Keine neuen Hüftgelenke mehr

Schluss mit 70 Sterbehilfe als ein Gebot unserer Wirtschaftsordnung

Am Donnerstagabend begann gleich gegenüber des Hamburger Hauptbahnhofes das Symposium über gemeinwirtschaftliche Fragestellungen zur Sterbehilfe. Diese Konferenz wurde von Politik und Medien besser vorbereitet, als viele ahnen konnten. Schon Ende September hatte der Schweizer Todesverein Dignitas in der Edenstraße 11 in Hannover eine Filiale aufgemacht, weil "die Politik in Deutschland" es "bisher nicht geschafft hat", dem "Bedürfnis der Bevölkerung" in "irgendeiner vernünftigen Weise" entgegenzukommen.

Kaum gab es die Todes-Filiale in Hannover, da setzte sich der Hamburger Justizsenator Roger Kusch nachdrücklich für die Dignitas-Ziele ein. Kusch, ein enger Freund von Bürgermeister Ole von Beust, plädierte als erster führender Unionspolitiker dafür, dass Tötung auf Verlangen bei unheilbar Kranken in Deutschland künftig wieder straffrei sein soll. Dazu muss der Paragraph 216 des Strafgesetzbuches geändert werden, der allerdings auch während der Euthanasie-Aktionen der NS-Zeit formal noch nicht aufgehoben war. Verantwortungsvolle und mitfühlende Sterbehilfe sei - so der CDU-Politiker - kein Verstoß gegen humane Grundwerte, sondern ein "Gebot christlicher Nächstenliebe".

Dignitas-Chef Ludwig Minelli selbst konnte - er war früher Spiegel-Korrespondent - in zahlreichen Interviews und Talkshows öffentlich für die Ziele seiner Organisation werben: "Suizid ist eine großartige Möglichkeit, die es dem Menschen ermöglicht, sich einer ausweglosen Situation zu entziehen", posaunte er zur Eröffnung seiner Hannoveraner Niederlassung in der Welt. Und der geistesverwandten Jungen Freiheit erklärte er: "Ich sage klar, dass Suizid ermöglicht werden muss, aber mit zwei Bedingungen: Man geht nicht auf große Reise, ohne das Reisebüro konsultiert zu haben. Und man geht nicht auf große Reise, ohne sich von seinen Angehörigen und Freunden verabschiedet zu haben."

Am 28. November bekam er die Möglichkeit, vor der FDP-Fraktion im niedersächsischen Landtag über die "Essentialien zur Praxis des assistierten Suizids nach Schweizer Art" zu sprechen und über die Deutschen, die in die Schweiz zu Dignitas gereist sind, um einen "risikolosen Suizid" - ja, risikolos! - "durchführen zu können".

Knapp drei Wochen später durfte Minelli, ohne dafür bezahlen zu müssen, auf dem von der nicht uninteressierten Grünenthal GmbH ("Contergan") gesponserten "Anti-Aging-Kongress" der Heidelberger Frauenklinik auftreten. "Anti-Aging" ist die Bekämpfung des Alterns, jetzt notfalls dadurch, dass man einfach nicht mehr alt wird. So sprach Minelli auf diesem "medizinischen" Kongress zum Thema: "In Würde sterben - dürfen wir den Zeitpunkt selbst bestimmen?". Man darf, meint er. Den "Funktionären" der Bundesärztekammer warf Minelli vor, "absolut, ja geradezu sektenmäßig-agitatorisch" gegen seine "Sterbehilfe" eingestellt zu sein. Er forderte die "Anti-Aging"-Ärzte auf, ihren selbstmordwilligen Patienten den "Liebesdienst" zu erweisen und sich gemeinsam zu "outen". Jeder, der "in dieser Richtung" wirken wolle, könne sich bei seiner deutschen Filiale in Hannover melden.

Ein ehrlicher Weidmann

Schon Anfang Dezember hatte sich das ZDF in die Sterbehilfe-Kampagne eingeschaltet. Die Mainzer Anstalt produzierte für das 3sat-Magazin Nano den Film "Dignitas heißt Würde", den als Schleichwerbung zu bezeichnen unangemessen wäre. Da schleicht nichts, alles ist ganz unverhohlen. Thema: Die "erste Deutsche, die sich bei Dignitas, dem Schweizer Sterbehilfeverein das Leben nahm". Für die Rentnerin Marly, die "selbstbestimmt und würdevoll sterben" wolle, ist es - so formuliert der ZDF-Film - "gut zu wissen" gewesen, "dass sie den Weg zu Dignitas gehen kann."

Der vom ZDF produzierte Film wurde viermal auf 3sat, fünfmal von ARD-Anstalten und einmal vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. Zehnmal öffentlich-rechtliche Reklame für Minelli und sein Engagement für den Tod. Die ZDF-Pressestelle betonte auf Anfrage: "Selbstverständlich" sei der Beitrag "allein von uns redaktionell verantwortet und finanziert".

Zwei Tage nach der Erstausstrahlung gelang dem Schweizer Selbstmordgehilfen eine enge Kooperation mit der Hamburger Zeit, die in Unkenntnis ihrer Situation zunächst einen kritischen Kommentar veröffentlichte. Minelli aber hatte schon 2004 in seinem Schweizer Sterbehaus dem krebskranken Bruder eines Zeit-Redakteurs zum schnellen Tod verholfen. Und der Redakteur, der seinen Bruder im verhängten Lieferwagen in die Schweiz transportiert hatte, veröffentlichte nun eine vierseitige Zeit-Reportage über den letzten Tag seines Bruders, auch aus dem Sterbezimmer der Dignitas: "Ludwig Minelli tritt ein. Er vergewissert sich noch einmal, ob der Patient im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist... Urban nimmt das Gefäß mit zitternder Hand, führt es zum Mund, leert es... Er sagt nichts mehr, nur noch ein kurzer ›Psssst!‹ entweicht seinen Lippen..." Der Mann von der Zeit begrüßt die Maßnahme, die das Leben seines Bruders beendet: "Er hat die Ketten seines Leidens gesprengt." Er ist tot, will der Bruder und Zeit-Redakteur damit sagen. Seine einfühlsame Reportage ist reich illustriert: "Der Herrgottswinkel im Haus der Mutter", "Die Holzbank vor dem Elternhaus", "Das Sterbezimmer in Zürich". Alles unter dem Leitspruch des da noch lebenden Bruders: "Das ist doch pervers, jedes todkranke Tier wird eingeschläfert, bei Menschen ist es ein Verbrechen."

"Meine Herren", sagt einer der Geschworenen in Wolfgang Liebeneiners Euthanasie-Film Ich klage an, "wenn wir Förster ein Tier angeschossen haben, und es quält sich noch rum, dann geben wir ihm eine Gnadenkugel, und wer das nicht tut, der ist ein roher Kerl und kein ehrlicher Weidmann." - "Aber das sind doch Tiere", versucht ein anderer Geschworener einzuwenden. Er bekommt seine Antwort: "Nee, nee, lassen Sie man! Der Mensch ist manchmal auch so ein angeschossenes Tier." Liebeneiners Film wurde 1941 auf Anregung von Hitlers Euthanasiebevollmächtigtem Karl Brandt gedreht und bekam das Prädikat "künstlerisch besonders wertvoll, volksbildend".

Der Sicherheitsdienst der SS über die Aufnahme des Films Ich klage an in der Bevölkerung: "Die breite Masse des deutschen Volkes hat fast durchweg bejahend zu den angeschnittenen Problemen Stellung genommen..." - Das war damals, im Geheimen Lagebericht des SD vom 15. Januar 1942. Heute gratulieren Leser ihrer Zeit, dass "Sie den Mut hatten, drüber zu schreiben" und verlangen: "Bitte halten Sie das Thema warm."

Ein alter Teddybär

So viel Reklame der neueren deutschen Medien für den schnellen Tod aus dem Haus Minelli bedarf auch einer theoretischen Grundlage. Und die konnte die erwähnte Konferenz am Donnerstagabend gleich gegenüber des Hamburger Hauptbahnhofes bieten. Es ging um eine flexible und dynamische Ethik, um die Konsequenzen, die unsere Gesellschaft aus den sicherlich unanfechtbaren Erkenntnissen der Demographie ziehen soll. Den Überhang der Alten, der Rentner. Und um Hilfe. Sterbehilfe. Ein Motto der Konferenz: "Wir werden ja gleich alt geboren, warum sollen wir nicht auch gleich alt sterben?" Schluss mit 70 durch ein sozialverträglichen Ableben.

Diese Konferenz ist allerdings noch nicht ganz Wirklichkeit. Sie fand vielmehr als Uraufführung im Deutschen Schauspielhaus statt und ist unter dem Titel Der moderne Tod ein allzu aktuelles Stück Theater, das vor 27 Jahren von dem Schweden Carl-Henning Wijkmark als negative Utopie einer fernen Zukunft geschrieben wurde. Bei der fiktiven Konferenz diskutiert das Sozialministerium mit Experten, wie man den Altenberg durch geeignete Maßnahmen abtragen kann.

"Du bist Deutschland", das ist heute der Appell an die Jungen, mehr Leistung zu bringen. Künftig wird die Botschaft an die Alten, die schon zu lang gelebt haben, so lauten: "Du hast Dein Leben gehabt, Du hast das Deine getan, wir hoffen, Du bist zufrieden. Auf alle Fälle vielen Dank. Und solltest Du Deinerseits der Gesellschaft danken wollen für das, was sie für Dich getan hat, so weißt Du ja, was Du tun kannst. Nicht? O doch. Genau das. Es ist einfach wie das Einschlafen nach einem langen Arbeitstag. Ruf die Sozialverwaltung an ... Wir erwarten Dich, Du bist uns willkommen. Warte nicht zu lang". So heißt es in besagtem Stück, und so können wir durch Selbstbegrenzung und Einsicht in die Notwendigkeit endlich den Altenberg abtragen zugunsten jener flexiblen, dynamischen Gesellschaft, zu der es keine Alternative gibt.

Die deutsche Übersetzung von Wijkmarks Modernem Tod ist 2001 im Gemini Verlag erschienen - zu Beginn des großen Reformgeschehens in unserem Land. Und in dieser Fassung ermahnt noch der Vorsitzende die Konferenzteilnehmer zur absoluten Schweigepflicht: "Das hier ist eine geschlossene Konferenz. Medien haben keinen Zutritt." Fünf Jahre später, im Jahr 2006, in der Hamburger Bearbeitung, fehlt diese Passage. Zu Recht. Sie ist nicht mehr zeitgemäß. Die neue Selbstverständlichkeit, in der nicht nur Arbeitslose enteignet und Renten gesenkt werden, lässt uns auch offen darüber reden, dass es keine neuen Hüftgelenke mehr für Alte geben soll, Alte, die doch endlich den Löffel abgeben sollen.

Man kann heute auch über lebensbeendende Maßnahmen sprechen. Zunächst nur für Menschen, die an ihrem Leben leiden. Aber mehr und mehr für die Überflüssigen, die unsere neoliberale Wirtschaftsordnung ausgespieen hat. Doch noch scheint da und dort die Situation so ausweglos, wie sie zu Beginn des Stückes geschildert wird: "Wir brauchen schnell mehr Tote, um es ganz brutal zu sagen. Aber wie sollen wir das erreichen? Das Sterben wird als unnatürlich angesehen. Mehr denn je. Und die Wurzel des Übels ist nicht primär, dass die Sterbehilfe ungesetzlich ist, sondern dass sie von so wenigen verlangt wird."

Entscheidend ist, dass man die Betroffenen selbst dazu bringt, den Wunsch nach ihrer eigenen Abschaffung zu äußern. Im Stück geht das so: "Wenn unsere aktive Zeit vorbei ist und wir als Rentner eine angemessene Zeit der Ruhe und Zerstreuung genießen durften, sollte der Moment für uns gekommen sein, für das Gewesene zu danken und würdig zu sterben. Dadurch würdig zu sterben, kann man geradezu sagen. Das gilt für alle, vielleicht mit Ausnahme der leitenden Politiker und anderer weniger Schlüsselpersonen. Unsere große Aufgabe für das nächste Dezennium wird sein - davon bin ich überzeugt - eine neue Lebens- und Todesethik einzuführen, die - richtig verstanden - den Respekt für den Menschenwert nicht verringert, sondern im Gegenteil vergrößert."

Bei der Generalprobe am Dienstagmorgen vor einer Woche war schon eine Szene zu sehen mit einem sardonisch grinsenden Krankenpfleger vor einem geleerten Krankenbett. Mit der Fernbedienung lässt er die Matratzen auf und niedergehen. Herausfällt ein alter Teddybär des abgeschafften Patienten. Am selben Dienstag stellte die Zeit einen Artikel ins Internet, versehen mit dem Bild einer 92-Jährigen, die auf ihrem Bett im Altersheim sitzt und etwas auf dem Schoß hält. Bildunterschrift: "Im Arm hält sie ihren Teddy, der genauso alt ist wie sie". Im Text darf die rüstig wirkende Frau sagen: "Jetzt sind meine Knochen alt und tun mir weh, sie können mich kaum noch tragen, nein, sie gehören abgeschafft und ich mit ihnen."

Und sie soll nicht allein gehen. In der Wiedergabe der Zeit klagt sie: "Zwei Häuser voller alter Menschen sind wir hier, und die Alten werden immer älter. Unmöglich. Manche prophezeien mir, ich könnte hundert werden. Das ist doch eine Verhöhnung! Wenn ich nur wüsste, wie ich mich beenden kann."

Keine Angst, die Entwicklung schreitet fort. In Kürze werden den Kassenpatienten bestimmte teure Medikamente vorenthalten. Die große Chance für ein schnelleres Sterben. Die Medien rühren, mutmaßlich unentgeltlich, die Werbetrommel für die Sterbehilfe. Da hat sich etwas verändert, seit Der moderne Tod vor 27 Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Menschenwürde, das heißt heute nur noch Dignitas. Und die ist eine Organisation, deren Effektivität wir noch spüren werden.


Der moderne Tod (Regie : Crescentia Dünßer) im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses mit weiteren Aufführungen am 20.1., 30.1., 5.2. und 11.2. Ab 26.1. unter der Regie von Sewan Latchinian auch im Studio des Neuen Theaters Senftenberg.


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00:00 20.01.2006

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