Kurz vor´m Abnippeln

Zeitschriftenschau Kolumne

Wie gut, dass ich vor einigen Jahrzehnten Germanistik studiert habe, denke ich gelegentlich, zum Beispiel angesichts eines Aufsatzes von Jan Philipp Reemtsma über Christoph Martin Wieland im Maiheft des Merkur, der dem heute kaum noch ausreichend gebildeten Leser so manche Basis-Informationen zu Wielands Leben und Werk vorenthält. Also habe ich meine alten Vorlesungsskripte ans Licht gezogen: Heidelberg, Sommersemester 1960, Friedrich Sengle über Vorklassik und Sturm und Drang. Wobei auffällt, dass der knochentrockene Spezialist Sengle den Dichter Wieland damals etwa so ähnlich darstellte wie der kritische Reemtsma heute, darüber hinaus aber noch einiges über die schwäbische Herkunft des 1733 Geborenen mitzuteilen wusste und den "Rokoko-Klassizismus", das Heitere und Erotische in Wielands Werk schon in einen soziologischen Zusammenhang mit der höfischen Gesellschaft brachte, die so etwas goutierte.

Reemtsma geht von einer im 19. Jahrhundert einsetzenden Verdrängung von Wielands Werk aus dem Leserbewusstsein aus, was insofern merkwürdig sei, "als Wieland zusammen mit Lessing der entscheidende Modernisierer der deutschen Sprache und Literatur" war. Der Roman, die ausgreifende Verserzählung, der Essay, das Libretto, das Kunstmärchen, die Übersetzung verdankten ihm viel. Und dass Wieland nur "Anreger" gewesen sei, aber nichts "Bleibendes" geschaffen habe, sei nichts als ein Vorurteil.

Wieland war also, erfahren wir im Merkur, ein liberaler Aufklärer und zu seiner Zeit "der prominenteste Schriftsteller Deutschlands". Er kam nach Weimar und gründete dort eine literarisch-politische Zeitschrift, den Teutschen Merkur. Er wurde extrem attackiert, zunächst von den Barden des "Göttinger Hains", die sein Werk Idris verbrannten, sodann vom jungen Goethe mit der Satire Götter, Helden und Wieland. Auch die Brüder Schlegel griffen ihn ideologisch motiviert an.

Als möglichen Grund für Wielands heutiges Vergessensein nennt Reemtsma seltsamerweise "die Abwesenheit des Todes in seinem Werk." Bei Goethe, etwa im Werther, Schiller oder gar Kleist werde ausführlich gestorben, während in Wielands Romanen ausgesprochen viel geliebt werde. Der Tod geschehe zwar auch, doch entwickle er sich nie zu einem beherrschenden Thema. "War Wieland ein Todesverdränger?" fragt Reemtsma. Seine Rede über den Tod sei "unaufgeregt", auch skeptisch, was das personale Weiterleben nach demselben betrifft, und überhaupt fern von Pathos und jeder Erhabenheit. Wieland sei der Ironiker in der deutschen Literatur und als solcher ein Solitär, dem es gelang, den Tod ins Leben zu integrieren. Bleibt zu hoffen, dass sein Werk wieder (mehr) aufgeklärte Leser findet.


Im Aprilheft der Akzente erinnert Jan Volker Röhnert an den gänzlich vergessenen Lyriker Wilhelm Klemm, freilich ohne darauf hinzuweisen, dass der 1881 Geborene mit immerhin 19 Gedichten in der legendären Anthologie Menschheitsdämmerung vertreten ist - einer von 23 Dichtern, die 1920 fraglos zum Kern der expressionistischen Bewegung zählten. Klemm veröffentlichte auch regelmäßig in Pfemferts radikaler Zeitschrift Die Aktion, hielt sich jedoch von den ästhetisch-politischen Debatten eher fern. Röhnerts oft arg germanistisch gewundene Ausführungen zielen darauf, Klemm an den Rand der expressionistischen Bewegung und ebenso an den Rand der Literaturgeschichte zu rücken. Er habe weder über Benns Sprachartistik noch über Georg Heyms bizarren Zynismus verfügt. Schrille Dissonanz war seine Sache nicht. Ihm fehlte auch "ein auf den ersten Blick wiedererkennbarer Stil." Eine "frappierende Indifferenz" - Verse wie absichtslos, wie nebenher gesagt - kennzeichne seine Gedichte.

Wäre noch zu ergänzen, dass Klemm eigentlich Mediziner war, doch später, nach seiner Heirat mit Erna Kröner, Verleger in Leipzig wurde. Schon 1915 lagen seine Kriegsgedichte gedruckt vor. Zwischen 1919 und 1922 erschienen fünf weitere Gedichtbände. Danach verstummte Wilhelm Klemm für vier Jahrzehnte. Erst zu seinem 80. Geburtstag 1961 erschien wieder ein Gedichtband (als Nachdruck), 1964 kamen sogar elf neue Gedichte bei Bläschke heraus. Die Akzente bringen in ihrem jüngsten Heft den Zyklus Tage und Nächte von 1920.

Im gleichen Heft berichtet Thomas Combrink über einen kurzen Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und dem jungen, noch ganz unbekannten Helmut Heißenbüttel aus dem Jahr 1951, wobei der um eine Generation Jüngere dem gefeierten Dichter mit einem Geburtstagsgruß schmeichelte und ihm gleichzeitig ein paar eigene Gedichte zur Beurteilung unterschob. Im Kern ging es um das Verfahren des Zitierens, der Montage, das Hineinweben zum Beispiel von Schlagerzeilen in die Gedichte, ein literarisches Mittel, dem beide mit unterschiedlicher Intensität anhingen.

Walter Kempowski, 1929 in Rostock geboren und dort auch aufgewachsen, wurde 1948 in der sowjetischen Zone wegen "Spionage" zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, wovon er acht Jahre absitzen musste (er hatte die Demontage der väterlichen Reederei dokumentiert). Nach seiner Freilassung und lange Zeit neben dem Dorflehrerberuf her hat er ein umfangreiches Prosawerk geschaffen, das elf Romane und die rund 8000 Seiten von Das Echolot umfasst, von den Befragungsbänden, Kinderbüchern, Hörspielen und pädagogischen Arbeiten gar nicht zu reden. Im Mittelpunkt des Text+Kritik-Bands über Kempowski stehen jedoch die persönlichen Tagebücher: Sirius, das Journal des Jahres 1983; Alkor, Chronik des Jahres 1989, als im Osten "eine bürgerliche Revolution" stattfand, die der Autor begrüßte. Schließlich erscheint in diesem Frühjahr das (in der FAZ vorabgedruckte) Tagebuch Hamit über das Jahr 1990, das vor allem das Wiedersehen mit der für immer verloren geglaubten Heimat (mundartlich Hamit) festhält.

So sind die Tagebücher für Kempowski "inzwischen zur dritten großen Hauptsache geworden", sind neben die berühmten Romane der Deutschen Chronik und das monumentale Echolot getreten, das ausschließlich fremde Stimmen und Quellen arrangiert. Kempowski verkörpert auch im Alltag den Beobachter, der sich nahezu pausenlos Notizen macht und alles, was ihm auffällt, irgendwie interessant findet: die Spiele der Haustiere, die Qualität des Mittagessens, Gedanken an den Tod, Antipathien (etwa gegen Christa Wolf und Günter Grass), die Darmkoliken in der Nacht.

Es überrascht nicht, dass auch das Text+Kritik-Heft mit Auszügen aus einem neuen Tagebuch eröffnet wird, rund 30 Seiten über die bewegenden Ereignisse des Jahres 2001, im Zentrum natürlich der 11. September, den Kempowski vor dem Fernseher verbringt, unfähig, irgendetwas anderes zu tun. Es sind die Bilder, die ihn wie viele andere faszinieren, hier "einzelne winkende Menschen", die an den Fenstern stehen, "als ob sie Abschied nehmen wollen", und dort die vor Freude "tanzenden Palästinenser". Und immer wieder "das Bild vom Flugzeug, das in den Turm hinein sich bohrt", ein "Szenarium für schlechte Autoren": "Was wird es für Filme geben!" Das Blumenablegen vor der Botschaft, die "Tränenmeere" findet der Beobachter "unerträglich kitschig; da gruselt´s einem. Kerzenscheiße."

Das klingt recht subjektiv-spontan und fast ungefiltert, als lasse Kempowski seinen Einfällen wie seinen nüchtern-schrillen Kommentaren freien Lauf, sich dabei um politische Korrektheit nicht scherend. Gern spielt er auch die Rolle des gekränkten, weil zu wenig beachteten Autors. Tatsächlich hatte er jahrzehntelang bei der tonangebenden Kritik (nicht aber bei den Lesern!) schlechte Karten. Seine Rostocker Familienromane galten als zu idyllisch und die deutsche Vergangenheit verharmlosend, er selber, der die Jahre in Bautzen nicht vergessen konnte und die DDR als Unrechtsstaat sah, galt als "kalter Krieger".

Erst mit dem Erscheinen der Echolot-Bände in den neunziger Jahren drehte sich der Wind. Die Rezensenten sahen in Kempowski fast über Nacht einen "großen Autor", und so fielen ihm in den folgenden Jahren auch einige Literaturpreise, Ehrendoktorate und Ehrenbürgerschaften zu. Selbst die Tatsache, dass die Beiträge im vorliegenden Heft (unter anderem von Doris Plöschberger, Jörg Drews, Thomas Combrink und Peter Brand) so rundum wohlwollend ausgefallen sind, hat mit der veränderten Großwetterlage zu tun, etwa mit dem Untergang der DDR, deren wahren Charakter Teile der linksliberalen Intelligenz nicht wahrhaben wollten. Ein Kempowski-Heft etwa im Jahr 1990 hätte jedenfalls anders ausgesehen.


Noch einmal kann man Walter Kempowski, im vertrauten Gespräch mit Detlef Hamer, im jüngsten Heft von Sinn und Form begegnen: nun in der Rolle des vielfach Geehrten, unermüdlich mit neuen Plänen beschäftigt. Zugleich versteht er es aber auch, seine körperlichen Defizite in Szene zu setzen: "Ich selbst bin am Abnippeln, fühle mich sehr schwach, kann momentan nicht einmal mehr spazieren gehen."


Ein neues Schreibheft (Nr. 66) ist anzuzeigen - wieder so ein vollgepackter Band auf höchstem Niveau, dessen Autoren sich auf Entdeckungsreise begeben und dabei bedeutende Funde gemacht haben, die den Leser fast überwältigen. Einen Schwerpunkt stellen T.S. Eliots Four Quartets dar, entstanden zwischen 1935 und 1942, also lange nach The Waste Land. Die Neuübertragung dieses Gedichtzyklus´ stammt von Norbert Hummelt, der zehn Jahre lang sporadisch an Eliots Meditationen über Sprache, Landschaft und Zeit gearbeitet und dabei auch Anregungen für seine eigenen Gedichte gewonnen hat - im Wettbewerb mit Marcel Beyer, der sich ebenfalls um eine Übersetzung von Four Quartets bemühte. Im Lauf der Jahre hat Hummelt alle vier Orte der Quartets in abgeschiedenen Gegenden Englands und Nordamerikas aufgesucht.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Louis Zukofski und sein großes amerikanisches Gedicht A, ein 800seitiges Lebenswerk, an dem er von 1928 bis 1968 bosselte. Zukofski, geboren 1904, war Freund und Schützling Ezra Pounds und William Carlos Williams´, mit denen er intensiv korrespondierte. Auch Robert Creeley war mit ihm verbunden, und sie alle kommen jetzt im Schreibheft zu Wort.

Merkur: Heft 5, Mai 2006 (Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 11 EUR

Akzente: Heft 2, April 1006 (Postfach 860420, 81631 München), 7,90 EUR

Text+Kritik: Nr. 169, 2006 (Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen), 14,50 EUR

Sinn und Form: Heft 2, 2006 (Postfach 210250, 10502 Berlin), 9 EUR

Schreibheft: Nr. 66, 2006 (Nieberdingstr. 18, 45147 Essen), 10,50 EUR


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00:00 19.05.2006

Ausgabe 39/2020

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