Kiffen? Locals only

THC Die niederländische Regierung will gegen den Drogentourismus vorgehen. Neue Gesetze sollen dafür sorgen, dass es Joints nur noch für Landeskinder legal zu kaufen gibt

"Wenn die Welt dir nicht gefällt, dann hol dir Haschisch aus Amsterdam." Für Generationen mitteleuropäischer Kiffer war diese Abwandlung des Klassikers Tulips from Amsterdam eine Maxime zur Bewältigung ihres Alltags. Schnell rein ins Auto oder den Zug, in Amsterdam ein paar Joints geraucht und den Freunden zuhause auch noch ein bisschen etwas mitgebracht.

Doch mit dem THC-Tourismus könnte bald Schluss sein, zumindest in dieser Form. Im Herbst wollen die Niederlande ein neues Konzept in der Drogenpolitik verabschieden. In der vergangenen Woche überreichte eine Beratungskommission der Regierung einen Report, der als Grundlage dienen soll. Die darin empfohlenen Schritte sind drastisch: Coffeeshops sollen lediglich "geschlossene" Verkaufsstellen für die lokale Bevölkerung werden. Für ausländische Besucher soll der Zugang dagegen sehr erschwert werden, um den Drogentourismus zu stoppen. Zudem erwägt man die Trennung zwischen weichen und harten Drogen aufzuheben oder anders zu definieren, da die Wirkung bestimmter Cannabissorten durch die kommerzielle Zucht stärker geworden sei – zu stark, um sie noch als weiche Drogen zu deklarieren.

Die Wende in der niederländischen Drogenpolitik nimmt damit konkrete Formen an. Abgezeichnet hat sich der Umschwung schon seit Jahren. Vor allem Städte im Grenzgebiet zu Deutschland und Belgien klagen über die stetig wachsende Menge an Besuchern, die nur eines wollen. Und sie klagen über die damit verbundenen Parkplatzprobleme, über wildes Urinieren oder einfach über "Belästigungen".

Einige Gemeinden schließen die Coffeshops

Die Gemeinden Bergen op Zoom und Roosendaal im Süden des Landes, nach eigenen Angaben das wöchentliche Ziel von 25.000 TCH-Pendlern, schließen darum ab September sämtliche Coffeeshops. Und Polizei und Justiz gehen in den letzten Jahren immer härter gegen Cannabiszüchter vor, denn die Produktion von Cannabis ist im Gegensatz zum Verkauf in Coffeeshops keineswegs straffrei. Zahlreiche Coffeeshops wurden zudem in den letzten Jahren ganz oder vorübergehend geschlossen, weil sie gegen den zulässigen Höchstvorrat von 500 Gramm im Laden verstießen. In den Grenzstädten verkauft sich dies jedoch an einem Nachmittag.

Die Widersprüche im niederländischen Umgang mit Cannabis gehen zurück auf Geburtsfehler der 'Duldungspolitik', die lediglich Genuss und Verkauf kleiner Mengen an Gras oder Haschisch von der Strafverfolgung ausnimmt, nicht aber Produktion und Verteilung. Als dies 1976 beschlossen wurde, hatte man die örtliche Bevölkerung als Konsumenten im Auge.

Aus heutiger Perspektive mutet das einigermaßen naiv an, in der Prä-Schengen-Ära schien dies gleichwohl realistisch. Das strikte Verbot harter Drogen in Coffeeshops sollte zudem eine räumliche Trennung zwischen beiden Szenen bewirken. Dazu wurde die Zuständigkeit für weiche Drogen auch aus dem Portfolio des Justizministeriums in das des Ministeriums der Volksgesundheit verschoben.

In dem nun veröffentlichten Report steht nun, dieses Modell sei an seine Grenzen gestoßen. Das ist es schon längst, denn je mehr Kunden die Coffeeshops haben, umso klaffender wird die Lücke zwischen geduldetem Verkauf und verbotenem Einkauf – die 'illegale Hintertür' wird dies in den Niederlanden genannt. Anschaulich wird das durch den Triumphzug von Marihuana und Haschisch in den vergangenen 30 Jahren, die im Zuge von Subkulturen wie HipHop und Reggae längst im Mainstream angekommen sind. Sogar in Kasernen und Karnevalsclubs wird heute gekifft. Die Nachfrage ist riesig, anderthalb bis zwei Millionen Cannabis-Touristen kommen jährlich allein nach Maastricht, der größten Stadt in Grenznähe. Es liegt auf der Hand, dass aus einem solch lukrativen Geschäft ein umkämpfter Markt wird.

Die neue Linie ist unklar

Wie die neue Regierungslinie aussehen könnte, ist aber noch nicht erkennbar. Der Report der Beratungskommission bewegt sich zwischen der repressiven Position der christlichen Regierungsparteien CDA und ihres sozialdemokratischen Koalitionspartners PvdA. Erstere wollen das liberale Experiment am liebsten stoppen und sämtliche Coffeeshops dicht machen. Die PvdA hingegen bekannte sich in dieser Woche einmal mehr zu einer weitgehenderen Legalisierung. Das Modell sieht die Cannabiszucht unter strenger kommunaler Aufsicht vor. Die meisten niederländischen Gemeinden mit Coffeeshops fordern diesen Ansatz sogar seit langem. Die Beratungskommission erteilt dem jedoch eine Abfuhr. Lediglich ein Modellexperiment zieht sie in Erwägung.

So lange die Gesetzgebung in den umliegenden Ländern sich aber von der niederländischen stark unterscheidet, wird das Gefälle weiter Drogentouristen über die Grenze locken. Daran wird auch ein Passsystem nichts ändern, mit dem die Coffeeshops in der südlichsten Provinz Limburg zur Zeit erwägen, deren Strom zu stoppen. Der Pass soll nur für Ansässige erhältlich sein – doch wer sagt, dass sich mit den lokalen Pässen kein Handel aufziehen ließe?

Jamal, Betreiber des Coffeeshops "Liberty II" in Roosendaal, der im September wie die anderen in der Stadt geschlossen wird, hält die repressive Wende für kurzsichtig. "Was passiert, wenn sie die Coffeeshops schließen, ist klar. Es wird illegale Verkaufspunkte geben, und die Straßendealer werden in die Bars und Clubs ausschwärmen. Und überhaupt: Die Säufer pissen doch auch an die Mauern, aber deswegen macht doch noch niemand die Bars dicht!"

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12:28 04.07.2009

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