Küss den Nazi

Verliebt Ralf Rothmann rührt uns gerade recht, und Landser müssen draußen bleiben
Küss den Nazi
Empfänger und Empfängerin: Wer stumm und fraglos zuzuhören lernt, kann sich dann auch einer Religion zuwenden

Foto: Ralph Morse/The Life Picture Collection/Getty Images

Luisa Norff liegt auf ihrem Bett und hört die Motorengeräusche der Fliegerstaffeln. Statt sich zu verkriechen, versucht sie sich auszumalen, wie das verschneite Land von oben aussieht. Zusammen mit ihrer Mutter ist sie aus dem bombardierten Kiel geflohen, und zwar auf das Landgut von Schwager Vinzent, der als SS-Offizier so manche Türen im NS-Regime öffnet. So widersprüchlich ihr noch junges Leben ist, Luisa genießt die Freiheit auf dem Land, ist froh, den Bränden in der Stadt entkommen zu sein. Der Unterricht fällt aus, und was sie in den Kuhställen über das Melken und Kalben lernt, ist sowieso viel interessanter. Doch warum kommt der Vater meist erst tief in der Nacht und betrunken nach Hause? Hat Vinzent den britischen Fliegerpiloten wirklich ermordet?

Naiv ist diese Heldin keineswegs. Sie weiß, was Kriegsverbrechen sind, sie hat von Vergewaltigungen gehört. Luisa liest nicht nur Karl May, sondern auch Andreas Gryphius’ Gedichte über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Die ältere Schwester Billie lässt sich hingegen nicht einschüchtern. Sie nimmt es Hitler persönlich übel, dass sie in den Kriegsjahren kein Abitur machen kann, sie frönt der Lebenslust und verführt einen NS-Funktionär nach dem anderen.

Sauer auf Hitler

Drunter und drüber geht es in den letzten Kriegstagen in der norddeutschen Provinz, die Handlung steuert bald auf eine dekadente Party der hiesigen NS-Prominenz zu. Es wird getrunken, getanzt, es fallen die letzten Schamgrenzen, falls es die zuvor überhaupt gegeben hat. Luisa spürt die Gefahr, die von Vinzent ausgeht, sie kann sich gegen den „Dreckskerl“ aber nicht wehren. Nach dem Krieg kann nicht einmal die Literatur mehr helfen, Luisa wird empfänglich für die Weisheiten einer Nonne.

Ralf Rothmanns Erzähler bleibt dicht bei der Hauptfigur. Er ist personal und auktorial zugleich, allerdings kein allwissender Erzählgott, der moralische Urteile vollstreckt. Ralf Rothmann „versteckt“ sich dabei keineswegs hinter seinen Figuren. Er schlägt einen mitfühlenden und sinnlichen, zugleich aber sachlichen Chronistentonfall an. Um die Kunst dieses historischen Hyperrealismus noch zu verstärken, hat er fiktive Berichte aus dem Dreißigjährigen Krieg in die Handlung eingewoben. Tatsächlich spinnt Rothmann nicht nur inhaltliche Erzählfäden vom einen zum anderen Kriegsgeschehen, er weist die Leser mit der offensichtlichen Sprachdifferenz auch auf das erzählhistorische Gefälle der Haupthandlung hin. Das scheint aus anderen, man könnte sagen: rezeptionsbedingten Gründen durchaus nötig, musste der Autor für sein Vorgängerwerk Im Frühling sterben (Freitag 27/2015) neben euphorischer doch auch heftige Kritik einstecken. Mit dem Roman habe Rothmann, so die NZZ, eine „Rückkehr des Landsers“ betrieben. Der Bestseller sei ein „kitschiges Rührstück“ und mystifiziere „die Schuld“.

Die Vorwürfe sind so grundlegend, dass man sie in der Besprechung des neuen Romans nicht verschweigen will, zumal sie als Referenz für ganz ähnliche Fehldeutungen aufgegriffen werden. Thomas E. Schmidt behauptet etwa in der Zeit, Rothmann erzähle ohne „Schuld und ohne Scham“. Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass hier mangelnde Analyse in eine grobschlächtige Ideologiekritik umgeschlagen ist. Denn: Eine Geschichte von „schuldloser Schuld“ zu erzählen, heißt keinesfalls, Schuld zu mystifizieren oder ein kollektives Trauma in Luft aufzulösen. Wer bei der Lektüre eines Romans gerührt ist, muss nicht zwangsläufig ein Rührstück in den Händen halten. Was bei anderen Texten gelobt wird, nämlich konsequente Motivreihungen, Synästhesien oder die Spiegelung des menschlichen Leids in der Tierwelt, kann ein paar Rezensionen später nur bedingt als Beweis für durchsichtiges Handwerk dienen. Wenn man bedenkt, dass sich Luisas Vater aufhängt und Schwager Vinzent hingerichtet wird, die Mutter bei Kriegsende paralysiert, die Schwester verschollen ist, sollte man die Deformation der jungen Luisa durchaus nachvollziehen. Sie glaubt, die Kirche könne ihr bieten, wonach sie sich sehnt und was die Welt ihr bislang versagt hat.

Im Parallelstrang aus dem Dreißigjährigen Krieg erfahren wir, was mit einer Kapelle passiert, die übers Wasser gezerrt wird: Sie geht unter. Luisa aber wird im Frieden erst mal Suppe essen. Tatsächlich verweist die Figur auf die oft verlogenen Wirtschaftswunderzeiten. Aber das heißt doch nicht, dass Rothmann diese Zeiten glorifiziert oder die Schuld an sich bezweifelt. Nur sollte man eben auch nicht den Fehler machen, die damalige Kindergeneration in Haftung für Taten zu nehmen, die sie nicht begangen hat.

Kongenial mit sich selbst

Ralf Rothmann hat eine kongeniale Fortsetzung seines autobiografisch grundierten Erfolgs Im Frühling sterben veröffentlicht – kongenial, weil die beiden Texte auf mehreren Ebenen miteinander verbunden sind. Walter, der Vater von Rothmann, der zusammen mit seinem Freund Fiete in den letzten Kriegstagen zwangsrekrutiert wird, taucht wieder auf, in ihn verliebt sich Luisa. Der erlebte Horror allerdings hat aus ihm einen schwermütigen jungen Mann gemacht. Walter und Luisa sind vom Nationalsozialismus gezeichnete Menschen, Überlebende, die nicht zueinanderfinden können. Es sind Geschichten, die längst nicht auserzählt sind.

Tatsächlich wurde der Autor bei einer Lesung von einer Dame angesprochen, sie kenne seinen Vater und sei vor vielen Jahren mal in ihn verliebt gewesen. Rothmann hat aus den Bruchstücken unterschiedlichster Biografien erneut ein kluges und – das mag noch immer eine Provokation sein – sinnliches Prosawerk geschaffen. Seine erschreckend anschaulichen Antikriegsromane sollten Schullektüre werden. Gute Literatur erzählt so viele Dinge, die eine Geschichtsstunde nicht darstellen kann.

Info

Der Gott jenes Sommers Ralf Rothmann Suhrkamp 2018, 254 S., 22 €

06:00 26.05.2018
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