Lagerkoller

Schulschließung Das Zuhause soll jetzt Lehranstalt sein. Ob das gut geht, ist auch eine soziale Frage
Lagerkoller

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Auch dieser Text fängt mit der trivialen Beobachtung an, die so viele jetzt an sich machen: Leben und Lieben, Arbeiten und Aufwachsen, Familie und Freundschaften – es ist in Zeiten der Corona-Pandemie zwar nicht alles total anders, aber doch ziemlich viel auf fundamentale Weise. Unser aller Lage ist zwar mitnichten derart bedrohlich, anders als das, was ein nicht geringer Teil der Menschen hier und heute woanders erlebt: in den Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln zum Beispiel oder an der türkischen Grenze, wo weiterhin menschenunwürdigste Verhältnisse herrschen, man jedoch dazu verdammt ist, genauso am Ort zu bleiben. Während ich dies schreibe, lese ich eine Studie, der zufolge für 40 Prozent der Menschen weltweit das Händewaschen ein unmöglicher Luxus ist.

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Doch sosehr wir uns bemühen, die andernorts noch katastrophaleren Zustände zu sehen und uns in Demut, Solidarität und Gleichmut zu üben, das Land ist gestresst. Zu Recht. Die psychosozialen Belastungen sind jedoch unterschiedlich, je nach Milieu, Einkommen, ethnischer Markierung, Religion, Familienstand, Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Je nach sozialer Position prägt die kulturelle Textur des Alltags den Umgang mit den politischen Maßnahmen, wie umgekehrt die Maßnahmen auf diese kulturellen Muster spezifisch wirken. Konkret: Wer in einer großen Wohnung in einer Großstadt als Teil einer auch räumlich verzweigten, queeren Familie mit nichtdeutschen Personen lebt, wird diese Situation anders durchstehen und erleben als eine auf Hartz IV angewiesene Alleinerziehende zweier Kinder in einer strukturschwachen Region in einer kleinen Wohnung. Wessen Kontakte zum Beispiel sind politisch und rechtlich legitim? Wer muss raus, wer kann? Die drastischen Veränderungen prägen die Praxen der Menschen unterschiedlich, die ökonomischen Effekte variieren immens. Das lässt sich an vielen Phänomenen nachvollziehen, die die Pandemie mit sich bringt. Eines davon ist das Homeschooling.

Haben Eltern die Ruhe?

Es bahnte sich je nach Bundesland und Ort ein paar Tage lang an, dann wurde entschieden: Die Schulen wurden geschlossen. Flächendeckend, komplett. Nur: Das hieß und bedeutet nicht, keine Schule mehr! Sowieso: Das Abitur soll ja geschrieben werden. Das betrifft mich unmittelbar, Kind eins macht gerade Abi. Eigentlich.

„Homeschooling“, das ist ein Begriff, der in meinem Milieu – dem gut situierten, akademisch gebildeten, linksgrünliberalen Milieu, das überwiegend in den urbanen Zentren der Republik lebt, aber auch in den ländlich anmutenden Speckgürteln residiert – die bizarre Weltferne und spinnerte Provinzialität schrulliger US-Amerikaner_innen evoziert. Homeschooling, das machen die – Pardon – dümmeren der eh schon recht dummen Amis, die auf dem Land, die fundamentalistischen Kreationisten, die esoterischen Hippies. Kurzum: Homeschooling ist was für komische Leute mit seltsamen Ansichten, ganz weit weg.

Nun aber, seit dem 16. März 2020 (in Bayern), gibt es das auch bei uns. Was aber heißt das? Wenn wir das nur wüssten! Es tröstet und steigert zugleich die Ratlosigkeit, dass ganz offensichtlich auch weder Lehrende noch Schulbehörden genau wissen, was nun wie zu tun ist. Wahrscheinlich lässt sich schon an der affektiven Resonanz auf diese Situation viel über die eigene soziale Position erkennen. Für viele ist mit der Verlagerung der ganzen Unterrichts- und Schullast in die Familie ein irrer Stress ausgebrochen. Was passiert mit den Prüfungen und den Noten? Wie soll der Lehrplan gewährleistet werden? Was ist, wenn das Kind irgendwas verpasst? Welche Nachteile erleidet es möglicherweise? Die eh schon latenten, gleichwohl massiven Abstiegsängste vieler Familien, die sich in der Fixierung auf Notenstellen nach dem Komma und die Nachhilfe ebenso realisieren wie in der Überidentifizierung mit den Schulbelangen und Leistungen der Kinder – „Wir schreiben bald Mathe“ –, werden unter Homeschooling-Umständen massiv intensiviert. In den umtriebigen WhatsApp-Gruppen besorgter und eifriger Eltern geht es nun richtig rund. Gesucht werden klare Angaben und Aufgaben, geboten wird eher ein ungefähres Durchlavieren, das als kreativ durchgehen könnte, vielfach aber für aufgeregte bis frustrierte Empörung sorgt. So nachvollziehbar!

„So kann das Kind doch nicht lernen!“ Womöglich stimmt das – für das Rechnen im Zahlenraum bis 1.000 oder für den Unterschied zwischen ser und estar im Spanischen. Aber womöglich stimmt es weniger für den Umgang mit schwierigen Situationen ohne Masterplan. Was es nun zu lernen gilt, ist, Kontrolle abzugeben und dass Schulleistungen ein paar Wochen lang nicht zukunftsentscheidend sein werden.

Das Kind könnte stattdessen lernen: Wichtiger ist die Bewältigung des Alltags, die Sorge um Oma, die Situation verstehen oder einordnen zu können, die Gestaltung praktischer Solidarität, nicht in Panik zu geraten. Unklarheiten gemeinsam zu gestalten, zumindest auszuhalten, inklusive aller Probleme.

Es ist gleichzeitig Skepsis angesagt. Was nützt diese hehre Lehre einem Alltag, der bislang und eventuell zukünftig wieder massiv von ökonomisierten Kalkülen der Selbstoptimierung beherrscht wird, dem sich nur die wenigen entziehen können, die über mehr als genug soziales, ökonomisches, kulturelles und körperliches Kapital verfügen? Wer hält uns davon ab, den Laden wieder zwanghaft hochzufahren? Was wird also, wenn die Sache ausgestanden ist und die Spätfolgen sichtbar werden?

Zur Praxis: Es ist freilich einfacher, Homeschooling zu gestalten, wenn auch das Bildungskapital der Familie von ein paar Wochen Schulschließung nicht wesentlich bedroht ist. Was macht es dem Professor, der Lehrerin schon groß aus, wenn das Kind ein paar Wochen daheim lernen muss? In akademisch geprägten Haushalten ist das ohnehin üblich(er): Familien lesen, musizieren, debattieren, spielen, sporteln und basteln. So jedenfalls das Ideal, das Programm und sicherlich auch das handlungsleitende Selbstbild. In der Praxis sind freilich auch in diesen, unseren Familien nicht nur alle bisweilen missmutig genervt, daddelt nicht nur öfter, als allen Eltern lieb ist, jede_r am eigenen Gerät rum – Eltern vor allem! – oder wird gekifft statt gelernt, es gibt auch in diesen Familien Gewalt und Missachtung. Das ist übrigens einer der wenig beachteten Aspekte der aktuellen Situation: Die Zwangsbeschränkung auf das Private, auf die Familie, auf die eigene Wohnung – insbesondere nun, da es zudem auch Ausgangsbeschränkungen gibt – ist in vielen Fällen eine Verschlimmerung bereits schwieriger Verhältnisse, was im Bereich familialer Gewalt dramatisch wird.

Haben Eltern das Wissen?

Das ist, wie Studien belegen, keinesfalls ein schichtspezifisches Phänomen. Kinder werden quer durch die Milieus geschlagen, gedemütigt, vernachlässigt, Frauen erleben quer durch die Klassenlagen Gewalt. Doch andere Probleme und Effekte des Rückzugs auf die Familie, die sich unter anderem im Homeschooling zeigen, sind deutlich abhängiger von der sozialen Position. Wie groß ist die Wohnung? Haben Kinder und Eltern eigene Bereiche, einen eigenen Tisch, Türen zum Zumachen, jeweils genug Licht? Verfügen alle über angemessene Geräte und Utensilien? Haben Eltern überhaupt die Ruhe, das Wissen, die Fähigkeiten, den Kindern die Schule ein wenig zu ersetzen? Mit dem Homeschooling dürfte sich die Strukturkrankheit des deutschen Systems noch verschlimmern, nämlich die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit entlang von Bildungsinstitutionen. Bekanntlich hängt der Schul- und spätere Erwerbserfolg in Deutschland maßgeblich von der sozialen Schicht, konkret auch von der Bildung der Eltern ab. Die Abwärtsmobilität ist im deutschen System zudem deutlich größer als die nach oben. Abstiegsängste sind durchaus berechtigt.

Wer nimmt sich also beim Homeschooling die Zeit, die es nun braucht? Kinder machen Schulunterricht durchaus eine Zeitlang allein – aber das ist voraussetzungsreich. Sie müssen ein bestimmtes Alter haben (8 oder 9 ist ziemlich gut, 13–16 eher sehr heikel, 17–19 schon wieder okay – oder grad gar nicht, kommt drauf an), die passenden Materialien, sie müssen Lust haben oder viel Disziplin. All das kommt vor. Aber dem muss und sollte nachgeholfen werden. Und Neues muss ihnen jemand durchaus erklären, übersetzen, anschaulich machen. Neues muss immer wieder, vielfach eingeübt werden. Das Einmaleins etwa, tagelang, wochenlang. In diesem Sinne ist Zeit ein weiteres Riesenthema, das durch die aktuelle Situation nur deutlicher und virulenter wird. Wer nimmt sich denn die Zeit für die Betreuung der Kinder und das quasi unendliche Arsenal an Tätigkeiten, die zu dieser Betreuung gehören? Homeschooling bedeutet mehrere Mahlzeiten am Tag für mehr Menschen im Haushalt, mehr Unordnung und mehr Schmutz, mehr Aufsicht, mehr Organisation, mehr Trost und Aufmunterung.

Mehr Care. Viel mehr Care. Es soll Väter geben, die nun – Homeoffice sei Dank (was, oh Zufall, nach dem Gegenteil von Homeschooling klingt, also schick, mondän, wichtig, gut bezahlt, hipsterisch) – erst bemerken, wie viel sich „daheim“ abspielt, wie viel gearbeitet wird, nicht nur während sie außerhäuslich erwerbstätig sind, sondern auch damit sie erwerbstätig sein können. Väter in Deutschland sind nicht nur mehr und länger erwerbstätig als die Mütter, die ja ganz überwiegend in Teilzeit erwerbsarbeiten, sondern auch mehr als Männer, die noch keine Väter sind. Anders gesagt: Wenn hierzulande aus Männern Väter werden, arbeiten sie im Schnitt länger außer Haus als zuvor. Nun, wenn Homeschooling und Homeoffice aufeinanderprallen, kommt es wohl auch zu viel Homestreiting. Lagerkoller. Die Social Media sind voller wohlmeinender Anregungen und heroischer Erzählungen – ein Entführungsopfer gibt gar Tipps zu mentaler Stärke unter Quarantäne, lustig auch: „Stadt, Land, Fluss“ spielen auf Facebook.

Doch am Ende werden wir einsehen müssen: Leben und Lieben, School und Office, Care und Familie, das alles realisiert sich im Unmittelbaren, das vom Mittelbaren lebt. Privatheit, Liebe, Beziehungen, Care und Kümmern, das alles benötigt auch die Öffentlichkeit, die Anonymität, die Weite, die komplexe Gesellschaft. Solange die Pandemie uns aber auf das Unmittelbare reduziert, müssen wir mit einer Krise zurechtkommen, für die wir nicht gemacht sind. Und die wir doch mit Solidarität meistern können. Auf ein paar Französischvokabeln kommt es dabei so wenig an wie darauf, ob das Abitur nun um Mai oder im Juni oder … stattfindet – wobei, bei den Aussichten wird mir schon etwas mulmig.

Paula-Irene Villa Braslavsky ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München und macht gerade mit ihrem Partner, Professor an einer anderen Uni, Homeschooling mit zwei Kindern im Alter von 13 und 19 Jahren

06:00 02.04.2020

Ausgabe 22/2020

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