Kennzeichen Edelweiß

Kameradengedenken in Schliersee Im Alpenvorland ehren Rechtsextreme ihre toten Vorbilder

Böllerschüsse, Kranzniederlegung, alle drei Strophen des Deutschlandlieds und markige Reden - all dies kennzeichnet das "Annaberg-Gedenken", das die Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland jedes Jahr im oberbayerischen Schliersee abhält. Die Feier findet am 21. Mai zum nunmehr 85. Mal statt. In der Süddeutschen Zeitung wurde das Treffen als "Gedenkstunde mit braunem Anstrich" bezeichnet.

Derlei Vorwürfe weist Kameradschaftsführer Jürgen Popp von sich. "Wir wollen mit der Politik nichts zu tun haben, und es gibt auch keine politischen Reden", sagte der Rosenheimer im vergangenen Jahr der örtlichen Presse. Ein anderes Bild zeichnen Oliver Schröm und Andrea Röpke in ihrem Buch Stille Hilfe für braune Kameraden. Sie berichten, dass sich auf der Gedenkfeier die Spitzen der braunen Gesellschaft treffen. Himmler-Tochter Gudrun Burwitz, die sich seit vielen Jahren um frühere Nationalsozialisten und ehemalige Angehörige der Waffen-SS kümmert, kam früher gerne nach Schliersee. Dazu stoßen auf dem Treffen Mitglieder der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen und Burschenschaftler. Mitveranstalter ist die Landsmannschaft der Oberschlesier, Kreisgruppe München, deren Chefin Gertrud Müller in Schliersee regelmäßig das Wort ergreift und die 52 "Kameraden" ehrt, die 1921 bei der Erstürmung des Annabergs in Oberschlesien umkamen. Dazu wird an der Weinberg-Kapelle schon Mal die Fahne der NPD gehisst oder auch die Reichskriegsflagge.

Das paramilitärische Freikorps Oberland wurde 1919 von Rudolf von Sebottendorf gegründet. Dieser hatte zuvor auch die rassistische Thule-Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Die "Oberländer" bekämpften die Münchner Räterepublik, agierten im Ruhrgebiet und eroberten später den Annaberg. Der Hügel im heutigen Polen war 1921 ein zentraler Ort deutsch-polnischer Kämpfe. "Mit brausendem Hurra werden die Polen gepackt und ... die Hänge hinuntergeworfen", tönt es aus der einschlägigen Freikorps-Literatur bezüglich der Auseinandersetzung in Oberschlesien. Noch im gleichen Jahr gliederten die Alliierten Oberschlesien in einen polnischen und einen deutschen Teil auf.

Die Ausrichtung des Freikorps war deutschnational und antikommunistisch, ferner wehrte man sich gegen den "Schandfrieden von Versailles". Auch Judenhass spielte eine Rolle. In einem Nachrichtenblatt für die Führer des paramilitärischen Verbands hieß es: "Entscheidend wird ..., dass wir alles Undeutsche, alles Jüdische in der eigenen Brust, im eigenen Herzen ausmerzen werden." 1923 ging der Verband zusammen mit dem Bund Reichsflagge und der SA im Vaterländischen Kampfbund auf, in dessen Vorstand Adolf Hitler saß. Die "Oberländer" waren auch am Hitler-Putsch beteiligt. Ein 1923 in Schliersee erbautes Oberland-Denkmal zog fortan viele führende Nationalsozialisten an. Es wurde 1945 von den Alliierten zerstört. Seit 1956 werden die in Oberschlesien "gefallenen" Freikorps-Mitglieder in Schliersee mit einer Gedenktafel geehrt.

Kaum überraschend ist, dass beim "Annaberg-Gedenken" auch revanchistische Verkündungen à la "Schlesien wird wieder deutsch" zum Besten gegeben werden. Vertriebenen-Funktionäre wie Rudolf Maywald sind gern gesehene Gäste. Er ist unter anderem Pressereferent des Landesverbands Bayern des deutschtümelnden Vereins für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland und Beisitzer in der Union der Vertriebenen, einer Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Regierungspartei CSU.

Im beschaulichen Schliersee schien sich bislang kaum jemand an der Gedenkfeier zu stoßen. Der Bürgermeister erklärte im vorigen Jahr gegenüber einer Lokalzeitung, dass die Veranstaltung von den Bürgern gar nicht wahrgenommen werde. Die Teilnehmer seien auch noch nie unangenehm aufgefallen. Für Kameradschaftsführer Popp ist das Treffen ein "ganz normales Totengedenken". Das Bündnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland sieht das anders. Die Gegner des braunen Heldengedenkens führten im Vorfeld eine Informationsveranstaltung durch. Auch sonst gibt es derzeit im Alpenvorland für Antifaschisten genug zu tun: Kürzlich versuchten die Jungen Nationaldemokraten (JN) in der Gegend einen "Stützpunkt Oberland" zu gründen. Aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung wich die NPD-Nachwuchsorganisation dann nach Murnau aus, wo die Jung-Recken aber auch auf Widerstand stoßen. Zudem steht das Pfingsttreffen der Gebirgstruppe in Mittenwald bevor. Auch in diesem Jahr sind Aktionen gegen die Feier geplant. "Oberländer" und Gebirgsjäger tragen übrigens dasselbe Abzeichen: Das Edelweiß.


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00:00 19.05.2006

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