Kein Gruppenbild mit Taliban

Afghanistan/USA Die USA finden plötzlich Gefallen an einer Art OSZE in Zentralasien. Sie wollen ein regionales Sicherheits­system, das zugleich ihre militärische Präsenz festschreibt

Bald sollen auf dem vorweihnachtlichen Bonner Petersberg die Weichen für die Zukunft Afghanistans gestellt werden. Geladen sind 90 Staaten und 15 internationale Organisationen. Bevor diese Gemeinschaft ihre Gaben für ein allseits konsensfähiges neues Szenario am Hindukusch auf den Festtisch legt, muss einiges geschehen. Es fehlt das Gruppenbild mit Taliban. Mullah Omar und seine Getreuen wollen sich partout nicht an den Friedenstisch zwingen lassen. Verhandlungen, die US-Diplomaten angeblich vor Kurzem in Deutschland mit dem Omar-Vertrauten Tayyab Agha führten, sorgten für schallendes Gelächter in pakistanischen Taliban-Refugien. Der Mann war ein Schwindler, ganz so wie der kleine Tabakverkäufer aus Quetta, der im Vorjahr Tausende von Dollars eingestrichen haben soll, indem er als Mullah Akhtar Muhammad Mansur auftrat und als vermeintliche Nr. 2 der Quetta Shura mit NATO-Repräsentanten verhandelte.

Während die Suche nach dem Friedens-Taliban auf Hochtouren läuft, schwenkt Washington um auf Weitwinkel-Perspektive. So war eine internationale Konferenz in Istanbul Anfang des Monats der „Sicherheit und Zusammenarbeit im Herzen Asiens“ gewidmet. Dieses Herz, eigens für die Zwecke des Treffens definiert, hat 14 Kammern: Neben Afghanistan und seinen unmittelbaren Anrainern Pakistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Iran wurden Indien, Russland, Kasachstan, China, die Türkei, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate geladen, um den regionalen Rahmen zur inneren Stabilisierung Afghanistans auszuhämmern.

Washington schwebt ein regionaler Sicherheits- und Integrationsmechanismus nach dem Muster der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vor. Ein Modell, das nicht nur Afghanistan zugutekäme, sondern zugleich andere Regionalkonflikte lösen soll, die in Zentral- oder Südasien Bestandsgarantien genießen: Zum Beispiel der Kaschmir-Streit zwischen Indien und Pakistan. Das famose neue Sicherheitssystem, von NATO-Partner Türkei mit Nachdruck empfohlen, wurde in Istanbul als Paketlösung angeboten – nutzerfreundlich und mit „Kontaktgruppe“ –, um eine Matrix von vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Staaten und politischen Interessengruppen durchzusetzen. Ein Katalog dieser Maßnahmen war bereits in einem vorgefertigten Vertragsdokument niedergelegt, das die Konferenzteilnehmer nur noch hätten unterzeichnen müssen – alles Weitere dann auf dem Bonner Petersberg im Dezember. Doch sie wollten nicht.

Vom Tisch

Natürlich geht es den USA darum, unter dem Label regionaler Befriedung möglichst für immer einen militärischen Brückenkopf zwischen Süd- und Zentralasien zu platzieren, nachdem alle Versuche zu scheitern drohen, sich in Afghanistan politische Legitimität zu verschaffen. Es wird immer schwieriger, dortige Militärpräsenz als Ausdruck von Volkswillen zu apostrophieren. So wird eine Alternative empfohlen – das US-gesponserte Sicherheitssystem. In Istanbul stieß dieses Projekt sofort auf den Widerstand von Russland, China, Iran und Pakistan, aber auch einiger zentralasiatischer Staaten. Bereits bei den Vorgesprächen in Oslo und Kabul hatte die US-Diplomatie Kompromisse eingehen müssen, bis am Ende lediglich Erklärungen mit guten Wünschen für ein „souveränes und unabhängiges Afghanistan“ übrig blieben. Washingtons Game-Plan war damit vom Tisch, zumindest in dieser Runde.

Vermutlich hegte die US-Regierung die verzweifelte Hoffnung, Pakistans widerspenstige Generäle fünf Minuten vor zwölf mit dem „Coup“ von Istanbul in den Griff zu bekommen. Aber die Herren zuckten nicht einmal, als Präsident Obama vor Wochen einen dramatischen Aufmarsch von US-Truppen an ihrer Grenze inszenierte. Sie wissen wie die Taliban nur allzu gut, dass in Afghanistan die Zeit zu ihren Gunsten spielt. Washingtons Hebel werden immer kürzer. Was nichts daran ändert, dass die Idee, Islamabad mittels eines regionalen Sicherheits- und Kontrollsystems im Zaum zu halten, bestechend wirkt. Ein solches Konzept hätte viele Vorteile. Es würde das tradierte Modell, das den widerstreitenden Interessen souveräner Nationalstaaten nicht gerecht wird, in etwas geopolitisch Handliches überführen. Im „Herzen Asiens“ installiert, könnte das neue System außerdem dazu führen, den Einfluss Russlands und Chinas abzubauen und dem von beiden Staaten dirigierten Staatenbund Shanghai Cooperation Organization (SCO) den Schneid abzukaufen. Die Idee der Amerikaner, Süd- und Zentralasien zum „Herzen Asiens“ zu erklären und durch einen von den USA beherrschten Sicherheitsorganismus zu umgeben, ist George Bushs alte Greater Central Asia Strategy in einem anderen Gewand – Afghanistan würde zum „Herz des Herzens“, zum geopolitischen Dreh- und Angelpunkt.

Indiens Entscheidung

Was ein solches System über die Verankerung in Afghanistan hinaus attraktiv erscheinen lässt, sind seine Arterien: Präsident Obamas neue Seidenstraßen sollen florierende Handelsrouten sein, Kooperation sichern und unter westlicher Kontrolle stehen. Das würde erlauben, unter Umgehung Russlands und Irans jederzeit auf die Energietrassen Zentralasiens zugreifen zu können.

Der hastige Versuch Washingtons, angesichts eines möglichen Afghanistan-Abzugs die Sicherheitsstrukturen Zentralasiens zu transformieren, ließ in Moskau, Peking, Islamabad und Teheran die Alarmglocken läuten. Nach Istanbul trat die Shanghai Cooperation Organization in Aktion – der Mitgliedsantrag Pakistans wurde abgestaubt, Afghanistan als Beobachter eingeladen, ein SCO-Gipfel am 7. November in Petersburg einberufen und es werde beschlossen, die Afghanistan-Frage in eigener Regie zu lösen. Neu-Mitglied Pakistan, vertreten durch Premier Yousuf Gilani, wollte dabei „alle Afghanen an Bord nehmen, unabhängig von ihren ideologischen, ethnischen oder politischen Hintergründen“. Ein Indiz dafür, dass sich die Afghanistan-Politik Islamabads so gründlich gewandelt hat wie dessen Verhältnis zu den USA.

Eine SCO-Mitgliedschaft Indiens bleibt vorerst in der Schublade. Russland und China scheinen zu befürchten, sich ein Trojanisches Pferd in die Festung zu holen. Zu sehr bleibt Delhi unter der regierenden Kongresspartei seiner Rolle als Juniorpartner Washingtons verpflichtet. Gerade erst hat Premier Manmohan Singh versichert, in Afghanistan weiter eng mit den USA und der NATO kooperieren zu wollen – „während der Übergangsphase sowie danach“.

Ein Grund für diese Haltung könnte in der wachsenden Angst vor China liegen, die Indien derzeit zu Milliardeneinkäufen auf dem internationalen Waffenmarkt treibt. Washington schürt die Furcht vor dem chinesischen Drachen, um mit Indien einen potenten Partner für sein Raketenabwehr-Programm zu gewinnen. Auf der Suche nach Stationierungsorten in Asien dürfte das Land von großem strategischem Wert sein. Die Flippkarte in der Hand, muss sich Delhi bald entscheiden, ob es in den SCO- oder NATO-Club eintreten will.

Ursula Dunckern ist Zentralasien-Korrespondentin des Freitag

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09:00 26.11.2011

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