Kein hässlicher Moslem

Religiöse Wege in die Moderne Weshalb sich der Westen mehr für das Phänomen des "Sowjet-Islam" interessieren sollte

Im Jahr 2001 dämonisierte Karl-Heinz Bohrer, Herausgeber der abendländisch-intellektuellen Monatszeitschrift Merkur, den Islam als "unaufgeklärt gebliebene frühmittelalterliche Religion, die periodisch aggressiv ausbricht, vergleichbar in seinen zivilisatorischen Defiziten mit der spanischen Kirche zur Zeit der Inquisition, deren Folgen bis zum faschistoiden Franco-Regime reichen".

Wer dieses Urteil zur Kenntnis nahm, den mochte erstaunen, dass von vielen Islam-Analysten im Westen bis zum Zusammenbruch der UdSSR jede Manifestation islamischer Frömmigkeit in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken als Zeichen des politischen Protests gegen das kommunistische Regime bejubelt wurde. Erst Anfang der neunziger Jahre verzeichnete diese Lesart des "Sowjet-Islam" einen gewissen Schwenk. Jetzt hieß es, ein knappes Jahrhundert sowjetisch-atheistischer Kolonialherrschaft habe die gesamte Region in eine religiöse Wüste verwandelt. In dieses Vakuum stoße nun ein politisch motivierter Islam afghanischer Prägung mit verheerenden Auswirkungen für die Stabilität überkommener sozialer Strukturen, vor allem aber der nach 1991 in diesem Raum entstandenen Staaten Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Aserbeidschan, Kirgistan und Kasachstan.

Dass sich in Sowjet-Zentralasien ein "wirklicher, lebendiger Islam" nicht entwickeln konnte, darin stimmen alle westlichen Expertisen überein: Gegeben habe es lediglich einen "offiziellen" Islam der Moschee und - als Pendant dazu - einen "populären" Islam des Schreins und der Sufi-Orden. Beide hätten sich unversöhnlich gegenübergestanden. Während der "offizielle Islam" nichts weiter als ein Handlanger des Regimes zur Unterdrückung des "wahren Glaubens" gewesen sei, habe sich der "populäre Islam" um das religiös-kulturelle Erbe bemüht. Das sei unter den herrschenden Verhältnissen auf eine starke Lokalisierung, Profanisierung und damit Verarmung dieses Erbes hinausgelaufen.

Natürlich kam es besonders in den zwanziger und dreißiger Jahren in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken zur massenhaften Schließung von Moscheen. Unzählige moslemische Kleriker wurden eingekerkert oder physisch vernichtet. Spätestens seit den sechziger Jahren jedoch entwickelte sich ein sehr spezifischer "kommunistischer" Islam, dessen unvoreingenommenes Studium dazu beitragen könnte, das derzeitige Islam-Verständnis aufzuhellen.

Der "offizielle" Klerus im sowjetischen Zentralasien war seinerzeit zutiefst fundamentalistisch, die Rückkehr zum "reinen, unverfälschten Islam" sein zentrales Motiv. Als diskursives Instrument galt das Prinzip des Ijtihad - die theologische Auslegung klassischer islamischer Texte. Einerseits, um durch die Betonung schriftlicher Überlieferungen eine "Authentisierung" des Islam zu bewirken. Andererseits, um durch Neuinterpretation alter Texte zeitgemäße Prinzipien zu konstituieren. Das lief zwangsläufig auf eine Synthese "traditioneller" und "moderner" Elemente hinaus, die auch dazu führte, offiziell vorgegebene Werte der Sowjetgesellschaft wie Frieden, Solidarität oder Gleichheit von Mann und Frau in eine islamische Begrifflichkeit zu überführen. Der Klerus konnte damit nicht nur die Vitalität des Islam unterstreichen, sondern auch das vom Staat vorgebrachte Argument, Religion sei rückständig und dem Untergang geweiht, ad absurdum führen

Die loyale Haltung des "offiziellen" Klerus lief insofern auf keine Unterwerfung unter die politischen Verhältnisse hinaus, sondern eine Rekonstruktion derselben. Im Ergebnis entstand eine neue moslemische Identität, in der Islam und Sowjetsozialismus nach Versöhnung suchten, ohne ineinander aufzugehen.

Ebenso wenig, wie der "offizielle" Islam mit dem herrschenden Regime paktierte, erwies sich der "populäre" Islam als a priori regime-kritisch. Selbst der wichtigste Vertreter des tadschikisch-usbekischen Populär-Islam, Muhammadjon Hindustonij (1895-1989), sah in der von ihm propagierten traditionellen "Hanafi-Doktrin" zeit seines Lebens keinerlei Plattform für eine politische Opposition in der UdSSR. Auch war es Hindustonij, der Ende der siebziger Jahre einige stark puristisch gesinnte, "populäre" Islam-Gelehrte als "Wahhabiten" (Anhänger des saudischen Islam) verdammte und so einen Disput eröffnete, der bis heute anhält.

Wie sehr die behauptete Unversöhnlichkeit von "offiziellem" und "populärem" Islam einen Mythos bediente, zeigte nicht zuletzt die tägliche religiöse Praxis. Zwar nutzte der "offizielle" Klerus jede Gelegenheit, aus seiner Sicht ketzerische Praktiken des "populären" Islam wie Heiligenverehrung oder Wunderheilung zu geißeln, gleichwohl war die Grenze zwischen Moschee- und Schrein-Islam stets fließend. In Aserbeidschan etwa funktionierten Moscheen nicht selten als Schreine, während der offiziell sanktionierte Klerus Pilgerfahrten zu bestimmten Schreinen regelmäßig zum eigenen Vorteil nutzte.

Es sei zudem daran erinnert, dass der Islam zu Sowjetzeiten auch mit einem systematisch geförderten Nationalbewusstseins korrespondierte: Traditionell und zivilisatorisch waren die Zentralasiaten Muslime - als Turkmenen, Usbeken, Tadschiken, Kasachen, Aserbeidschaner oder Kirgisen gehörten sie zur "modernen Welt". Das immunisierte den Sowjet-Islam in erheblichem Maße gegen jegliche Form des Panislamismus. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar: "Dieser Islam", resümiert der amerikanische Islam-Spezialist Adeeb Khalid, "wird als ein Weg begriffen, auf dem sich das nationale kulturelle Erbe zurückgewinnen lässt. Er repräsentiert eine idealisierte Version einer authentischen zentralasiatischen Vergangenheit, keine idealisierte Zukunft, basierend auf der Herrschaft Gottes und der Islamisierung aller Lebensbereiche."

Zweifellos ist der Islam in den genannten Staaten heute sozial präsenter als zu Sowjetzeiten. Der öffentliche Diskurs jedoch bezieht sich keineswegs auf den Islam schlechthin, eher muss der durch Verweis auf andere Diskurse - der nationalen Identität zum Beispiel - gerechtfertigt werden, was ihn zu einem hochgradig säkularisierten Phänomen macht.

Ein vitaler islamischer Rekonstruktivismus und eine starke national-ethnische Dimensionierung der islamischen Religion in Zentralasien widerlegen so die im Westen häufig verfochtene These von einer zwangsläufigen Politisierung des Islam in sich transformierenden patriarchalen Gesellschaften moslemischer Prägung.

Dass heute viele einen politisierten Islam fürchten, nachdem sie ihn zu Sowjetzeiten als subversive Kraft bejubelt haben, ist nur logisch: Damals wie heute wird der Islam als vormoderne, restaurative religiöse Kraft begriffen, die sich hartnäckig jeglicher Veränderung des sozialen Kontextes verweigert. Ein Verständnis von Religion mit fatalen Konsequenzen. Es bestreitet die Vorstellung, dass viele - auch religiöse - Wege in die Moderne denkbar sind und kein Anlass besteht, in jedem Moslem einen potenziellen Feind zu erblicken. Eine Haltung, die im Übrigen vor dem Hintergrund einer schleichenden konservativen Klerikalisierung im Westen selbst mehr als absurd erscheint.


00:00 14.05.2004
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare