Klimaschutz geht durch den Magen

Nahrung Die Bürger in den Industriestaaten essen viel zu viel Fleisch. Wenn es so weitergeht, zerstört das alle Klimaschutzbemühungen
Susanne Schwarz | Ausgabe 31/2015 5
Klimaschutz geht durch den Magen
Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie dieser Mensch hier

Foto: Tiziana Fabi/AFP/Getty Images

Veganer dürfen Porsche fahren. So wirbt der Vegetarierbund Deutschland für eine Ernährung ohne Produkte vom Tier. Durch die vegane Lebensweise würden so viele Treibhausgase gespart, dass man einen emissionsärmeren Kleinwagen ruhig zu Hause stehen lassen und stattdessen mit dem schicken Sportwagen die Strandpromenaden der Welt unsicher machen könne. Veganer haben ihren Klimaauftrag schon durch die Wahl ihrer Nahrungsmittel erledigt und dürfen dafür mehr Spaß haben, soll das heißen.

Im Ansatz ist das nicht falsch. Dass der globale Norden Weltmeister im Fleischessen ist, heizt das Klima massiv an. Rund 18 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgase weltweit fallen bei der Produktion von Fleisch an. Damit ist der Klimaschaden durch den Fleischkonsum bereits größer als durch den Verkehr, obwohl der riesige Mengen Abgase in die Luft schießt. Er verursacht 13 Prozent der weltweiten Emissionen.

Fleischkonsum verdreifacht

Etwa 310 Millionen Tonnen Fleisch hat die Welt im vergangenen Jahr produziert. Seit 1970 hat sich der Konsum damit ungefähr verdreifacht. In Deutschland haben die Schlachtungen im vergangenen Jahr einen Rekord erreicht. Mehr Rinder, Schweine und Hühner als je zuvor wurden in die Schlachthäuser gebracht – sie verließen diese als insgesamt 8,2 Millionen Tonnen Fleisch.

Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird die Erde nach UN-Schätzung fast 10 Milliarden Bewohner haben. Außerdem steigt die Nachfrage nach Fleisch durch wachsende Mittelschichten in Ländern wie China oder Indien schon jetzt rasant. Hält der Trend an, werden die Menschen dann laut einer Studie britischer Forscher so viel Fleisch essen, dass man den Klimaeffekt durch andere Instrumente gar nicht mehr ausgleichen kann. Die globale Erwärmung auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Stand zu begrenzen, könne man unter diesen Umständen vergessen.

„Die Ernährung trägt stark zu Klimawandel und Umweltverschmutzung bei“, sagt Umwelttechnologin Bojana Bajželj von der britischen Cambridge University, Leiterin der Forschungsgruppe. Besonders schwer falle die Ausdehnung der Ackerflächen für Tierfutter ins Gewicht. Sie erwarte, dass bis 2050 weltweit 42 Prozent mehr Acker gebraucht wird – die Flächen können dann nicht mehr so genutzt werden wie bisher. Oft geht es dabei um Wälder, die Kohlendioxid binden und damit so etwas wie natürliche Klimaschützer sind. „Wir werden für diese Äcker auch mehr stickstoffhaltigen Dünger brauchen“, meint Bajželj. Das ist wiederum ein Problem für das Klima, denn die Dünger gehören zu den Hauptquellen für Lachgas, das als Treibhausgas etwa 300 Mal so stark wie CO2 zu Buche schlägt.

Auch vegane oder vegetarische Ernährungsweisen erfordern den Anbau von Pflanzen. Allerdings ist das viel effizienter. „Der Wirkungsgrad von Pflanzen, die zur Fleischproduktion an Tiere verfüttert werden, liegt bei weniger als drei Prozent“, sagt Bajželj. Sprich: In ein Schlachttier steckt man viel mehr Nahrungsmittel hinein, als am Ende herauskommen. Nebenbei verschärft der Fleischkonsum des Nordens so auch den Hunger im globalen Süden. Der Effekt wird stärker, je mehr Futter ein Tier verbraucht, bis es zum Schlachthof gekarrt wird. Rindfleisch zum Beispiel ist deshalb schädlicher fürs Klima als Hühnchen.

Käse ist auch nicht viel besser

Das Treibhausgas-Problem hört nach dem Futtermittelanbau nicht auf. Eine Kuh rülpst alle 40 Sekunden, stößt dabei am Tag bis zu 230 Liter des Treibhausgases Methan aus, das ungefähr die 34-fache Wirkung von Kohlendioxid hat. Methan entsteht auch bei der Lagerung von Stallmist und Gülle.

Das Fleisch muss auch noch vom Schlachthof in die Läden gelangen. Der Transport verursacht große Mengen von Kohlendioxid, denn Fleisch wird selten dort hergestellt, wo es auf die Teller kommt. Viele Länder können ihren Bedarf nicht allein decken und importieren Fleisch: 36,1 Millionen Tonnen Kohlendioxid sind 2010 durch den Transport ausgestoßen worden, hat ein internationales Forscherteam im vergangenen Jahr herausgefunden.

Kein Wunder: Die Import-Länder wählen nicht unbedingt ihre Nachbarstaaten als Handelspartner. Griechenland bezieht drei Viertel seines importierten Rindfleischs aus Frankreich. Und 92 Prozent der japanischen Hühner stammen aus Brasilien.

Milchprodukte sind für das Klima auch nicht viel besser. Die Umweltbilanz der Vegetarier sieht daher auch nicht so rosig aus wie die der Veganer. In manchen Rechenbeispielen liegt sie sogar höher als die von Fleischessern, da Milch aus der emissionsreichen Rinderwirtschaft stammt. Ein Speiseplan mit viel Milch und Käse kann dem Klima gefährlicher werden als einer nur mit Hähnchen.

Tierethische Fragen einmal außer Acht gelassen – ein kompletter Verzicht auf tierische Produkte ist laut Bajželj nicht nötig. Sie empfiehlt Klimaschützern eine „ausgewogene Ernährung mit gemäßigtem Fleischkonsum“. Das heißt: Zwei Portionen rotes Fleisch, sieben Portionen Geflügel und fünf Eier in der Woche sind okay. Allerdings meint Bajželj mit einer Portion überschaubare 85 Gramm. Heute verzehrt der Durchschnittsdeutsche mehr als doppelt so viel Fleisch – was in der Regel auch noch ungesund ist.

Vegetarier in der Minderheit

Nur mit dem Verschwenden von Lebensmitteln aufzuhören reicht nicht, das haben Bajželj und ihr Team ebenfalls durchgerechnet. Besonders der Westen müsse merklich sein Essverhalten ändern. Dass der Klimaschutz als Argument ausreicht, glaubt die Projektleiterin allerdings nicht. Viele Menschen seien eher zu begeistern, wenn man gesundheitliche Vorteile einer fleischarmen oder -losen Ernährung anführe. „Weniger Fleisch essen und weniger wegschmeißen, das sind Maßnahmen, die wir ohne Weiteres umsetzen könnten.“

Könnten – sicher. Aber wollen? Als die Grünen mitten im Bundestagswahlkampf 2013 vorschlugen, dass Kantinen an einem Tag der Woche nur vegetarisches Essen anbieten sollten, da erhitzten sich die Gemüter. Der „Veggie Day“ sei das Symptom einer Ökodiktatur. Tatsächlich halten 85 Prozent der Deutschen den Verzehr von Fleisch laut der Gesellschaft für Konsumforschung für „selbstverständlich und natürlich“. Vegetarier und Veganer sind in den Industriestaaten in der Minderheit. Der Vegetarierbund geht für Deutschland von knapp acht Millionen Vegetariern und 900.000 Veganern aus, andere Zahlen sind noch deutlich zurückhaltender.

Ob Veganer nun trotz klimafreundlicher Ernährung dem Vorschlag des Vegetarierbunds folgen und Kleinwagen gegen Sportwagen tauschen sollten, bleibt allerdings fraglich. Ein Auto pro Kopf, das passt ohnehin nicht zum Verkehr der Zukunft. Wenn es also unbedingt so ein Wagen sein muss, dann zumindest als Sharing-Auto. Zusammen mit anderen macht der Roadtrip am Strand entlang ohnehin mehr Spaß.

06:00 04.08.2015

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