Kunst, kein Nazikram

Literatur Christian Krachts neuer ­Roman „Imperium“ zeigt mitnichten die „Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut“, wie im "Spiegel" behauptet wurde

Seit Christian Kracht 1995 seinen Protagonisten auf eine Befindlichkeitsreise von Sylt aus durch die Republik schickte, um ihn an Thomas Manns Grab in der Schweiz ankommen zu lassen und damit eine bis heute anhaltende Lektüre im Klassensatz – Klausurfrage: Ist Faserland ein Poproman oder nicht? – sowie gefühlte tausend Aufsätze folgten, ist viel Zeit vergangen, die Christian Kracht vor allem für Reisen und davon profitierende Bücher genutzt hat. Die sind zwar nicht mehr so populär wie Faserland, aber dafür viel interessanter. Etwa zuletzt seine alternate history der Schweiz, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, von 2008, spannend, klug und von einer Weltläufigkeit, die in der deutschen Gegenwartsliteratur nicht eben inflationär ist.

Nun hat Kracht also einen neuen Roman vorgelegt, und man muss wohl mit einer Klarstellung beginnen: Was Georg Diez in einem Artikel für den aktuellen Spiegel behauptet hat, dass Imperium rassistisch, rechtsradikal, faschistisch etc. sei, ist ziemlich hirnrissig. Imperium ist vor allem eins – glänzende Literatur. Politisch machten unsere Kolonien ja nicht viel her, aber literarisch läppert es sich langsam. Seit Uwe Timms Morenga hat man sich meist an denen in Afrika entlang geschrieben. Mit der Südsee hat es seit Max Dauthendey etwas gehapert. Christian Kracht bringt sie nun aufs Tapet. Und zwar mit einer bizarren Figur im Fokus, dem Sonnenanbeter und Kokovoren, vulgo Kokusnussesser, August Engelhardt, der auf der südlich von Neu-Lauenburg im Bismarck-Archipel gelegenen Insel Kabakon eine Plantage übernahm, von der aus er für seine „Sonnenorden – Koloniale Siedlungsgesellschaft“ warb und verkündete, nackt von Kokosnüssen zu leben, sei Gottes höchster Wille. Alsbald visionierte er sein eigenes Imperium, das „internationale tropische Kolonialreich des Fruktivorismus“.

Damenloser Engelhardt

Welch irrwitzige Figur! Höchste Zeit, sie aus dem historischen Dunkel ins Kunstlicht zu holen. Doch halt! Engelhardt ist spätestens seit dem Handbuch zur Deutschen Südsee wieder populär. Er taucht in Antiveganforen auf, es gibt Zeitungs- und Netzartikel, seit 2011 ein Theaterstück, Nackt unter Kokosnüssen, und einen Roman über ihn, Das Paradies des August Engelhardt. Da muss ein weiterer Roman schon einiges bieten, denn Marc Buhls Roman war nicht schlecht. Er folgte weitgehend der überlieferten Historie.

Der Sonnenkulter aus Nürnberg wanderte 1902 in die Südsee aus, von wo er mit Postkarten von sich Adepten warb. Der erste, ein junger Helgoländer, war nach nur sechs Wochen hinüber, Sonnenstich oder Mangelernährung. Der nächste, Max Lützow, ein genialischer Musiker, fiel ebenfalls vom Fleische, versuchte noch, sich per Boot davonzumachen – und starb. Dann folgte August Bethmann, der starb 1906 unter ungeklärten Umständen. Seine ansehnliche Begleiterin Anna Schwab kehrte als Gegnerin des Narren von der Kokosnuss nach Deutschland zurück. Bei Buhl aber buhlt Engelhardt um sie, hat neben Kokosnüssen nur noch ihre „schweren Brüste“ im Sinn.

Eher eine Leidenschafts- als nur Leidensgeschichte, mit allem ausgestattet, was seriös sein soll: Plastische Details, klügelndes Räsonnement, Literaturzitate – der reale Engelhardt war tatsächlich Literaturkenner – und eine Sprache, die im Realismus der „Karaoke-Literatur“ (Matthias Zschokke) als gehoben gilt, weil sie z. B. mit Adjektiven aufgefüttert ist („Er hatte Sehnsucht nach Wein, herbem Chianti, frechem Muskateller, hochnäsigem Bordeaux“). Während Buhl ordentlich heteroerotisch instrumentiert, kommt Anna bei Kracht erst gar nicht vor.

Sein Engelhardt hat es nicht mit Damen. Das ist nicht unrealistisch, da er nurmehr 39 Kilo wog und ohnehin seit Jahren von Schwären und ähnlich Unschönem geplagt war. Freilich liegt ihm auch das Homosexuelle fern, was dem – obendrein antisemitischen – Helgoländer, der in der Heimat schon versucht hatte, seine Zunge in Franz Kafkas Ohr zu stecken, der Engelhardt bedrängt und dessen Adlatus Makeli vergewaltigt, einen finalen Schlag mit der Kokosnuss auf den Kopf und uns eine schillernde Beschreibung der Leiche einträgt. Wer es war, „verschwindet im Nebel der erzählerischen Unsicherheit“.

Erzähler-Überlegenheit

Fortan liest Engelhardt dem Knaben abends wieder vor, nach Dickens Große Erwartungen die „munteren Geschichten von Hoffmann“. Man merkt, Kracht geht anders ran. Er hält sich an die Erzähler-Überlegenheit in Thomas Manns Zauberberg, der das – ironisierte – Modell für Krachts Roman abgibt. Sein August Engelhardt ist ein Bruder Hans Castorps, statt unter der Höhen- in der Tropensonne. Zugleich dienen, wie der drastische Umgang mit Kafka oder Hesse zeigt, die Literatur, ihre Figuren und Autoren nicht als Prestigeornat, sind vielmehr Teil eines konsequenten Verfahrens populärkultureller Mythisierung.

Es gehört zu den intertextuellen Spielchen, Meister Mann selbst auftreten zu lassen, wie er den nacktbadenden Engelhardt bei der Polizei verpetzt. Auf der Rückreise, erinnernd, wird jener „plötzlich der fast knabenhaft schmalen Schultern des gestern am Strand liegenden, nackten jungen Mannes gewahr, und er erkennt in diesem Augenblick den eigentlichen Grund, weswegen er Anzeige erstattet hat, und dass sein gesamtes zukünftiges Leben von einer schmerzhaften Selbstlüge überlagert sein wird“. So werden die intertextuellen Spielchen immer wieder vom gequälten Ernst der Jahrhundertwendenkultur durchschlagen.

Die Welt wimmelt von am Leben Gescheiterten und solchen, an denen das Leben scheitert. Darin kulminiert jener literarische Sonderweg der Sonderlinge, von Jean Paul bis Wilhelm Raabe vorgeschrieben. Man kann ohnehin den Eindruck haben, die Wendung zu den deutschen Kolonien sei weniger an Schuldteilhabe denn Entlastung interessiert: Es waren ja das alles nur eifernde Spinner und simple Sonderlinge! War schließlich nicht auch Hitler ein asexueller Vegetarier mit – dummerweise – antisemitischer Obsession? Narren-Bruder Hitler?

Kracht geht das im Thomas-Mann-Ton an: „So wird nun stellvertretend die Geschichte eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein drängen, […] so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“ Damit macht Christian Kracht das Unvergleichbare der beiden Irren und deren historisches Kontinuum klar. Er gibt seinem Roman, der souverän Zeiten und Orte wechselt und ein historisch weites, differenziertes Panorama entwirft, einen anderen Horizont. Mit allem Sensorium für groteske Situationen und abenteuerliche Umstände, verbriefte und erfundene Figuren, für Fabulierlust und Dialogwitz zieht er diese Sonderlingsgroßmacht am Vorabend des Ersten Weltkriegs ins Imperium der Populärkultur hinein, das am Ende zur wahren Weltgroßmacht wird.

Titel und Titelbild machen klar: Es ist das Imperium der Knabenträume, des Jugend- und Abenteuerbuchs, von Stevenson bis Joseph Conrad. Nach amüsanten Episoden – wie der Esoterik-Schrammler K. V. Govindarajan hier Engelhardt reinlegt, Engelhardt den Markennamen von Vegemite, „the taste of Australia“, erfindet, sich über Scharlatane aufregt, die mit noch größerer Humbugwelle als er selbst daherkommen, wie schließlich Lützow einstweilen nicht auf der Flucht stirbt, sondern in rasender Liebe nach Opernart am Strand die – historisch reale – Matrone Emma Forsayth-Coe poppt, um erst dann hinzuscheiden – gerät die Südseewelt unseres unseligen Heiligen, der sich selbst zur Miss Havisham geworden ist, der neben Kokosnüssen nur seine Nägel, Ohrschmalz und Hautschuppen isst, was ihm zum Sonnenknacks und Mangelkrankheiten noch Lepra einbringt, der sich schließlich wie im Struwwelpeter die Daumen abschneidet, auch noch in den Weltkrieg.

Mit Coca-Cola und Hot Dogs

Wo aber Thomas Mann sein „Sorgenkind“ betont unbekümmert und schnell darin allein ließ, geht’s hier noch einmal rund. Inzwischen ist nämlich eine seltsame Truppe von Lord Jims Pilgerschiff Jeddah aufgetaucht, der deutsche Kapitän Slütter, Pandora, der tätowierte Maori Koro Apirana, Herr November. Sie – teils wiederum mit historischen Figuren überblendet – stammen aus Comics, aus Theodor Pussels Das Geheimnis des Kapitän Stien etwa, vor allem aber aus dem Corto-Maltese-Abenteuer Die Südseeballade. Während in Hugo Pratts Geschichte die Zeichnungen jedoch zum Ende hin immer klarer werden, lösen sich Krachts literarische Striche in einem beschleunigten Untergangs-Wirbel auf, in dem das Personal blitzkriegsartig abserviert wird. Doch es gibt obendrein noch ein Happy End, freilich in perfekter Perfidie.

Anders als der reale Engelhardt, der, ehe er 1919 verendete, ein paar Jahre Tourismus­attraktion für australische Besatzer war, erlebt er der Kracht’sche eine Apotheose. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs finden ihn amerikanische Soldaten auf der Solomoninsel Kolombangara vor, abgemagert, aber wundersam leprafrei. Er wird bei Kofferradiomusik, ausgestattet mit T-Shirt und Armbanduhr, mit Coca-Cola und Hot Dogs aufgepäppelt –„dies ist nun das Imperium“! Nach dem dann doch noch eintretenden Tod macht Hollywood aus seinem Leben einen Film, der beginnt, wie der Roman endet, nämlich mit seinem eigenen Beginn. Das Imperium als sich schließende, geschlossene Welt – und wir, als Gefesselte, bis zum Ende in literarischen Genuss und intellektuelles Vergnügen verstrickt, draußen und mittendrin zugleich.

ImperiumChristian Kracht Kiepenheuer u. Witsch 2012, 243 S., 18,99

Prof. Dr. Erhard Schütz hält am Tag der Veröffentlichung dieser Kritik seine Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität Berlin

12:00 16.02.2012

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helena-neumann | Community
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