Kokonkönigin

Pop Mit 30 Jahren ist Arca bereits eine Heldin der experimentellen Tanzmusik. Jetzt will sie Star werden
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Vom Leidensbariton zur Heliumstimme ist es nur ein Katzensprung

Foto: Hart Leshkina

Alejandra Ghersi ist eine Entfesselungskünstlerin. Das gesamte Werk der venezolanischen Elektroproduzentin handelt von Befreiungen und Erneuerungen, von Grenzen und den spektakulärsten Wegen, diese zu durchbrechen. Im Video zur aktuellen Single ihres Projekts Arca gilt all das sogar buchstäblich: Zu Beginn des Clips mit dem Namen Nonbinary liegt Ghersi leblos auf einem Stein, ein rotes Kraut wächst über ihren Körper, eine chirurgische Schere steckt in ihrem Bauch. Arca-Kenner wissen, was nun passiert: Wieder einmal stirbt eine alte Version der Künstlerin, die neue steht schon im Labor bereit.

Später sieht das Video dann so aus, als hätte der chilenische Surrealist Alejandro Jodorowsky eine Bewegtbildversion von Sandro Botticellis Gemälde Die Geburt der Venus gedreht. Und am Ende des Clips streiten schließlich zwei Versionen von Arca miteinander, da passen Musik und Bilder zum ersten Mal zusammen. Ghersi benutzt ihre gedoppelte und verfremdete Stimme wie ein Schlaginstrument, auf Englisch singt sie Ermächtigungszeilen über die Uneindeutigkeit ihres Schaffens, ihrer Absichten und ihres Körpers. Ein Synthesizer klingt nach zerknülltem Papier, Revolverschüsse und Patronenhülsen, die auf den Boden fallen, setzen sich zu einem Beat zusammen.

Nonbinary ist der erste Song von Kick I, dem vierten Album, das Ghersi seit 2014 als Arca veröffentlicht hat. Die 30-Jährige gilt bereits als Ikone experimenteller Tanzmusik, als menschliche – und bisweilen kybernetisch erweiterte – Schnittstelle zwischen dekonstruierten Techno-Beats, zeitgenössischer Video- und Performancekunst sowie jener Form von Fashion, die nur für den Einweggebrauch auf Laufstegen gedacht ist. Neben härtester Aggression und Entschlossenheit steckt nun aber auch ein neues Popgefühl in ihrer Musik. Kick I hat Ghersi als ihren großen Crossover-Moment konzipiert. In ihren Kreisen gibt es für Arca keine Grenzen mehr zu überwinden. Der Weg kann nur noch nach draußen führen.

Alejandra Ghersi wurde als Alejandro Ghersi und Sohn eines Investmentbankers 1989 in der venezolanischen Hauptstadt Caracas geboren. Ihre Grundschulzeit verlebte sie in Connecticut, die Teenagerjahre danach wieder in der venezolanischen Ölmetropole. Reiche Eltern sind dort gleichbedeutend mit Bodyguards, Privatschulen und Gated Communities. Nichts davon konnte Ghersi jedoch vor der offenen Feindseligkeit und Gewalt beschützen, die homosexuellen Menschen im Caracas der 1990er und nuller Jahre entgegenschlug. Einen Großteil ihrer Zeit verbrachte sie deshalb am Computer. Ghersi knüpfte Onlinefreundschaften mit anderen Fans des Schockrockers Marilyn Manson und veröffentlichte erste Elektropop-Songs.

Zerstückelt, übersteuert

Ein Umzug nach New York brachte Anfang der zehner Jahre Schwung in ihre Karriere. Ghersi besuchte zwei Kunsthochschulen und lernte spätere Kollaborateure aus Kunst- und Modewelt kennen. Sie erlebte ihr Coming-out als schwuler Mann, arbeitete als DJ und produzierte futuristische Hip-Hop-Beats, die über Umwege auf dem Schreibtisch von Kanye West landeten. Der Rap-Superstar suchte 2012 nach den passenden Zulieferern für sein Album Yeezus, eine Platte, die heute als Meilenstein der brüchigen Kabel, zerschossenen Festplatten und sonstigen Equipment-Unfälle gilt. West bat um weitere Arbeitsproben, Ghersi reichte das abgefahrenste Zeug aus ihren Archiven ein. Angeblich, um den Meister zu ärgern. Stattdessen erwies sich Arca als prägend für Yeezus. Ghersi erhielt eine Sonderrolle als beratende Sounddesignerin. In anspruchsvollen Popkreisen gilt sie seitdem als prominente Hausnummer: Immer wieder schmuggelt die Künstlerin ihre abseitigen Ideen in den Mainstream, auf Platten von Björk und im Schulterschluss mit späteren Soulstars wie etwa FKA twigs und Kelela. Es ist auch Arcas Verdienst, dass viele Chartstürmer in den vergangenen Jahren plötzlich an klanglicher Sabotage und Abdunkelung ihrer Songs interessiert waren.

Arcas eigene Musik blieb von diesen Entwicklungen lange Zeit unberührt. Auf drei Alben und bei einigen weiteren Spontanveröffentlichungen kümmerte sich die Künstlerin um die Ausdifferenzierung ihres Sounds: extreme Stimmungsschwankungen, abrupte Tempowechsel, zerstückelte Samples, übersteuerte Gerätschaften und unmöglich zu entschlüsselnde Geräuschquellen. Wenn Ghersi singt oder Klavier spielt, dann nur mit effektvoller Nachbehandlung. Wenn sie spezielle Rap- und Reggaestile für sich entdeckt, geht es immer auch darum, die Genres in ihre Einzelteile zu zerlegen. Trotzdem ist Arcas Musik auf mysteriöse Weise tanzbar. Der richtige Soundtrack für ein langes Wochenende am Rande von Nervenzusammenbruch und guter Gesellschaft. In ihrer Musik spiegeln sich die Zerrbilder der Gegenwart: all der digitale und analoge Overkill, das Fiebrige, Überbordende und komplett Kaputte. Es passiert immer zu viel auf einmal bei Arca. Alles ist zerbrochen, fällt auseinander, und dann blitzt da doch eine seltsame Zärtlichkeit hervor. Kaum jemand hat Gefühle von aktueller Online-Überforderung und dystopischer Offline-Zukunft in den letzten Jahren besser eingefangen als sie.

Kick I ist nun Befreiungsalbum in mehrerlei Hinsicht. Zum ersten Mal sind es nicht ihre Ideen, die in den Pop-Mainstream durchsickern, sondern Ideen aus dem Pop-Mainstream, die in der Musik von Arca auftauchen und ihr eine neue Zugänglichkeit verleihen. Es gibt Synth-Pop-Songs auf Kick I, die an Ghersis Teenagerprojekt Nuuro anschließen, Trap-Beats, für die jeder Rapper mit Nummer-eins-Ambitionen töten würde, Gastauftritte von Björk und Spaniens derzeit größtem Popstar Rosalía. Noch immer passiert unheimlich viel gleichzeitig, nach wie vor ist kein Song sicher vor den hysterischen Krachausbrüchen, die Ghersi so sehr liebt. Vieles ist weiterhin Glibber, manches jetzt aber auch Glitter.

Die Songs von Arca spielen seit jeher mit musikalischen Genre- und sozialen Genderkonventionen. Eben noch erprobt Ghersi die Aneignung raptypischer Machtdemonstrationen, dann wirft sie sich schon wieder in ebenso flamboyante Operndivaposen. Sie singt mit männlich konnotiertem Leidensbariton und wenig später mit der Heliumstimme einer aufgekratzten Zeichentrickfigur.

Ghersi identifiziert sich heute als Transfrau und beschreibt ihr künstlerisches Selbstverständnis zugleich als nichtbinär. Seit 2018 lebt sie in Barcelona, dort begann sie auch den Transitioning-Prozess, der die Arbeit an Kick I begleitet und geprägt hat. Musikalische Verwandlungen und persönliche Veränderungen erscheinen auf ihrem neuen Album untrennbar miteinander verbunden – niemand im Pop vollzieht diese Prozesse derzeit so radikal wie Ghersi, niemand schöpft aufregendere Musik daraus. Ihre erste selbst gestaltete und bislang aufwendigste Liveshow war eigentlich als Feier dieser neuen Gleichzeitigkeit gedacht: eine Mischung aus Konzert und Echtzeitdekonstruktion desselben Konzerts, mit Talk- und Gameshow-Elementen, futuristischen Prothesen und einem mechanischen Bullen für spontane Rodeo-Einlagen.

Der Corona-Lockdown hat diese Pläne nicht etwa zunichtegemacht, sondern ihnen eine neue Form gegeben. Man kann also sagen, dass Ghersi in typischer Arca-Manier reagiert hat: Unter dem Banner „Radio Diva Experimental FM“ veranstaltet sie derzeit Livestreams über Instagram oder die Gaming-Plattform Twitch, bei denen sie neue und sehr alte Stücke enthüllt und Teile ihrer geplanten Liveshow sowie Bühnenoutfits zur provisorischen Vorführung bringt. Chaos und Anarchie herrschen im Heimstudio der Künstlerin, bis zu sechs Stunden am Stück. Und immer wieder blitzt auf, was Popmusik sein kann, die sich all ihrer Fesseln entledigt hat.

Info

Arca Kick I XL/Beggars/Indigo

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06:00 05.07.2020

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