Kein sicherer Hafen

Unrecht Mit einer „außerordentlichen Vermögenssteuer“ nutzte die Türkei 1942 das Schicksal von Jüd*innen aus. Wer nicht zahlen konnte verlor oft alles. Die Netflix-Serie „Der Club" startet einen Diskurs über die verdrängte Geschichte
Der Bosporus in Istanbul, 1937
Der Bosporus in Istanbul, 1937

Foto: Fox Photos/Getty Images

Seit einigen Jahren hat das türkisch-jüdische Magazin Avlaremoz nun schon versucht, die Geschichte der „außerordentlichen Vermögenssteuer“ in der Türkei ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Diese Steuer wurde Ende 1942 vom türkischen Parlament beschlossen und bis 1944 erhoben. Die jedes Maß überschreitenden Steuersätze zielten auf das Vermögen der Jüd*innen, Armenier*innen und Griech*innen, also der nicht-muslimischen Minderheiten in der Türkei. Zwei weitere Bevölkerungsgruppen wurden auf eine ähnliche Weise besteuert, Menschen ohne türkische Staatsbürgerschaft und Konvertit*innen – also jene Muslima und Muslime, deren Vorfahren im 17. Jahrhundert mit dem Religionsgelehrten Schabbtai Zvi zum Islam übergetreten waren. Über fiskalische Mittel sollten sie enteignet oder vertrieben werden. Eigens für diese Minoritäten wurden sogenannte Arbeitslager errichtet; wer die Steuerschuld nicht begleichen konnte, wurde dorthin deportiert. In der türkischen Öffentlichkeit regte sich damals kein Widerstand, weder in der Zivilgesellschaft noch in der Presse.

Ins Bewusstsein drängt sich dieses tabuisierte Ereignis aktuell durch die Netflix-Serie Der Club. Sie erzählt die Geschichte der türkisch-sephardischen Jüdin Matilda Aseo (Gökçe Bahadır) im Istanbul der späten 1950er. Die Zuschauer*innen erfahren, dass die Steuerschulden ihre Familie zerstört haben: Im Arbeitslager Aşkale (Aşkale Çalışma Kampı) schufteten sich ihr Vater und Bruder zu Tode. Das Lager in der Nähe von Erzurum existierte tatsächlich. Nun würden die Leute selbst Nachforschungen anstellen, sagt Betsy Penso, Autorin von Avlaremoz.

Dieses finstere Kapitel der türkischen Geschichte ist auch in Deutschland weitgehend unbekannt – und das, obwohl es außenpolitisch mit Nazi-Deutschland verwickelt ist. Am 1. November 1942 wirbt der zweite Präsident der Türkischen Republik, İsmet İnönü, für den Beschluss zur Vermögenssteuer mit folgenden Worten: „Wir sind Türken und türkische Nationalisten, wir werden immer von diesem Standpunkt ausgehend handeln. Für uns gilt ab jetzt, die Frage der Blutzugehörigkeit und der geistig-kulturellen Identität festzustellen und dementsprechend zu handeln.“ Er setzt jene rassistische Politik aus den Anfängen der Republik (1923) fort, welche die türkische Staatsbürgerschaft anhand von Sprache, Religion und dem Phantasma des „Türkentums“ homogenisiert. Ministerpräsident Şükrü Saracoğlu formuliert die Absichten noch deutlicher. Für ihn komme die Steuer einer Revolution gleich, denn sie eliminiere die nicht-türkischen Elemente des Marktes und überlasse ihn den türkischen Händlern, somit gingen auch die Immobilien Istanbuls an die Türken über. In einer Zeit, als die Nationalsozialisten weite Teile Europas besetzt haben, nutzt die Vermögenssteuer von İnönüs Regierung (und damit die kemalistisch-republikanische Volkspartei CHP) insbesondere das Schicksal der Jüd*innen ökonomisch aus.

In ihrem 2008 erschienenen Buch Die Türkei, die Juden und der Holocaust (es wurde auch ins Türkische übersetzt) hat die Hamburger Turkologin und Historikerin Corry Guttstadt die Verbindung zwischen der Türkei und Nazi-Deutschland erforscht. Die Türkei brach ihre diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich spät ab, erst im August 1944. Und wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte sie Deutschland den Krieg, ohne jedoch aktiv in ihn einzutreten. Ein beliebtes Narrativ der heutigen Türkei ist, dass das Land damals ein sicherer Hafen für geflüchtete Jüd*innen gewesen sei. Zum Beleg wird angeführt, dass die Türkei ab 1933 zahlreiche Personen aus Wissenschaft, Architektur und Kunst sowie viele andere aufnahm, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Deutschland und Österreich hatten fliehen müssen. Einige dieser etwa 160 Personen spielten eine herausragende Rolle beim Aufbau der Türkischen Republik. Sie und ihre Familien bilden jedoch eine verschwindend kleine Zahl angesichts der vielen Jüd*innen, die aus Deutschland emigrieren wollten. Andere Auswander*innen, die sich nicht utilitaristisch in die Zwecke der Republik einbinden ließen, fanden kaum Einlass. Allein 1938 versuchten 14.520 aus Berlin zu emigrieren. Von ihnen schafften es drei in die Türkei.

Die Türkei reglementierte in derselben Zeit auch die Einreise jener Jüd*innen, für die das Land lediglich ein Transitland auf dem Weg nach Palästina war. Von 1938 bis 1940 untersagten die Behörden derartige Durchreisen grundsätzlich. Später wurden die Beschränkungen etwas gelockert. In den Jahren der Vermögenssteuer, also während der Hochphase des Holocaust in Osteuropa, wurde die Zahl der Durchreisenden 1943 auf 1.352 Personen gedrosselt.

Der NS-Politik ausgeliefert

Wenige Monate vor Einführung der Vermögenssteuer betrieben die Regierung und die Presse eine antisemitische Hetze, sie machten die Jüd*innen für die Wirtschaftskrise des Landes verantwortlich. Das Ausmaß dieser Angriffe erstaunte selbst Walter Schellenberg, den Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der SS. Aufgrund der Repressalien durch die Vermögenssteuer flohen 1943 2.138 türkische Jüd*innen aus der Türkei nach Palästina. Aber bereits in den 30ern hatten viele Jüd*innen versucht, der Türkei zu entkommen – sei es wegen des Pogroms in Thrakien oder wegen anderer Folgen der rassistischen Türkisierungspolitik. Dadurch lebten mehrere tausend Jüd*innen mit türkischen Pässen im von Nazideutschland besetzten Europa. Nur wenige Wochen bevor die Vermögenssteuer in Kraft trat, stellte Deutschland im Oktober 1942 der türkischen Regierung ein Ultimatum: Entweder sie holte ihre jüdischen Bürger*innen in die Türkei zurück oder willigte in deren „Einbeziehung in die allgemeinen Judenmaßnahmen“ ein. Obwohl die Türkei um die Lebensgefahr für die Jüd*innen wusste, die dergestalt verklausuliert an sie herangetragen wurde, ließ sie die Androhung verstreichen und lieferte die Betroffenen damit der NS-Politik aus. Hinzu kam, dass die Türkei bereits in den Dreißigern ausgewanderten Jüd*innen ihren konsularischen Schutz entzogen hatte. Sie begründete dies mit Verdächtigungen und Anschuldigungen. Selbst als Tourist*in oder Geflüchtete*r durften sie fortan nicht zurückkehren. Darüber hinaus wurde ihnen jegliche Fluchtmöglichkeit verwehrt, da sie als Staatenlose kein Aufnahmeland fanden. Und der türkische Staat teilte den Nazis bereitwillig mit, wer seinen Schutz verloren hatte. Zwischen 2.200 und 2.500 türkeistämmiger Jüd*innen wurden in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportiert, wie die Historikerin ermittelt hat. Weitere 300 bis 400 kamen in KZs um, erlagen den Haftbedingungen in Drancy und Westerbork, wurden erschossen, von der Gestapo zu Tode gefoltert oder wählten den Freitod.

In der türkischen Geschichtsschreibung dominieren einzelne heldenhafte Figuren, wie Selahattin Ülkümen, der türkische Generalkonsul auf der Insel Rhodos. Unter deutscher Besatzung begannen dort die Behörden Ende Juli 1944 1.700 Jüd*innen zu deportieren. Ülkümen rettete 13 türkische Staatsbürger*innen und etwa 40 nichttürkische Personen. Hierfür ehrte ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1989. Gegenüber der (Selbst-)Darstellung der anderen „Türk Schindler’i“ („türkische Schindler“) äußern Historiker*innen eine deutliche Skepsis.

Kurz nach der Einführung der Vermögenssteuer setzt die Entrichtungsfrist ein. Die Betriebe und das private Vermögen der Säumigen werden gepfändet. An die 2.000 Menschen werden in das Arbeitslager in Ostanatolien deportiert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Selbst die Kosten des Transports werden ihnen berechnet. 21 Menschen überleben Aşkale nicht.

Indirekt problematisiert Der Club die Vermögenssteuer als eine finanzielle Säule der Türkisierungspolitik. Die Serie kann die verdrängte Geschichte der Türkei nicht aufarbeiten, aber einen Diskurs darüber anregen. Die Politikwissenschaftlerin Özgür Kaymak, ebenfalls Autorin von Avlaremoz, stellt von der Serie ausgehend die Frage, was getan werden muss, um der historischen Verantwortung gerecht zu werden. İvo Molinas, Chefredakteur der jüdischen Wochenzeitung Şalom, gibt zu Bedenken, dass die religiösen Minderheiten weder für ihr Leid entschädigt worden sind noch Rückzahlungen erhalten haben. Er stellt keine Forderungen. Und doch ist es für die Türkei höchste Zeit, einen Fahrplan für finanzielle Reparationen vorzulegen.

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