Erhard Schütz
16.02.2012 | 12:00 14

Kunst, kein Nazikram

Literatur Christian Krachts neuer ­Roman „Imperium“ zeigt mitnichten die „Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut“, wie im "Spiegel" behauptet wurde

Seit Christian Kracht 1995 seinen Protagonisten auf eine Befindlichkeitsreise von Sylt aus durch die Republik schickte, um ihn an Thomas Manns Grab in der Schweiz ankommen zu lassen und damit eine bis heute anhaltende Lektüre im Klassensatz – Klausurfrage: Ist Faserland ein Poproman oder nicht? – sowie gefühlte tausend Aufsätze folgten, ist viel Zeit vergangen, die Christian Kracht vor allem für Reisen und davon profitierende Bücher genutzt hat. Die sind zwar nicht mehr so populär wie Faserland, aber dafür viel interessanter. Etwa zuletzt seine alternate history der Schweiz, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, von 2008, spannend, klug und von einer Weltläufigkeit, die in der deutschen Gegenwartsliteratur nicht eben inflationär ist.

Nun hat Kracht also einen neuen Roman vorgelegt, und man muss wohl mit einer Klarstellung beginnen: Was Georg Diez in einem Artikel für den aktuellen Spiegel behauptet hat, dass Imperium rassistisch, rechtsradikal, faschistisch etc. sei, ist ziemlich hirnrissig. Imperium ist vor allem eins – glänzende Literatur. Politisch machten unsere Kolonien ja nicht viel her, aber literarisch läppert es sich langsam. Seit Uwe Timms Morenga hat man sich meist an denen in Afrika entlang geschrieben. Mit der Südsee hat es seit Max Dauthendey etwas gehapert. Christian Kracht bringt sie nun aufs Tapet. Und zwar mit einer bizarren Figur im Fokus, dem Sonnenanbeter und Kokovoren, vulgo Kokusnussesser, August Engelhardt, der auf der südlich von Neu-Lauenburg im Bismarck-Archipel gelegenen Insel Kabakon eine Plantage übernahm, von der aus er für seine „Sonnenorden – Koloniale Siedlungsgesellschaft“ warb und verkündete, nackt von Kokosnüssen zu leben, sei Gottes höchster Wille. Alsbald visionierte er sein eigenes Imperium, das „internationale tropische Kolonialreich des Fruktivorismus“.

Damenloser Engelhardt

Welch irrwitzige Figur! Höchste Zeit, sie aus dem historischen Dunkel ins Kunstlicht zu holen. Doch halt! Engelhardt ist spätestens seit dem Handbuch zur Deutschen Südsee wieder populär. Er taucht in Antiveganforen auf, es gibt Zeitungs- und Netzartikel, seit 2011 ein Theaterstück, Nackt unter Kokosnüssen, und einen Roman über ihn, Das Paradies des August Engelhardt. Da muss ein weiterer Roman schon einiges bieten, denn Marc Buhls Roman war nicht schlecht. Er folgte weitgehend der überlieferten Historie.

Der Sonnenkulter aus Nürnberg wanderte 1902 in die Südsee aus, von wo er mit Postkarten von sich Adepten warb. Der erste, ein junger Helgoländer, war nach nur sechs Wochen hinüber, Sonnenstich oder Mangelernährung. Der nächste, Max Lützow, ein genialischer Musiker, fiel ebenfalls vom Fleische, versuchte noch, sich per Boot davonzumachen – und starb. Dann folgte August Bethmann, der starb 1906 unter ungeklärten Umständen. Seine ansehnliche Begleiterin Anna Schwab kehrte als Gegnerin des Narren von der Kokosnuss nach Deutschland zurück. Bei Buhl aber buhlt Engelhardt um sie, hat neben Kokosnüssen nur noch ihre „schweren Brüste“ im Sinn.

Eher eine Leidenschafts- als nur Leidensgeschichte, mit allem ausgestattet, was seriös sein soll: Plastische Details, klügelndes Räsonnement, Literaturzitate – der reale Engelhardt war tatsächlich Literaturkenner – und eine Sprache, die im Realismus der „Karaoke-Literatur“ (Matthias Zschokke) als gehoben gilt, weil sie z. B. mit Adjektiven aufgefüttert ist („Er hatte Sehnsucht nach Wein, herbem Chianti, frechem Muskateller, hochnäsigem Bordeaux“). Während Buhl ordentlich heteroerotisch instrumentiert, kommt Anna bei Kracht erst gar nicht vor.

Sein Engelhardt hat es nicht mit Damen. Das ist nicht unrealistisch, da er nurmehr 39 Kilo wog und ohnehin seit Jahren von Schwären und ähnlich Unschönem geplagt war. Freilich liegt ihm auch das Homosexuelle fern, was dem – obendrein antisemitischen – Helgoländer, der in der Heimat schon versucht hatte, seine Zunge in Franz Kafkas Ohr zu stecken, der Engelhardt bedrängt und dessen Adlatus Makeli vergewaltigt, einen finalen Schlag mit der Kokosnuss auf den Kopf und uns eine schillernde Beschreibung der Leiche einträgt. Wer es war, „verschwindet im Nebel der erzählerischen Unsicherheit“.

Erzähler-Überlegenheit

Fortan liest Engelhardt dem Knaben abends wieder vor, nach Dickens Große Erwartungen die „munteren Geschichten von Hoffmann“. Man merkt, Kracht geht anders ran. Er hält sich an die Erzähler-Überlegenheit in Thomas Manns Zauberberg, der das – ironisierte – Modell für Krachts Roman abgibt. Sein August Engelhardt ist ein Bruder Hans Castorps, statt unter der Höhen- in der Tropensonne. Zugleich dienen, wie der drastische Umgang mit Kafka oder Hesse zeigt, die Literatur, ihre Figuren und Autoren nicht als Prestigeornat, sind vielmehr Teil eines konsequenten Verfahrens populärkultureller Mythisierung.

Es gehört zu den intertextuellen Spielchen, Meister Mann selbst auftreten zu lassen, wie er den nacktbadenden Engelhardt bei der Polizei verpetzt. Auf der Rückreise, erinnernd, wird jener „plötzlich der fast knabenhaft schmalen Schultern des gestern am Strand liegenden, nackten jungen Mannes gewahr, und er erkennt in diesem Augenblick den eigentlichen Grund, weswegen er Anzeige erstattet hat, und dass sein gesamtes zukünftiges Leben von einer schmerzhaften Selbstlüge überlagert sein wird“. So werden die intertextuellen Spielchen immer wieder vom gequälten Ernst der Jahrhundertwendenkultur durchschlagen.

Die Welt wimmelt von am Leben Gescheiterten und solchen, an denen das Leben scheitert. Darin kulminiert jener literarische Sonderweg der Sonderlinge, von Jean Paul bis Wilhelm Raabe vorgeschrieben. Man kann ohnehin den Eindruck haben, die Wendung zu den deutschen Kolonien sei weniger an Schuldteilhabe denn Entlastung interessiert: Es waren ja das alles nur eifernde Spinner und simple Sonderlinge! War schließlich nicht auch Hitler ein asexueller Vegetarier mit – dummerweise – antisemitischer Obsession? Narren-Bruder Hitler?

Kracht geht das im Thomas-Mann-Ton an: „So wird nun stellvertretend die Geschichte eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein drängen, […] so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“ Damit macht Christian Kracht das Unvergleichbare der beiden Irren und deren historisches Kontinuum klar. Er gibt seinem Roman, der souverän Zeiten und Orte wechselt und ein historisch weites, differenziertes Panorama entwirft, einen anderen Horizont. Mit allem Sensorium für groteske Situationen und abenteuerliche Umstände, verbriefte und erfundene Figuren, für Fabulierlust und Dialogwitz zieht er diese Sonderlingsgroßmacht am Vorabend des Ersten Weltkriegs ins Imperium der Populärkultur hinein, das am Ende zur wahren Weltgroßmacht wird.

Titel und Titelbild machen klar: Es ist das Imperium der Knabenträume, des Jugend- und Abenteuerbuchs, von Stevenson bis Joseph Conrad. Nach amüsanten Episoden – wie der Esoterik-Schrammler K. V. Govindarajan hier Engelhardt reinlegt, Engelhardt den Markennamen von Vegemite, „the taste of Australia“, erfindet, sich über Scharlatane aufregt, die mit noch größerer Humbugwelle als er selbst daherkommen, wie schließlich Lützow einstweilen nicht auf der Flucht stirbt, sondern in rasender Liebe nach Opernart am Strand die – historisch reale – Matrone Emma Forsayth-Coe poppt, um erst dann hinzuscheiden – gerät die Südseewelt unseres unseligen Heiligen, der sich selbst zur Miss Havisham geworden ist, der neben Kokosnüssen nur seine Nägel, Ohrschmalz und Hautschuppen isst, was ihm zum Sonnenknacks und Mangelkrankheiten noch Lepra einbringt, der sich schließlich wie im Struwwelpeter die Daumen abschneidet, auch noch in den Weltkrieg.

Mit Coca-Cola und Hot Dogs

Wo aber Thomas Mann sein „Sorgenkind“ betont unbekümmert und schnell darin allein ließ, geht’s hier noch einmal rund. Inzwischen ist nämlich eine seltsame Truppe von Lord Jims Pilgerschiff Jeddah aufgetaucht, der deutsche Kapitän Slütter, Pandora, der tätowierte Maori Koro Apirana, Herr November. Sie – teils wiederum mit historischen Figuren überblendet – stammen aus Comics, aus Theodor Pussels Das Geheimnis des Kapitän Stien etwa, vor allem aber aus dem Corto-Maltese-Abenteuer Die Südseeballade. Während in Hugo Pratts Geschichte die Zeichnungen jedoch zum Ende hin immer klarer werden, lösen sich Krachts literarische Striche in einem beschleunigten Untergangs-Wirbel auf, in dem das Personal blitzkriegsartig abserviert wird. Doch es gibt obendrein noch ein Happy End, freilich in perfekter Perfidie.

Anders als der reale Engelhardt, der, ehe er 1919 verendete, ein paar Jahre Tourismus­attraktion für australische Besatzer war, erlebt er der Kracht’sche eine Apotheose. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs finden ihn amerikanische Soldaten auf der Solomoninsel Kolombangara vor, abgemagert, aber wundersam leprafrei. Er wird bei Kofferradiomusik, ausgestattet mit T-Shirt und Armbanduhr, mit Coca-Cola und Hot Dogs aufgepäppelt –„dies ist nun das Imperium“! Nach dem dann doch noch eintretenden Tod macht Hollywood aus seinem Leben einen Film, der beginnt, wie der Roman endet, nämlich mit seinem eigenen Beginn. Das Imperium als sich schließende, geschlossene Welt – und wir, als Gefesselte, bis zum Ende in literarischen Genuss und intellektuelles Vergnügen verstrickt, draußen und mittendrin zugleich.

ImperiumChristian Kracht Kiepenheuer u. Witsch 2012, 243 S., 18,99

Prof. Dr. Erhard Schütz hält am Tag der Veröffentlichung dieser Kritik seine Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität Berlin

Kommentare (14)

Joachim Petrick 17.02.2012 | 01:35

@Erhard Schütz

"Kunst, kein Nazikram"

Das klingt zwar schmissig , leugnet aber die Gefahr Not, dass der Nazikram gegenwärtig dabei ist, zur Kunst zu mutieren.

Was Georg Diez in einem Artikel für den aktuellen Spiegel behauptet, nimmt sich im Detail durschaus, Wachsamkeit einfordernd, schlüssig aus, wenn der Leser dabei verführt bleibt, zu vernachlässigen, in welchem Dilemma unsere gesamte Literaturkritik immer noch zu steckt, nämlich nicht autorenbezogen deren Werke zu rezensieren, sondern, nachwievor, in Lagerkulturkämpfen vor, während und nach den Zeiten des Kalten Krieges von totalitär unabdinglicher Warte des Peng Lameng aus unterwegs, ausschließlich phylogentisch, in soziologisch, politischen Anwandlungen, aufgebracht, die Autoren Werke enternd, argumentiert. Die Frage, welche Person in der Autorneschaft steckt, erübrigt sich da.

Frage ist doch, welchen Anhaftungen an die Welt des Vater unlerliegt Christian Kracht, dessen Vater, der ehemalige Generalbevollmächtigte des Axel Springer Verlages („Welt“, „Bild“) gleichen Vor- und Nachnamens am Mittwoch, den 24.08.2011, im Alter von 90 Jahren in seinem Haus bei Genf gestorben ist, in seinem neuen Roman "Imperium"?

Geht es dem Autor, Christian Kracht darum, diese väterlich familiaren , Gedankenwelten, in denen er, vertraut aufgewachsen, die mutmaßlich, wie in diesem vorliegenden Roman "Imperium" , von durchgängiger Unschärfe in Fragen historischer, menschlicher Zusammenhänge künden, ein letztes Mal aufsuchend, zu verabschieden?, oder geht es ihm darum, aus diesen rudimentären Welten, facettenreich verwilderter Gedanken Unschärfen, fabullierend, dichtend, ein neues Imperium zu errichten?

In beiden Fällen ginge wohl von dem Autoren keine wirkliche Gefahr aus, dass er erleben muss, zum Gefährder, welcher Anhaftung auch immer, ausgerufen zu werden, statt zu efahren, dass seinem Werk in kriitsch annehmender hier wie wie ablehnder Distanz da, menschlich Genüge getan wird.?

Die Vatergeneration Christian Krachts hatte sich ja, soweit diese christlich konservativ aufgestellt war, als Überlebensstrategie auf die Fahnen geschrieben, dass das NS- Regime der wahre Irrsinn war. Das impliziert ja ein beachtliches Maß an vorweggenommen generalisierter Unschuldsvermutung, dass es im Einzelfall gar keiner Verhandlung, geschweige denn Ermittlung bedurfte, noch im Nachgang bedarf.

Dass Christian Kracht mit solcher Art Unschärfen seiner Gedankenwelten in seinem neuen und vorherigen Werken schwanger läuft, ist ihm ja nicht vorzuwerfen.
Wie mann ohnehin Niemandem seine Gedankenwelten, Gedankenanhaftungen an welche Welten auch immer, als Gebrechen vorhalten sollte.

Aber darum sollte es ja bei der Rezension eines Buches gar nicht gehen. Auch Literaturkritiker/innen sollten bei ihrem wahren Leisten bleiben, auch wenn der noch nicht recht bei ihnen gelandet ist, der Leisten.

.Von Gedankenwelten selber gehen noch keine Gefahrenlagen aus, sondern von der Art und Weise, wie wir mit diesen Gedankenwelten ordnend hier, zu jedem Alarm bereit, auswildernd da, umzugehen gedenken.

Fragen wir einfach einmal Hans Grimm im heutigen Kontext rückblickend zu seinem völkischen Werk :
"Volk ohne Raum":
. "Herr Grimm!, was war da los, das deutsche Volk schrumpfte doch schon damals zu Schrumpfgermanien. genug Raum für das deutsche Volk war doch da? Hat es vielleicht nur damals, wie heute an Raum für die Romantik gefehlt?, müsste Ihr Werk eigentlich betitelt sein"Romantik ohne Raum!"?

JP

Christine Käppeler 17.02.2012 | 14:10

Ergänzung: Inzwischen hat sich eine Reihe namhafter Autoren mit einem offenen Brief an die Chefredaktion des "Spiegel gewandt. Hier der Brief im Wortlaut:

Offener Brief an

Chefredaktion
Der Spiegel
Ericusspitze 1
20457 Hamburg

Sehr geehrter Herr Mascolo,

mit dem Spiegel-Artikel „Die Methode Kracht“ hat der Literaturkritiker Georg Diez für uns die Grenzen zwischen Kritik und Denunziation überschritten. Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren werden konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet. Wenn diese Art des Literaturjournalismus Schule machen würde, wäre dies das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst.

Katja Lange-Müller
Daniel Kehlmann
Elfriede Jelinek
Peter Stamm
Monika Maron
Thomas von Steinaecker
Kathrin Schmidt
Thomas Hettche
Necla Kelek
Rafael Horzon
Stefan Beuse
Carmen Stephan
Benjamin von Stuckrad-Barre
Carl von Siemens
Eckhart Nickel
David Schalko
Feridun Zaimoglu

luddisback 17.02.2012 | 14:28

"Frage ist doch, welchen Anhaftungen an die Welt des Vater unlerliegt Christian Kracht, dessen Vater, der ehemalige Generalbevollmächtigte des Axel Springer Verlages („Welt“, „Bild“) gleichen Vor- und Nachnamens am Mittwoch, den 24.08.2011, im Alter von 90 Jahren in seinem Haus bei Genf gestorben ist, in seinem neuen Roman "Imperium"?"

ich habe kracht seit einer verirrung namens "tristesse royal", an der er anteil hatte, auf der ignorierliste gehabt. kann also nichts ueber "imperium" oder fruehere (politische) tendenzen sagen. noch nicht einmal die kritik von diez habe ich bisher gefunden.

trotzdem glaube ich, die vorgeschlagene sippenhaft erweist diez' position in diesem diskurs einen baerendienst.

Joachim Petrick 17.02.2012 | 16:15

@luddisback

Meinen Sie wirklich, dass gemutmaßte Gedankenwelt Anhaftungen einer Sippenhaft gleichkommen?
Verniedlicht das nicht eher wirkliche Sippenhaft durch eine nachwievor totalitär aufgestellte Literaturkritik, die sich nicht achtsamer Ausleuchtung von Familiensystemen bzw. Kleingruppensystemen, sondern des lapidar anprangernden Verweis auf totalitär vorhandene, untergegangene oder drohende Gesellschaftsysteme verpflichtet sieht?

Joachim Petrick 17.02.2012 | 16:53

@Christine Käppeler

"Äußerungen von literarischen Erzählern und Figuren werden konsequent dem Autor zugeschrieben und dann als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung gewertet."

Meine Lektüre der Rezension des Romans "Imperium" von Christian Kracht durch den Literaturkritiker Georg Diez zeichent ein anders Bild.
Georg Diez hat detailversessen, Textstellen aus dem Romn "Imperium" mit Texten des veröffentlichten digitalen Dialogs (Email Verkehrs) der beiden Brieffreunde Chrsitian Kracht und dem US- Komponisten David Woodard unterlegt und erst daraus seine engagiert ganz persönlich mutmaßlichen Schlüsse gezogen.

Darin kann der Literaturkritiker Georg Diez genau das als Recht auf Autorenschaft als Anspruch geltend machen, das dieser Offene Brief für den Autoren Christian Kracht bei der Chefredaktion des Wochenmagazins Der Spiegel einzufordern gedenkt.

Eine Denunziation des Autoren, gar der Person Christian Krachts, kann ich da nicht erkennen. Gleichwohl denke ich, dass die Literaturkritik des Georg Diez aller kollegial intellektuellen Anstrengungen würdig ist, diese Kritik selber zu analysieren und mit guten Chancen zu widerlegen., u.a. durch das Phänomen, dass Georg Diez n. m. E. die Gedanken Not, die n. m. E. aus dem Roman "Imperium" zutage tritt, nicht als solche erkennt, geschweige denn gelten lassen will, sondern in den verschärft unscharfen Status eines unzumutbaren "Faszinosums" erhebt, wie die Medien dieses aus der Rede des Bundestagspräsidenten a. D., Philipp Jenninger, des Jahres 1988 ("NS-Regime war und bleibt uns ein Faszinosum") zu lesen vermeinten.
Philipp Jenninger ist dann, aufgrund der reaktionslosen Einrede Ida Ehres u. a. umständlich durchsichtig fadenscheiniger Einreden der Medien, drei Tage danach als Bundestagspräsident zurückgetreten. Wohin, soll bitte schön, der Literaturkritker Georg Dietz zurücktreten?
Soll hier unkollegial ein engagierter Literaturkritiker Georg Dietz abgschossen werden?
Fragen über Fragen?

Joachim Petrick 17.02.2012 | 18:25

@Christine Käppeler

Fragen über Fragen?

Einem Mangel aller bisher vorliegenden Kritiken des Romans "Imperium" von Christian Kracht, vermag, n.m. E., auch dieser Offene Brief nicht abzuhelfen.
Ja dieser Offene Brief scheint n. m. E. geradezu, wie von interessierter Seite gerufen, als Verdeckungsbrief einens ganz bestimmten Mangels des Romans "Imperium" Christian Kracht unterwegs zu sein.

Der Mangel besteht, n. m. E., darin, dass der Autor Christian Kracht bisher unkommentiert, unkritisiert, einem Kulturbruch literarische Sprache verleiht, der darin besteht, sich real- existierend historischer Figuren, wie der Figur des Apothekers Engelhardt in seinem vorliegenden Roman "Imperium" mit Haut, Haaren, Geruch, Sinnen Trachten, Gedankenwelten zu bemächtigen, ohne diesen Vorgang als Fake kenntlich zu machen, um sodann, diesen historischen Engelhardt als angeblichen Vorgänger eines anderen fanatischen Romantikers "Adolf Hitler" denunzierend, das generationsübergreifend kühne Experiment einer erweiterten Kollektivschuld zu wagen.

Mehr Entlastung von real- existierend organisierten Täterschaften, gleich welcher Art, ob in der Südsee als verlagertes Schweizer Idyll, ob daheim in Deutschland, war nie?

Im und um das Internet wird gegenwärtig um den Umgang mit dem Copyright von Texten, Bildern, Filmen u. u, gestritten.
Vollzieht hier in diesem Roman "Imperium" der Autor Chrstian Kracht, nicht bisher ungestört, undurchsichtig durchsichtig Biografie- Piraterie.
Wer schützt die Biografien der wehrlos Toten vor den Übergriffen der Lebenden?

Joachim Petrick 17.02.2012 | 21:12

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/christian-krachts-imperium-ganz-anderer-dimension

17.02.2012 | 19:34
Christian Krachts "Imperium" ganz anderer Dimension
christian_kracht verlagswesen literaturbetrieb offener_brief piraterie acta georg_dietz derspiegel imperium biografien kulturbruch buchbesprechung daniel_kehlmann elfriede_jellinek

Christian Krachts "Imperium", ein Kulturbruch, ein Kladderadatsch Krach, ein wahrer "Clash of Civilization" ?

Avatar
helena-neumann 20.02.2012 | 14:43

Imperium ist kein den Faschismus huldigender Roman. An einigen Stellen launig und witzig persifliert der Salem-Schüler Kracht die Auswüchse eines Reformlebensstils, der krude zurück zur Natur will. Alles in allem kommt der Roman erzähltechnisch bräsig daher. Neu ist so ein Aussteigerroman auch nicht. Ich denke da an Paul Theroux‘ Zukunftsroman O-Zone, das Manifest der 1980ziger Jahre aller zukunftsmüden US-Amerikaner. Dass Kracht seine Erzählung ins ausgehende wilhelminische 19. Jhd. verlegt hat, tut dem Vergleich keinen Abbruch. Tja, und gäbe es da nicht dieses distanzlose Interview/Hin-und Hergeposte mit David Woodard. Darauf beziehen sich SZ und Diez wohl immer wieder. Doch was die Kritiker aber auch Befürworter Krachts verkennen, dass hat Rousseau längst auf den Punkt gebracht. Der lehnte aus einem gutbegründeten Skeptizismus gegenüber dem aufklärerischen Bildungsideal von Kunst, übrigens ganz im platonischen Sinne, den pädagogischen Impetus von Kunst ab, heute würde man sagen als bürgerliche Ideologie, die nichts zur Verbesserung der Menschheit beitrage, allenfalls in Theatersesseln, zwischen zwei Buchdeckeln verpuffe. Womit er (und JAugstein!) ja recht hatte! Doch anders als Sokrates alternativ im Tyrannen-Imperium zu versinken, hat es Rousseau mit den republikanischen Tugenden als er das Schweizer Exil wählte. Damit braucht sich Kracht freilich nicht herumzuschlagen. Er lebt schon hinter den Schweizer Bergen. Auch muss Kracht keine Bekenntnisse verfassen. Schon wegen des Hinterherskandalisieren eines Feuilletons, wird sich sein Buch verkaufen wie geschnitten Brot. Die Abwesenheit des Schreiberlings auf der nächsten Buchmesse verpasste dem Ritual nur mehr den letzten Schliff. Beförderer und Kritiker von Krachts „Imperium“ werden das am allerwenigsten bedauern. Es wird sich sicherlich eine Gelegenheit geben, wo sich gegenseitig zugeprostet wird. Nur der gemeine Leser muss sich gedulden – vielleicht auf die nächst Talk-Show. Da wird er dann dahocken, Christian Kracht, vielleicht als Edel-Trachten-Janker-Träger mit dem ganz geraden Scheitel im Blondschopf zu den ganz blauen Augen, garantiert aber mit besten Salemer Manieren. Ich freu‘ mich drauf. Also, alles ist gut, oder?

thielsby 22.02.2012 | 19:56

Wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß sowohl Kracht als auch Diez für den gleichen Verlag schreiben und man unterstellt, daß sie sogar bekannt (befreundet?) sind, könnte es sich doch um eine Art Literatur-Wrestling handeln. Ein gezielter Schlag, dann Aufmerksamkeit und abschließend Quote. Der Samstagabend hatte da mit Klitschko vs. Chisora ähnliches zu bieten.