Kompromissloser Aufklärer

Nachruf Wolfgang Ullmann wusste, dass Demokratie erstritten werden muss

Leise, die Sätze ein wenig zögernd aneinander gereiht, sprach er über die schwierigsten Probleme, als vertrügen sie keinen übermäßigen Eifer, als dächte er jeden Gedanken das erste Mal. Dabei schöpfte er aus fundierter Kenntnis. Er kannte aus seinen theologischen Studien so ziemlich jede religiöse und dazu noch manche verfassungsrechtliche Bestimmung. Er korrigierte seine Partner, fügte hinzu, argumentierte und verletzte dennoch nie. Seine intellektuelle Kraft entsprang einem scharfen Verstand und genauer Kenntnis historischer Zusammenhänge, die er zu jeder Zeit abrufen konnte. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis.

Menschen waren für ihn grundsätzlich lernfähige Wesen, denen man so begegnen muss, dass sie bereit sind, zuzuhören. Nur ganz wenige, glaubte er, würden sich auf Dauer gut begründeten Einsichten verschließen. Wolfgang Ullmanns Menschenbild räumte jedem eine Chance ein. "Aussichtslos" war keine Vokabel, die er verwendete. Vorurteile gab es natürlich, aber sie konnten überwunden werden. Das formulierte er als Credo für sich selbst, aber auch für jeden anderen.

Sein Projekt "Tribunal zur Aufarbeitung der Geschichte" wurde oft missverstanden als Gerichtshof für DDR-Vergangenheit. Er aber verstand es als eine Art Wahrheitskommission. Alle Seiten sollten mit Argumenten Absichten erklären, Tun begründen, Gedachtes ein- oder ausräumen, sich auf diese Weise aufeinander zu bewegen. Am Ende sollte ein souveränes demokratisches Gemeinwesen stehen, das die Garantie verlässlicher Politik übernehmen konnte.

Eine seiner großen Enttäuschungen war, das der Entwurf einer neuen Verfassung, wie vom Runden Tisch angedacht, im vereinigten Deutschland nicht durchsetzbar war und genau jener Lernprozess, den er für unerlässlich hielt in dieser gesamtdeutschen Demokratie, unterblieb. Gruppeninteressen dominierten. Eine gemeinsame Sprache gab es immer seltener.

Die Wende, sagte er einmal, war für ihn weit weniger überraschend als für die meisten anderen. Das durch die Mauer getrennte Deutschland konnte auf Dauer nicht bestehen. Und so saß er am Abend des 9. November 1989 im Sprachenkonvikt der Evangelischen Kirche und las mit einigen Adepten die Kirchenväter im griechischen Original. Die Sitzung wurde nicht abgebrochen, nachdem die Meldung von der Maueröffnung kam. Man nahm den eigenen Disput für so wichtig, dass er keinen Aufschub vertrug, schon gar nicht durch ein erwartetes Ereignis. In seinem mit Büchern, Zeitschriften, Zeitungen überfüllten Arbeitszimmer prangte noch Jahre später eine Titelseite des Sonntag an der Tür: Der Sitzungsraum der Volkskammer, leere Bänke, in der Mitte ein einsamer Mann: Hans Modrow. Diesen leeren Raum wollte Wolfgang Ullmann mit Demokratie füllen.

Er war nach der Wende als Vertreter von "Demokratie Jetzt" in die Politik gegangen, auch um dort einen Ort der Mitsprache und Debatte zu finden. Der Runde Tisch war ihm deshalb eine so wesentliche Institution, weil er seinen Vorstellungen von Demokratie am nächsten kam. Als Minister in der Volkskammer, als Abgeordneter des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen, später im Europaparlament - immer versuchte er bürgernahe Politik-Elemente zu verwirklichen.

Der in Bad Gottleuba Geborene, der als Kind nach Dresden gekommen war und dort die Bombennächte der Kriegs-, die Not und das Elend der Nachkriegszeit erlebte, ließ nie einen Zweifel daran, dass sein Engagement in der DDR ebenso wie in der Nachwendezeit den Menschen galt, die er als Theologe zu betreuen gedachte. Aufklärung, nicht das Schwert hielt er für das beste Instrument, auch wenn sich die DDR-Führung der Aufklärung weitgehend widersetzte.

Dass auch andere Regierende Argumenten nicht immer folgten, hat ihn nicht entmutigt. Er geißelte auch im neuen Deutschland Missstände wie Sozialabbau und unklare Positionen in der Frage von Krieg und Frieden, in der eigenen Partei ebenso wie in der Medienöffentlichkeit. Es fiel ihm in letzter Zeit schwer, längere Strecken zu laufen. Gegen den Krieg der USA im Irak auf die Straße zu gehen, darauf konnte und wollte er aber nicht verzichten. Gerade weil seine Demokratievorstellung so kompromisslos war, konnte er die frisierte Wahrheit, die eine Lügenlocke auf die andere schob, bis sie in die Pläne der Bush-Regierung passte, nicht hinnehmen.

Als sich das Gremium der Herausgeber für den Freitag formte und Wolfgang Ullmann zum ersten Mal mit Günter Gaus zusammentraf, rieben sich die Argumente des idealen Demokraten und des ehemals praktisch arbeitenden Diplomaten aneinander. Ihnen bei der Diskussion zugehört zu haben, gehört zum Spannendsten, was der Freitag seinen Redakteuren mit auf den Weg geben konnte. Aus diesen Debatten lässt sich bis heute schöpfen, auch wenn Wolfgang Ullmann ein Jahrzehnt später einige Illusionen verloren hatte. Als er sich aus der Politik zurück zog war wohl auch eine Spur Ernüchterung dabei. Zu viele Hindernisse lagen auf dem Weg zur idealen Demokratie. Resigniert aber hat er nie.

Er wusste und achtete gegenüber jedermann darauf, dass Demokratie erstritten werden muss und dafür einfallsreiche Anwälte braucht. Als einen solchen Anwalt sah er sich selbst und die Zeitung, die er mit herausgab. Der Vermittler, der bei den Grünen dafür sorgte, dass Pauschalverurteilungen von Ostdeutschen mindestens offiziell unterblieben, der darauf achtete, dass die unterschiedlichen Lebensgeschichten wahrgenommen und berücksichtigt wurden, ohne irgendeiner Weißwäscherei das Wort zu reden, benannte auch die neuen Ungerechtigkeiten und setzte sich dadurch mehr und mehr von denen ab, die in den anderen Strukturen schon die Verwirklichung aller Träume sahen.

Wolfgang Ullmann hat seine Religion gelebt: Die unbedingte Hinwendung zu den Armen und Schwachen, das Vergeben von Schuld, weil niemand davon frei ist. Als er darauf verzichtete, noch einmal für das Europaparlament zu kandidieren, sprach er davon, dass nun der letzte Abschnitt des Lebens beginnt: Die Vorbereitung auf den Tod. Er meinte damit wohl auch, die Bilanz des eigenen Lebens zu ziehen und vielleicht zu korrigieren, zurechtzurücken, zu präzisieren, was unklar geblieben war. Viel zurechtzurücken hatte er nicht.


00:00 06.08.2004

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