Kein Glutkern, nirgends

Revolution Der Theatermacher Milo Rau liest in „Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft“ einer mutlosen Linken die Leviten
Robert Misik | Ausgabe 41/2013 2

„Es ist nicht nur das klassische revolutionäre Subjekt, das fehlt, es ist auch die revolutionäre Situation – jene Spannung, die uns sagt, dass es auf das, was wir tun, ankommt, und vor allem: dass es jetzt, jetzt gleich geschehen muss.“ Man muss leicht abgenudelte Begriffe wie „revolutionäre Situation“ nicht im aktiven Wortschatz haben, um zu attestieren: Da ist was dran; es ist was dran an dem Urteil, dass eines der Probleme der heutigen Linken ist, dass sie sich selbst letztendlich nicht mehr ernst nimmt; dass sie insgeheim von der Bedeutungslosigkeit ihres Handelns überzeugt ist und deshalb eine ironische Position allem, auch sich selbst gegenüber einnimmt. Glutkern? Gibt es keinen mehr.

Der kluge Schweizer Theatermann und Autor Milo Rau wirft dieses Urteil der zeitgenössischen Linken in einem schmalen, eleganten Essayband an den Kopf: Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft. Rau hat sich in vielen seiner oft gefeierten dokumentarischen Theaterproduktionen Hate Radio oder zuletzt Die Zürcher Prozesse auf die dreckige Wirklichkeit eingelassen. Grenzen überschritten. Er ist ein politischer Theatermacher im eigentlichen Sinn. Nicht in dem Kuratoren-Style-Sinn, der das Label „politisch“ nur zur Behübschung von Kunstevents nützt, weil das politisch ja „voll interessant“ ist; sondern ein politischer Theatermacher, der gerade die Grenzen des Kunstfeldes immerzu zu überschreiten versucht. Und jetzt also dieser direkt politische Text.

Karikaturen des Linksseins

Im Ausgang seines Essays zeichnet – man könnte auch sagen: karikiert – Rau die unterschiedlichen Physiognomien heutigen Linksseins. Da ist der Deutsch- oder Geschichtslehrer, der den „irgendwie resignierten Ausdruck eines Rentners in seinem Gesicht trägt“, und der all das, „woran die große Mehrheit Spaß hat, blöd findet und dafür seine guten Gründe hat“; da tritt der „postmoderne Pluralismus und Interkulturalismus auf“, charakterisiert als „sterilisierte Schwundformen linker Utopiefähigkeit“, aufgehübscht mit einer Prise „inhaltsleerer Tugendhaftigkeit“, oder Bewegungen wie Occupy, „deren Forderungen an ‚die Mächtigen‘ derart hysterisch, kindisch und überzogen sind, dass sie selbst nicht ernsthaft mit ihrer Erfüllung rechnen“. Wie könnte man, fragt er, „diese völlig zahnlose Linke nicht verachten“? Da kommt hinzu: die Bobo-Linke, für die irgendwie Linkssein zu einem privaten Lifestyle-Accessoire geschrumpft ist – „von Politik zu Postpolitik“. Die Liste wäre fortsetzbar.

Milo Rau fasst diese unterschiedlichen Ausprägungen als verschiedene Erscheinungsformen dessen zusammen, was er „postmoderne Vernunft“ nennt. Die postmoderne Vernunft hat ihre Lektionen gelernt: Macht? Klassenfeind? Die Herrschenden? Gibt es nicht. Die Welt ist nicht perfekt, treibt vielleicht sogar auf eine Katastrophe zu, aber niemand ist in einem eminenten Sinne „schuld“. „Wenn unsere Welt also offensichtlich böse, die Position des substantiell Bösen aber nicht besetzt ist“, dann sind wir alle ein bisschen Teil des Bösen, oder zumindest gilt, dass wir alle irgendwie zuständig und verantwortlich sind, „ohne jedoch zu wissen, wofür“. Die postmoderne Vernunft amüsiert sich in dieser unerquicklichen Lage mit „Dekonstruktion anstelle der Konfrontation“. Diese Linke kritisiert, prangert Rechtspopulisten an, wünscht, dass alle Menschen nett zueinander sein mögen, spielt ihre akademischen Wortspiele, so Raus böses Verdikt, um damit zu überspielen, dass „wir nicht wollen, dass sich diese Welt ändert“.

Nun ist freilich auch Milo Rau ein zeitgenössischer Linker, und deshalb gibt es auch bei ihm, wenngleich eher zwischen den Zeilen, ein Denkmotiv, das aus den traurigen linken Diskursen resignierter Rentner nicht wegzudenken ist: die Vorstellung, dass früher alles besser war.

Früher, so darf man ihn verstehen, gab es noch den verwegenen Utopismus, der von einer Möglichkeit (ja: Wahrscheinlichkeit) einer völlig anderen Welt überzeugt war; der das wirklich ernst meinte; der damit auch von einem heiligen Ernst erfüllt war, sodass Menschen sich selbst zum Einsatz machten. Das ist natürlich auch nicht falsch, übersieht aber freilich auch, dass es diese Spielarten linker Physiognomie immer schon gab, mögen sie auch anders ausgesehen haben.

Schon George Orwell verspottete die linken utopischen Phantasiewelten als „Paradies für Pedanten“, ausgeheckt von zotteligen, bärtigen Stubenhockern, gepredigt nicht selten von einem Sozialisten, „mit einer sozialen Stellung, die er keineswegs aufs Spiel setzen will“, oder von „verdrehten Typen“, deren revolutionäre Ansicht „einen Teil ihrer Kraft aus der geheimen Überzeugung gewinnt, dass nichts verändert werden kann.“ Kurzum: Früher war auch nicht alles rot, was glänzte.

Dennoch ist Raus Problemanalyse überzeugend. Bloß, den Königsweg in Richtung einer Linken, die wieder ernst zu nehmen wäre, kann er auch nicht wirklich zeichnen. Das ist auch kein Wunder und wäre auch nicht zu erwarten, aber auch die paar Federstriche, die er macht, werfen mehr Fragen als Antworten auf. Zunächst rechnet er auch den klassischen sozialdemokratischen Revisionismus – also das „Reform statt Revolution“ – der postmodernen Willensschwäche zu, was höchstens partiell überzeugend ist. Gewiss, in der Sozialdemokratie mag als Motiv eine Prise Risikoscheuheit immer gesteckt haben, aber seine Protagonisten waren ernsthafte Menschen. Auch der Reformismus brauchte gewaltige Kraftanstrengungen, und seine Erfolge konnten sich zumindest zeitweise sehen lassen. Am Ende landet Rau, der Titel versprach es schon, wieder bei Lenin, genauer: bei dem einen Charakteristikum leninistischer Mentalität, nämlich dem Voluntarismus. Bei dem: die Gelegenheiten beim Schopf packen.

Realos und Anarchos

Dass man Gelegenheiten besser mit Willensstärke beim Schopf packt, statt sie vorbeiziehen zu lassen, ist ja zweifelsohne eine sinnvolle Sache, da bräuchte man nicht Lenin aus der Rumpelkammer zu holen. Als Leser wird man den Verdacht nicht los, dass der Lenin-Verweis in der zeitgenössischen linken Pamphletistik ein kalkulierter Schock ist: Lenin, das ist halt eine Chiffre für ganz radikal. Vor allem eben der April-Thesen-Lenin, der gesagt hat, man kann in diesem Russland eine sozialistische Revolution machen, weshalb ihn sogar seine Parteigänger kurzfristig für verrückt hielten. Aber der Verrückte behielt eben recht, weil er gewissermaßen eine Gelegenheit, die gar nicht einmal eine Gelegenheit war, beim Schopf packte.

Das Problem der heutigen Linken, hier muss man Rau folgen, sind die zwei Linien, die in keiner Weise verbunden sind: hier die pragmatische Regierungslinke, die den Wohlfahrtsstaat erst ausbaute und jetzt gerade noch irgendwie verteidigt; dort die Witzlinke, die ihr Revolutionstheater aufführt. Eine ernst zu nehmende Linke braucht aber – simpel gesagt – Realos und Anarchos. Ernst, die reale Hoffnung auf das ganz Andere, Risikogeist, das Bohren dicker Bretter mit Ausdauer, „besserer Realismus“, wie er das nennt. Gewiss, das bleibt so ungefähr, dass sich jeder darunter vorstellen mag, was er will, aber gerade das muss ja in der politischen Theorie kein Nachteil sein.

Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft Milo Rau Kein & Aber 2013, 62 S., 7,90 €

Robert Misik lebt als freier Autor in Wien. Er betreibt u.a. ein Satire-Videoblog beim österreichischen Standard

06:00 23.10.2013
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