Kopfstimme

Im Kino Die surrealistische Komödie "Schräger als Fiktion" von Marc Foster

Auch wenn es sich paradox anhört: Gewisse Wahnvorstellungen sind bei einem gesunden Geisteszustand völlig normal. Zum Beispiel die Fantasie, nicht selbst zu leben, sondern die Figur eines Romans zu sein, dessen Autor ein anderer ist. Die Vorstellung bringt ein gewisses Lebensgefühl auf den Punkt: Dass einem selbst der wahre Durchblick im eigenen Leben fehlt, dass man sich in seinen Entscheidungen gefangen und unfrei fühlt, ganz so als träfe man sie gar nicht selbst, und dass die anderen um einen herum nach einem Plan zu agieren scheinen, an dem man selbst nicht beteiligt ist.

Der Steuerprüfer Harold Crick, den der Komiker Will Ferrell in Schräger als Fiktion spielt, ist so eine Figur, die von diesem Lebensgefühl vollkommen durchdrungen scheint. Jeden Gedanken an mehr Selbstbestimmung übers eigene Leben hat Harold längst aufgegeben. Stattdessen zählt er: wie oft er mit der Zahnbürste im eigenen Mund auf und abstreicht, wie viele Schritte es zur Bushaltestelle sind, wie viele Stufen in ein bestimmtes Stockwerk. Wie das oft bei Zwangshandlungen der Fall ist, hat das Zählen einen zwiespältigen Effekt: Einerseits scheint es ihm erst die Gleichmut zu ermöglichen, sein durch und durch langweiliges und vorhersehbares Leben zu ertragen. Andererseits ist es die perfekte Beweisführung für dessen Monotonie und Ödnis.

Und eines Tages passiert es dann, bezeichnenderweise beim Zähneputzen: Harold hört eine Stimme in seinem Kopf, die mitzählt. Das Befremdende daran ist, dass es eine weibliche Stimme ist. Und dass sie sich bald schon nicht mehr aufs Zählen beschränkt, sondern Gedanken von ihm ausspricht und sein Leben beschreibt. Und dunkle Andeutungen macht, dass es damit bald zu Ende sein würde. Harold erschrickt - und macht sich mit seinem typischen Steuerprüferphlegma auf die Suche danach, woher die Stimme kommt. Er geht zu verschiedenen Ärzten, die ihm aber nicht helfen können. Was er schildert - die Stimme im Kopf - klingt nach normaler Verrücktheit, aber Harold fühlt sich ganz und gar nicht verrückt, sondern eher allzu normal. Schließlich bekommt er den Hinweis, da es sich bei der Stimme im Kopf um eine Erzählung zu handeln scheint, solle er es doch mal bei einem Literaturwissenschaftler probieren. Der - Dustin Hoffman spielt ihn in bewährter Kauzigkeit - lehnt zuerst ab, sich damit zu beschäftigen. Aber als Harold ihm einen Abschnitt "aus dem Kopf" vorträgt, beißt er doch an: Nun möchte auch er herausfinden, wer die Autorin ist, die Harolds Leben beschreibt. Mit literaturwissenschaftlicher Methode führt der Professor zunächst eine Genre-Bestimmung durch: Lebt Harold in einer Komödie oder einer Tragödie? Die Frage hat es in sich.

Ähnlich schwierig ist es übrigens, das Genre von Schräger als Fiktion anzugeben: Handelt es sich um einen "fantastischen" Film oder um einen realistischen? Besser vielleicht surrealistisch: Einerseits ist da diese ganz und gar "schräge" Ausgangssituation, in der Fiktion und Realität, das Werk einer Autorin und das Leben einer ihrer Figuren auf eine Ebene gesetzt werden. Andererseits wird dieses fantastische Setting von sämtlichen Beteiligten schließlich als völlig real akzeptiert. Gewissermaßen auch vom Zuschauer, der immer größere Sympathie für den Langweiler Harold entwickelt - und mitfiebert bei dessen Aufstand gegen seine "Schöpferin", die ihn eines gewaltsamen Todes sterben lassen will.

Je abenteuerlicher die Erzählkonstruktion des Films wird, desto tiefsinniger werden die aufgeworfenen Fragen: Hat das eigene Leben ein Genre, eine Handschrift? Hat es ein entsprechendes Ende? Kann man das Genre ändern? Und was wird dann aus dem lange für absehbar gehaltenen Ende? Für Harold hat die Stimme im Kopf, die doch nur beschreibt, was er schon lange lebt, den Effekt, dass er ihr und damit den eigenen Befangenheiten entkommen will. Er verliebt sich, er traut sich, das zu zeigen, er hört auf zu zählen. Und mit ihm wechselt der Film vom Ton der kalten Ironie zu melancholischer Wärme und Zärtlichkeit. Was als Farce begann, wird zur romantischen Komödie - am anderen Ende der Geschichte aber, dort wo Emma Thompson als kettenrauchende Schriftstellerin darüber nachsinnt, welche Todesart ihrem Helden am Besten zu Gesicht stünde, kündigt sich die Tragödie an.

Schräger als Fiktion ist tatsächlich ein schräger Film, aber im Unterschied zu anderen schrägen Komödien wie Adaption oder Being John Malkovich ergötzen sich die Macher, Drehbuchschreiber, Regisseur und Schauspieler, nicht nur an den eigenen absurden Ideen, sondern unterfüttern sie mit menschlichem Mitgefühl und Lebensweisheit. Und aus Harold wird noch ein wahrer Held, zumindest seines eigenen Romans.


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00:00 09.02.2007

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