Kein heimtückischer Plan

Eine Replik auf Mohssen Massarrat Der Krieg gegen die Hisbollah war nur das Vorspiel für den längst geplanten Krieg gegen den Iran

Was wäre geschehen, hätte die Hisbollah in höchster Bedrängnis Mittelstrecken-Raketen auf Tel Aviv abgefeuert? Diese Frage stellte vor vier Wochen Mohssen Massarrat in dieser Zeitung (siehe Freitag 33 vom 18. August). Vielleicht, so Massarrats Erwägung, wollte die israelische Führung mit ihren massiven Luftangriffen einen Gegenschlag auf das eigene Kernland provozieren, um dann gegen den Iran vorgehen zu können. Ein solcher "heimtückischer Plan" wäre militärisch unsinnig, argumentiert nun Jürgen Rose. Auf Roses Einwände reagiert seinerseits Mohsen Massarrat.

Zutreffend begründet Mohssen Massarrat mit seinem Beitrag "Ein heimtückischer Plan" (siehe Freitag 33 vom 18. August) die enge Verknüpfung des israelischen Krieges gegen den Libanon mit dem geplanten Krieg gegen den Iran. In der Tat bestand, wie er schreibt, das Kriegsziel Israels darin, dem Iran sein sicherheitspolitisches Faustpfand zu nehmen und damit zugleich den Boden für den seit langem vorbereiteten Krieg gegen Teheran zu bereiten. Voll zuzustimmen ist auch seiner Einschätzung, dass Iran nun erst recht mit aller Macht die Option einer eigenen Atombombenproduktion weiterverfolgen wird.

Indes spricht eine Reihe gewichtiger Gründe gegen die These von der Existenz eines "heimtückischen Plans", der angeblich darauf abzielte, die Hisbollah zu einem Raketenangriff auf das israelische Kernland zu provozieren - und damit den erforderlichen Vorwand für einen Krieg gegen den Iran zu schaffen. Israel führte ganz im Gegenteil den Krieg gegen den Libanon und die Hisbollah, um genau jene Attacke aus dem Norden zu verhindern und jede solche Bedrohung auch für die Zukunft zu eliminieren. In diesem Sinne enthüllt auch Seymour Hersh im Magazin New Yorker vom 21. August, dass es "Beweise dafür gibt, dass die israelische Regierung sich Sorgen über den Fortgang des Krieges macht. ... Die Sorge in Israel ist, dass Nasrallah die Krise eskalieren könnte, indem er Tel Aviv mit Raketen beschießt."

Analoge Schlussfolgerungen zieht Anthony H. Cordesman vom "Center for Strategic and International Studies" in Washington. In seiner Auswertung des Libanonkrieges nennt er die vorbeugende Zerstörung des "Westlichen Iranischen Kommandos" einer "potenziellen Atommacht Iran" sowie die "Wiederherstellung einer glaubwürdigen Abschreckung" als Hauptkriegsgründe Israels. In Gesprächen mit israelischen Militärs hätten diese angegeben, "der tatsächliche Kriegsgrund für Israel [hätte] darin bestanden, dass fortlaufend iranisch-syrische Raketensysteme von einer Reichweite stationiert wurden, die Ziele in ganz Israel abdeckten."

Verschärfend trat für die israelische Regierung hinzu, dass seit März 1993 unterschiedliche, voneinander unabhängige Quellen öffentlich darüber berichtet hatten, dass es Iran gelungen sei, sich im Dezember 1991 Atomwaffen aus der ehemaligen Sowjetunion zu beschaffen. Diese Berichte waren auch in Israel bekannt. In einem Gespräch des Autors mit Ulrich Tilgner, dem ZDF-Korrespondenten für den Nahen und Mittleren Osten, sagte dieser im Juli 2006, seine iranischen Gesprächspartner in Teheran hätten ihn, hierzu befragt, wissen lassen, "we have it, but we can´t use it". Somit konnte man in Jerusalem nicht hundertprozentig ausschließen, dass sich die Hisbollah entweder bereits im Besitz iranischer Atomwaffen beziehungsweise des Spaltmaterials hierfür befand oder aber im Begriff stand, in dessen Besitz zu gelangen. Denn Teheran versuchte angesichts der Kriegsdrohungen von Seiten der USA und Israel, eine rudimentäre nukleare Abschreckungsoption im Süden des Libanon aufzubauen.

Unter einer solchen Voraussetzung, nämlich einer möglicherweise in der Entstehung begriffenen nuklearen Bedrohung des israelischen Kernlandes, wäre indes die von Mohssen Massarrat vermutete Provokation geradezu selbstmörderisch gewesen. Auch hätte dann die israelische Armee kaum ihre hochmodernen Raketenabwehrsysteme vom Typ Arrow-2 und Patriot zum Schutz Tel Avivs in Stellung gebracht und in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Dies tut man nicht, wenn man eine Raketenattacke auf Tel Aviv provozieren möchte, sondern um eine solche abzuschrecken und abzuwehren.

Flankierend hatte die israelische Regierung eine unmissverständliche Drohung gemeinsam an die Hisbollah und den Iran gerichtet, nachdem Hisbollahchef Nasrallah angedeutet hatte, seine Truppe befände sich im Besitz von Raketensystemen, mit denen sie Tel Aviv beschießen könne. Denn mit einem Raketenangriff auf Tel Aviv, so die israelische Regierung, hätte der Konflikt eine neue strategische Qualität gewonnen - woraufhin entsprechende Gegenreaktionen seitens Israels erfolgen würden. Im Jargon der Militärs nennt man dies "Intra-War-Deterrence", also Abschreckung innerhalb eines Krieges. Sie bezweckt, den Gegner von bestimmten Handlungen abzuhalten, nicht aber, ihn zu weiterer Eskalation zu provozieren.

Zudem musste aus militärstrategischer Perspektive der USA und Israels das primäre Kriegsziel darin bestehen, vor dem geplanten Angriff auf den Iran prophylaktisch die Bedrohung an Israels Nordflanke zu beseitigen. Denn einen simultan gegen Iran und Libanon zu führenden Zweifrontenkrieg galt es gerade zu vermeiden, nicht aber, einen solchen herbeizuführen. Dazu Seymour Hersh: "Wenn man den Iran angreift, bombardiert die Hisbollah Tel Aviv und Haifa. Also, das ist etwas, das man vorher ausräumen muss."

Alles in allem widerlegen also sowohl der Konfliktverlauf als auch die einschlägigen Analysen die von Mohssen Massarrat aufgestellte These von der Existenz eines "heimtückischen Plans". Ganz im Gegenteil: Es handelte sich um kühl kalkulierte Militärstrategie. Und da die israelische Armee mit dem Krieg gegen den Libanon und die Hisbollah ihr strategisches Primärziel - die Zerschlagung des dort stationierten Arsenals von Raketen längerer Reichweite - wohl erreicht haben dürfte, besteht ungeachtet der nun etablierten Waffenruhe, die sich ohnehin bereits als prekär erwiesen hat, die Gefahr eines flächendeckenden Krieges im Mittleren Osten unverändert fort.

Denn man kann getrost davon ausgehen, dass die israelische Luftwaffe weiterhin alles daran setzen wird, Hisbollahs Raketen längerer Reichweite, beispielsweise die Zelzal-1, die 210 Kilometer weit fliegt, aufzuspüren und zu vernichten - und zwar ungeachtet jeder UN-Friedenstruppe. Die politische Legitimation bietet die vom UN-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 1701, die lediglich die Hisbollah zur Einstellung aller Kampfhandlungen auffordert, indessen Israel die Durchführung defensiver Militäroperationen zugesteht. Seit dem offiziellen Beginn des vereinbarten Waffenstillstandes haben die israelischen Streitkräfte denn auch prompt mehrere solcher vorgeblicher "Verteidigungsangriffe" durchgeführt. Darüber hinaus wird die Hisbollah versuchen, jene israelischen Absichten zu durchkreuzen, indem sie ihre wertvollen Raketensysteme jenseits der jetzt eingerichteten Pufferzone versteckt, denn auch von dort aus ließe sich das israelische Kernland noch beschießen. Außerdem dürfte die iranische Führung weiterhin versuchen, sich die rudimentäre nukleare Abschreckungsoption zu erhalten, die ihr die Hisbollah mit jenen Raketensystemen, die Israel bedrohen können, verschafft. Nicht zuletzt ist damit zu rechnen, dass die USA und Israel den Vorwand, der nötig ist, um den Iran zu bombardieren, schon noch fabrizieren.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.


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00:00 15.09.2006

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