernahm Strauss-Kahn das Amt des geschäftsführenden IWF-Direktors.

Martine Aubry (59), die Tochter von Jacques Delors, des früheren EU-Kommissionspräsidenten, saß in mehreren Regierungen. Im November 2008 übernahm die Bürgermeisterin von Lille den PS-Parteivorsitz.

Bertrand Delanoë (59) ist seit fast zehn Jahren Bürgermeister von Paris und wird eher dem linksreformerischen Flügel der PS zugerechnet. Er scheiterte mit einer Olympia-Bewerbung seiner Stadt für das Jahr 2012.

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12:58 14.06.2010

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