Kein Nest für Auerhähne

Moskauer Wohnidyll Nataljas Zimmer - oder Kommunalka mit Küchenbenutzung

Natalja Fatianowa steht als erste auf wie immer am Morgen. Der Wecker klingelt nur leise, so dass die sechsjährige Tochter Anastasija und Ehemann Sascha noch schlafen können. Es ist 6 Uhr 30. Natalja wäscht sich und bereitet das Frühstück vor. In der Gemeinschaftsküche, die sich die Fatianows mit zwei anderen Familien teilen müssen, brutzeln Bulotschki in der Pfanne, Weißbrotscheiben in Ei gewendet. Für Anastasija, die um halb neun in der Schule sein muss, gibt es süßen Quark.
Die 32jährige Natalja hat einen anstrengenden Tag vor sich, der ihr nicht gerade auf dem silbernen Tablett serviert wird. Sie ist Lehrerin an einer Moskauer Sonderschule für lernbehinderte Kinder, und sie verfügt scheinbar über unerschöpfliche Energie. Im September erwartet sie ihr zweites Kind. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. In der Kommunalka, der Gemeinschaftswohnung im Süden der russischen Metropole, ist ein Zimmer unbewohnt. Die Fatianows, die bisher zu dritt in einem Zimmer gelebt haben, hoffen sehr auf diesen Raum. Ihn auf Dauer zu beschaffen, das braucht Ausdauer, Behördengänge, Warterei, Papierkriege und irgendwann dann leider auch Bestechungsgelder.
Bis vor kurzem lebte die Familie sogar zu viert in ihrem Kommunalka-Zimmer, auch Katja war noch dabei, Sascha Kusnezows 15jährige Tochter aus erster Ehe. Die Mutter des Kindes, Oksana, wohnte zwar Wand an Wand mit den Fatianows, fühlte sich aber für die Erziehung des Kindes nicht mehr zuständig, und so sprang Natalja ein.
"Wissen Sie, Oksana führte ein betont lockeres Leben, wirklich ein kleines Miststück", erzählt Natalja hingebungsvoll. "Als ich Sascha kennen lernte und mich dazu durchringen musste, hier in die Kommunalka zu ziehen, war ich zunächst unsicher, ob es klappt. Es war zwar klar, dass zwischen Sascha und Oksana absolut nichts mehr lief. Aber an eine solche Situation, dass die Verflossene des eigenen Mannes noch in der gleichen Wohnung haust, muss man sich erst einmal gewöhnen ..."
Das Verhältnis zu den anderen Familien im kollektiven Wohnidyll sei entspannt, meint Natalja. Man habe sogar schon das Neue Jahr zusammen gefeiert. "Zum Glück sind es jüngere Familien. Mit älteren Leuten gäbe es bestimmt mehr Streit."

Vorratswirtschaft: Zucker und Reis in der Schrankwand
Über der Tür des Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmers der Kusnezows hängen zwei Heiligenbilder. "Wir bekamen sie bei unserer Hochzeit in der Kirche", erinnert sich Sascha, "die Bilder sollen unsere Familie schützen. Wir sind nicht sehr gläubig, aber an gewissen Traditionen halten wir fest" In die Kirche geht die junge Familie nur selten, Ostern und zum Neuen Jahr aber auf jeden Fall. Natalja meint, ihre Großmutter, geboren im Jahr 1914, sei wirklich gläubig gewesen. "Sie konnte nicht schlafen gehen, ohne dass sie vorher gebetet hat. Ich tue das nur, wenn es mir ganz schlecht geht. Neulich, nach einem Streit mit Sascha, da bin ich in die Kirche gerannt. Meine Mutter ist ja leider weit weg."
Für die Wohnung, die dem Staat gehört, zahlen die Fatianows 500 Rubel (19 Euro) Betriebs- und Telefonkosten. Das Gros des Familieneinkommens wird für Lebensmittel gebraucht. Man spart, wo es nur geht. In der Schrankwand im Wohnzimmer stehen große Säcke mit Zucker und Reis. Beim Einkaufen müsse man heutzutage höllisch aufpassen. "Die meisten Verkäuferinnen", ist sich Natalja sicher, "wiegen falsch ab, runden beim Zusammenrechnen ständig auf oder geben zu wenig Geld heraus." Verkäuferin, das sei doch kein angesehener Beruf mehr. "So eine Frau verdient vielleicht 3.000 Rubel (113 Euro - die Red.) im Monat. Und durch Betrügereien steckt sie sich noch 3.000 ein."

Statusfragen: Honorar für den Vorschul-Unterricht
So wie die Fatianows lebt mehr als die Hälfte der Moskauer Familien. In den vergangenen Jahren konnten sie sich zwar einiges leisten, einen neuen Kühlschrank, eine Waschmaschine. Für einen Urlaub im Ausland oder gar eine eigene Wohnung reicht es noch lange nicht. Selbst einen Staubsauger können sich die Fatianows noch nicht leisten. Der Teppich bleibt dem Handfeger überlassen.
Natalja verdient als Lehrerin 2.400 Rubel (90 Euro) im Monat. Auf die von Wladimir Putin bereits für September 2001 angekündigte Gehaltsverdoppelung für Lehrer wartet sie bislang vergeblich. Um über die Runden zu kommen, hat sie jetzt, dank eigener Entschlusskraft, eine Vorschulgruppe organisiert. Für die 90 Minuten Unterricht täglich erhält sie von den Eltern eine Art Honorar von 3.000 Rubel im Monat. Wer kann, investiert in die Bildung seiner Kinder. Der Bildungsweg sagt in Russland viel über den sozialen Status einer Familie.
Ehemann Sascha bringt als Chauffeur eines Jungunternehmers noch einmal 3.000 Rubel nach Hause. Natalja findet das empörend wenig, es gäbe Fahrer, die locker auf 6.000 kämen. Warum sich Sascha nicht kümmere, sei ihr schleierhaft.
Natalja ist unbestritten das Oberhaupt der Familie - Herz, Verstand und Motor zugleich. Schon als Kind habe sie Geld verdienen müssen, weil der Vater den Lohn versoff. In ihrer Heimatstadt Twer - nördlich von Moskau - hütete sie Schafe. Und als später die Schule im Sommer für zwei Monate ihre Pforten geschlossen hielt, arbeitete sie als Verkäuferin - an diesem Zweitjob im Juli und August hat sich bis heute nichts geändert. Natalja über Natalja: "Ich habe soviel Energie, die ich einfach los werden muss."
Tochter Anastasija bekommt in der Schule Mittagessen, um danach unter Aufsicht ihrer Lehrer die Hausaufgaben zu erledigen. Doch geht es damit in Wirklichkeit erst in der Kommunalka richtig los, wenn Anastasija um drei Uhr nach Hause kommt und ihre Mutter die Kontrolle übernimmt. Der kleine Arbeitstisch der Tochter steht in der Stube, direkt neben dem riesigen Kühlschrank. Zweimal in der Woche geht Anastasija zum Zeichenkurs. "Ich will keine Künstlerin aus ihr machen, sondern nur ihre Phantasie anregen", sagt die Mutter.
Um sieben Uhr gibt es Abendbrot. Die Mahlzeiten sind einfach. Für aufwendige Gerichte fehlt Natalja die Zeit. Meistens kommen Nudeln oder Kartoffeln oder Würstchen mit Salat auf den Tisch. Delikatessen wie ihren selbstgemachten Heringssalat oder Pelmeni gibt es nur am Wochenende.
Nach dem Abendbrot geht jeder seiner Beschäftigung nach. Natalja kniffelt an neuen Lehrmethoden, ihre Schule beschäftigt sie unablässig. Die meisten Schüler wachsen ohne Vater auf. Die Mütter arbeiten den ganzen Tag, und die Kinder bleiben sich selbst überlassen. Viele Eltern sind Alkoholiker. Nataljas Schüler lesen mit einem von ihr entwickelten Papier-Gitter, mit dem stets ein Teil der Wörter verdeckt wird, um so das Erinnerungsvermögen zu trainieren. "Man braucht Feingefühl und entwickelt in einer Klasse soviel davon, als ob man in einer seismisch gefährdeten Zone unterwegs wäre - ich kann bei vielen Kindern das Erdbeben voraussagen, weil ich weiß, was sich bei ihnen außerhalb der Schule abspielt ..."

Karaoke-Auftritt: Wir bleiben ewig jung
Stolz erzählt Sascha, seine Frau sei für den Moskauer Wettbewerb "Lehrerin des Jahres" vorgeschlagen, ihre Zöglinge könnten die besten Resultate der Schule vorweisen. Nataljas Chancen sind nicht schlecht, schon 1993 wurde sie in Twer mit diesem Titel ausgezeichnet.
Manchmal sehen sich die Fatianows abends zusammen Videos an. Der Hit sind die Aufnahmen von der letzten Lehrerfeier. Auch dort steht Natalja im Mittelpunkt. Unter dem Beifall ihrer Kolleginnen singt sie Karaoke und tanzt. Der Höhepunkt der Feier ist ein Auftritt der Lehrerinnen, verkleidet als Pioniere, in weißen Hemden, roten Halstüchern und blauen Röcken. Sie lachen, schreien und rufen: "Wir bleiben ewig jung". Natalja: "Wir haben einfach ein bisschen verrückt gespielt. Man denkt eben viel an die alten Zeiten, als in den Schulen noch mehr los war." Die Lehrer hätten sich mehr für die Kinder überlegt. Heute spule jeder sein Programm ab und dann gehe es ganz schnell zum Zweitjob. Früher habe es gerade an den Sonderschulen oft ausländische Gäste gegeben. Das könnten sich heute bloß noch die Elite-Anstalten leisten.
Um halb elf schaltet Natalja im Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmers der Fatianows das Licht aus. Vor dem Einschlafen träumt sie von ihrem neuen Zimmer, während sich Sascha noch das Spätprogramm von NTW ansieht. Damit Frau und Tochter nicht gestört werden, hat er einen Kopfhörer. Bis der Wecker klingelt, sind es noch sieben Stunden.

00:00 19.07.2002

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