Katrina im Kopf

Krimi Bei Sara Gran sind die Fälle schon wild genug. Aber nichts gegen die inneren Kämpfe ihrer Detektivin
Katrina im Kopf
Sara Gran ist kein Newbie

Foto: Eliza Gran

Neun Uhr morgens in Los Angeles, die Krimiautorin wirkt sympathisch, quirlig, schnell wechselt das Gespräch zu ihrer berühmten Ermittlerfigur. Sara Gran gesteht, „in Claire steckt viel von mir selbst“. Wirklich? Zwar ist zu lesen, dass Gran eine wilde Jugend hatte, aber nach dem Videotelefonat bleibt die Frage, wie die gewaltaffine Privatdetektivin auf Speed mit der zierlichen, ungeschminkten Endvierzigerin am Schreibtisch eines kalifornischen Apartments in Einklang bringen?

Mit diesem widersprüchlichen Bild trifft man die gebürtige New Yorkerin zwei Wochen später in einer Berliner Hotellobby. Gran, in weißem Jackett, schwarzem Bleistiftrock, mit auffälligem Goldschmuck und L.A.-Bräune scheint nun eine ganz andere Person zu sein. Ihr Blick wirkt streng hinter der Cat-Eye-Brille, die Brille spiegelt noch am ehesten die verlotterte Exzentrik wider, die der selbst ernannten „besten Privatdetektivin der Welt“ anhängt. Diese am Mineralwasser nippende Frau hier erfüllt in jeder Hinsicht die Vorstellung einer medienerprobten Hollywood-Autorin.

Sara Gran ist in der Tat kein Newbie. Seit 25 Jahren schreibt sie, vor allem Drehbücher für erfolgreiche Serien. Ihr Debüt, Saturn’s Return to New York, das bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde, geht im 09/11-Terror unter. Dafür kauft Martin Scorseses Tochter, Domenica Cameron-Scorsese, die Filmrechte an der autobiografisch anmutenden und in der New Yorker Kunstszene spielenden Mutter-Tochter-Beziehung. Zwei Jahre später der nächste Roman. Danach folgt ein Hardboiled-Krimi im New Yorker Drogenmilieu der Fünfziger. Alle drei Romane werden mehr oder weniger gut aufgenommen, aber erst Claire DeWitt und das DeWitt’sche Universum, in dem Fälle blumige Namen haben, Mäuse sprechen und das ominöse Buch „Détection“ Leitfaden, philosophisches Rätselwerk, Esoterik und Religion zugleich ist, bringen 2012 den Durchbruch.

Auf Die Stadt der Toten folgt 2013 Das Ende der Welt. Sara Gran wird von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert, mehrfach ausgezeichnet, unter anderen mit dem Deutschen Krimipreis. Mit ihrem Roman Das Ende der Lügen trifft nun der dritte Fall der weltbesten Privatdetektivin, die dem kulthaften Kreis Détection um den französischen Meister Jacques Sillette anhängt, auf eine solide Fan-Base, die Grans Platz in der Krimiszene festigt.

Amerikanisch hemdsärmelig, nicht ohne Schärfe erklärt Gran, „wenn man etwas wirklich will, muss man alles daransetzen. Ich arbeite hart.“ In der Tat musste sich die aus Brooklyn stammende Autorin in der Wahlheimat Los Angeles durchbeißen. Weder gewichtige Mentoren im Literaturbetrieb noch eine Elite-Schreibschmiede ebneten den Weg. „Meine Lehrer und Freunde waren immer Bücher.“ Ihren Eltern ist sie dankbar, dass sie in einer Bücher liebenden Familie aufwachsen durfte. Während die Mutter vorwiegend französische Hochliteratur las, verdankt sie ihrem Vater Hammett, Chandler und andere Ikonen der Krimiliteratur. Da lag fast schon nahe, dass der Teenager im Multikulti-Brooklyn der achtziger Jahre selbst zu schreiben anfing. Grans Inspiration und Antrieb wurden die Bücher und die Tatsache, dass hinter den Wahrheiten, die man erzählt bekommt, „immer auch andere stecken“. „Und ja, vielleicht ist es auch Berufung“, fügt Gran lakonisch hinzu.

Berufen oder nicht, Gran beherrscht ihr Schreibhandwerk. Ihre Claire-DeWitt-Romane zeichnen sich aus durch saubere Figurenzeichnung, mehrschichtige Handlungen. Auch wenn sie gelegentlich zu blumigen Metaphern neigt, ihre Sprache bleibt so schnörkellos wie ihre Hauptfigur. Obwohl ihre Romane voller genretypischer Kunstgriffe und Referenzen an die Altmeister der Kriminalliteratur stecken, wirken die Fälle, ihre Auflösung wie blasse Garnitur. Der eigentliche Hauptgang ist die exaltierte, desillusionierte und mit Drogen kämpfende Ich-Erzählerin, die sich jeglicher Konformität sowie dem Repertoire typisch weiblichen wie auch detektivischen Rollenverhaltens verweigert und dabei fast schon unfreiwillig klischeehaft wirkt beim tiefen Blick in die amerikanische Seele: „Wenn man die kleinen Steine der Wahrheit einmal entdeckt hatte, war man nur noch für das eine verantwortlich: seine eigene Straße zu bauen … Niemand heißt die Wahrheit willkommen. Wer sie gefunden hat und auf sie hinweist, darf keine Glückwünsche und keinen Dank erwarten.“

„Ich sehe die Reihe als eine über Claire DeWitt, ganz in der Tradition der klassischen Privatdetektivromane“, sagt Gran und bekräftigt, dass Genreregeln wie Codes fungieren, die jeder Krimileser wiedererkennt und an die man sich trotzdem nicht dogmatisch halten muss. In Die Stadt der Toten rettete Claire im vom Hurrikan Katrina traumatisierten New Orleans eine Gruppe böser Jungs vor korrupter Staatsmacht, in Das Ende der Welt suchte sie in San Francisco nach dem Mörder eines Ex-Freundes, Das Ende der Lügen sieht gleich ein Verdreifachen von Ort, Zeit und DeWitt’scher Persona vor. Sara Gran verknüpft hier mehrere Fälle miteinander, ihre Heldin Claire DeWitt kämpft mit alten Dämonen, neue kommen hinzu, stellen sie auf eine innerliche Zerreißprobe, die Claire in die Knie zwingt.

Flüchtige Affären

Claire DeWitts Erzählung beginnt in Oakland im Jahr 2011, mit einem Anschlag auf ihr Leben. Sie entkommt mit ernsthaften Blessuren, der Anschlag erinnert sie daran, dass sie Rätsel löst, die niemand lösen will; und zum Dank dafür hat man noch mehr Feinde. Ihrem Ruf als weltbeste Detektivin verpflichtet, findet DeWitt schnell eine Spur, die sie zu dem seit Jahren abgetauchten Jay Gleason führt. Wie Claire gehört Gleason der mittlerweile recht ausgedünnten Jüngerschaft um Detektivgroßmeister Sillette an. Claire landet schließlich in Las Vegas sowie bei einer Groschenromanreihe aus ihrer Jugend – und damit beim einzigen Fall, den es ihr bisher nicht zu lösen gelang. Dieser Fall ereignet sich im New York der Achtziger, im Brooklyn der brutalen Gangrivalitäten und Drogendealer. Hier operiert Claire als Teil eines Teenie-Trios bereits nach dem Vorbild von Silettes Bibel sowie der Groschenromandetektivin Cynthia Silverton. Bis eines Tages eins der drei Mädchen spurlos verschwindet.

Von Brooklyn verlagert sich die Erzählung in das Los Angeles der Endneunziger. Claire ist an einem Mordfall in der Kunstszene dran. Sie lässt nicht locker, bis es ihr gelingt, zwischen flüchtigen Sexaffären und Speedkonsum das Rätsel hinter dem Rätsel aufzudecken, bis Gran am Ende der Lügen alle drei Erzählstränge zu einer rasanten Lösung zusammenführt.

Gran bezeichnet sich selbst als „urbane Nomadin“. Doch Orte wie New York und New Orleans sind mehr als nur Orte, denn Gran erlebt sie im Wechsel der Geschichte und ihrer Katastrophen. Gran ist in New York, als die Twin Towers einstürzen, und vier Jahre später in New Orleans, als nach der Hurrikankatastrophe eine beispiellose Welle der Gewalt die Jazzmetropole überzieht.

Auf in den Horror

All das findet sich wieder im Claire-DeWitt-Universum. Und nur eins dieser Erlebnisse genügt, um Menschen aus der Bahn zu werfen. Doch Gran bleibt trotz jugendlicher Drogenexzesse, kleinkrimineller Gesellschaft, trotz 09/11, trotz Katrina in der Bahn. Sie schreibt, heiratet, lebt mit Ehemann und Katze in Los Angeles, schreibt der Wahrhaftigkeit hinterher, schreibt aus der Seele, wie sie beteuert, denn Oberflächlichkeit ist ihr verhasst, auch wenn „die meisten Menschen leider oberflächlich sind“. „Man muss etwas von sich preisgeben, um andere zu berühren“, schiebt sie nach. Ihre Heldin Claire DeWitt lässt tatsächlich niemanden kalt. Die Figur polarisiert, weil sie mit Leib und Seele einer massiven Spannung ausgesetzt ist, die sich aus den Erfahrungen von Entwurzelung, Gewalt, Drogen und dem Mystisch-Unerklärlichen speist. Wie gut sich wohl Gran in all dem auskennt? „Die Jahre machen einen weiser“, sagt sie trocken. „Claire wird im nächsten Band ihre Glaubenssätze, die Dinge infrage stellen müssen.“ Dann fügt sie mit einer resoluten Geste hinzu: „Das Leben stellt sowieso mehr Fragen, als es Antworten liefert.“

Auf die Frage, wie lange die Fans auf einen neuen Fall aus dem DeWitt’schen-Universum warten müssen, erklärt Gran zähneknirschend, Das Ende der Lügen „war schon 2016 fertig. Der Verlag hat geschludert.“ Verärgert darüber schiebt sie sich die Brille über den Nasenrücken. „Für Verlagshäuser rechnet sich der Erfolg nur in Verkaufszahlen. Wenn man als Autor nicht jedes Jahr einen neuen Roman liefert, fliegt man schnell aus dem Rennen.“

Gran wird wohl kaum aus dem Rennen fliegen, dafür sorgen die beiden kommenden Projekte. „Eins von den Projekten ist ein Roman im Horror-Genre. Das andere ist ganz anders als das, was ich bisher geschrieben habe“. Claire-DeWitt-Fans müssen sich wohl oder übel gedulden. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich wieder um eine Frauenfigur handelt, die ihre sehr eigenen Wege sucht, ganz gleich, wohin sie sie führen, ist nicht gering.

Info

Das Ende der Lügen Sara Gran Eva Bonné (Übers.), Heyne Hardcore 2019, 352 S., 16 €

06:00 15.04.2019

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