Das Problem mit dem Geld

Kunst Sie wird immer mehr zum elitären Kult, in dem Sammler regieren – problematische Finanzierungswege inklusive
Das Problem mit dem Geld
Protestierende fordern den Rücktritt des Whitney-Vorsitzenden Warren B. Kanders

Foto: Pacific Press Agency/Imago

Kunst hat ein Geldproblem. Noch vor Bekanntgabe der Künstlerliste der Whitney Biennale sprach sich vergangene Woche herum, dass der amerikanisch-irakische Künstler Michael Rakowitz verzichtet.

Nun muss man wissen, dass es sich bei der Whitney Biennale um die progressivste Großausstellung der USA handelt. Hier werden die neue Positionen vorgestellt, die wichtigen Debatten geführt und, was im US-Kunstbetrieb sonst nicht so oft geschieht, politische Fragen gestellt. Im Beirat des Whitney Museum sitzt ein Unternehmer namens Warren B. Kanders. Mitte der 90er traf er die weitsichtige Entscheidung, in einer unsicher werdenden Welt in Sicherheit zu investieren. Seine Firma Safariland verkauft Polizeiausrüstung. Im November fand man Tränengaspatronen der Firma nach Einsätzen gegen Flüchtlinge am Grenzzaun zu Mexiko. Zuerst protestierten die Angestellten des Museums in einem offenen Brief, dann ging Rakowitz.

Der Whitney-Fall gleicht einer anderen Kunst-Geld-Geschichte mit noch weit schmutzigerem Geld. Seit Jahren werden die USA von einer Opioid-Epidemie heimgesucht, die 2017 fast 50.000 Todesopfer forderte. Das am aggressivsten vermarktete Schmerzmittel, Oxycontin, wird von Purdue Pharma hergestellt, einem Familienunternehmen im Besitz des geschätzt 13 Milliarden Dollar schweren Sackler-Clans. In der Kunst kennt man den Namen Sackler von der schönen Seite. Das Metropolitan Museum in New York hat einen ganzen Flügel nach den edlen Stiftern benannt. Der Serpentine Gallery in London haben sie eine neue Galerie mit schickem Anbau von Zaha Hadid zukommen lassen. Die Tate, der Louvre, das V&A, die Royal Academy, das Guggenheim, alle haben die Drogengelder angenommen.

Die Künstlerin Nan Goldin, die selbst schon abhängig von Oxycontin war, fordert von den Museen deshalb, Spenden der Sacklers zu verweigern. Stattdessen solle die Firma Entschädigung und Reha-Kosten zahlen.

Schmutziges Geld gibt es in der Kunst schon sehr lange. Vermutlich seit es Kunst gibt, also seit Maler und Bildhauer im Mittelalter begonnen haben, sich als Künstler zu bezeichnen, um bei Aristokraten bessere Honorare rauszuschlagen als unterm mittelalterlichen Zunftrecht. Hin und wieder haben sich Künstler auch gegen den Zugriff des schmutzigen Geldes gewehrt. Der bekannteste Fall ist wohl die Arbeit Shapolsky et. al. (1971) von Hans Haacke, in der der Künstler die Umtriebe eines Immobilienspekulanten aufgedeckt hat. Das Guggenheim Museum sagte seinerzeit die Ausstellung ab und feuerte den verantwortlichen Kurator.

Sieht man sich den Beirat des Whitney Museum genauer an, wie es eine Journalistin der Zeitschrift The Baffler getan hat, findet sich dort eine ganze Reihe von Vertretern der Waffen-, Fracking- oder Überwachungsindustrie. Der Kunsthistoriker Olav Velthuis, einer der bekanntesten Experten auf dem Gebiet des Kunstmarktes, wollte einmal eine Whitelist von ethisch nicht kompromittierten Sammlern aufstellen. Bisher wurde daraus nichts.

Vielleicht liegt das Problem tiefer. Art-Washing ist nicht die Ausnahme, sondern systemisch. Kunst wurde in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem elitären Kult, in dem Sammler regieren und dem Künstler, Kuratoren und Experten, und zwar gerade auch die politisch progressiven, sich andienen. Das Fußvolk zählt hier nichts, weder als Opfer noch als Betrachter.

06:00 12.03.2019

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