Lang lebe der Schrott

Ökoblog Eigentlich sollte das Haus mal so richtig schön auf Öko gemacht werden. Aber am Ende haben wir uns doch für eine Billigsanierung entschieden

Alles fing damit an, dass die Heizung Schrott war, über Jahrzehnte zusammengestückelter Schrott. Heizkessel verschlissen, die Pumpe viel zu groß, die Heißwasserspeicher aus einem früheren Jahrhundert. Während die Bewohner im Dachgeschoss ihre Wohnungen nicht warm bekamen, konnten sich die Menschen vom Erdgeschoss bis in den vierten Stock vor Hitze kaum retten - auch ohne die Heizkörper aufzudrehen. Wenn es gar nicht mehr ging, rissen sie die Fenster auf.

Also jetzt, dachte ich, Nägel mit Köpfen, alles neu. Fassade dämmen, Heizkessel austauschen, Solarwärme aufs Dach, vielleicht Holzpellets, oder Erdwärme, kleine sparsame Pumpe rein. Energieeffizienz rechnet sich, sagt Umweltminister Sigmar Gabriel. Und staatliche Zuschüsse gibt es obendrein. Ist nicht das CO2-Gebäudesanierungsprogramm eines der erfolgreichsten Regierungsprogramme aller Zeiten? Ein „Riesenerfolg“, wenn man dem Bauminister Wolfgang Tiefensee Glauben schenken darf.

Die Miteigentümer im Haus wussten zwar nicht ganz, was sie mit meinem flammenden Appell in der Eigentümerversammlung anfangen sollten. Ich glaube, die halten mich sowieso für ein Relikt der 80er Jahre, weil ich seit dem Nato-Doppel-Beschluss die Jeans und die putzmobartige Frisur nie endgültig aufgegeben habe. Andererseits waren sie aber auch nicht wirklich abgeneigt von einer Energiesparsanierung, hatten doch gerade die Heizölpreise zum Raketenflug angesetzt. Auch das politische Umfeld schien richtig, nachdem der Weltklimarat gerade den Untergang des blauen Planeten prophezeit hatte. Nur dann, ja dann, kam irgendwie doch alles ganz anders.

Der Installateur, den die Hausverwaltung in die Eigentümerversammlung mitgebracht hatte, um die Sache mit der Heizung zu besprechen, runzelte sogleich dramatisch die Stirn. Also Solarwärme, nein, das würde er uns gar nicht empfehlen, in so einem Haus. Er erzählte was von Wassertanks und Betriebstemperatur und Legionellenschutz, was die Eigentümer mit großen Augen anhörten, um sich später zuzuraunen, sie hätten es, ehrlich gesagt, doch eher nicht ganz verstanden.

Eine Gasheizung, das sei das Mittel der Wahl. Öl nicht, Holz nicht, Fernwärme nicht, Erdwärme nicht, nein, Gas, sagte der Gasinstallateur. Außerdem riet er uns dringend, das altertümliche Heizröhrensystem im Haus völlig zu erneuern, vom Keller bis zum Dach, alles einmal aufstemmen, bitte. Da guckten die stolzen Eigentümer der frisch sanierten Altbauwohnungen dann doch etwas betreten.

Und es kam, was immer kommt, wenn technische Verwirrung und horrende Überschlagsrechnungen einem die Anmutung von Angina Pectoris vermitteln: das Gutachten. Der Gasinstallateur, wo er doch nun schon einmal da war, kannte, welch glücklicher Umstand, einen ausgewiesenen Spezialisten, der das für uns erledigen konnte.

Sieben Monate und 3.465 Euro später stand fest: Öl nicht, Pellets nicht, Fernwärme nicht, Erdwärme nicht, Solarwärme nicht. Gas wäre wohl das Beste und ein modernes Rohrleitungssystem im ganzen Haus - Überraschung. Die Sache mit der Fassadendämmung, na klar, das wäre nicht schlecht, wenn wir das wollten. Mit insgesamt 130.000 Euro wären wir dabei. Schon in ungefähr 17 Jahren würde sich das, zusammen mit den anderen Modernisierungen, rechnen, falls nicht der Ölpreis unvermittelt wieder fällt. Die staatlichen Zuschüsse? Da präsentierten uns der Installateur und sein Gutachter abermals die Sorgenfalten. Da sähen sie schwarz, weil leider wohl doch nicht alle Förderkriterien der Kfw-Bankengruppe eingehalten würden. Und wie kompliziert so ein Antrag ist, und wie lange er dauert, und wie klein der Zuschuss dann ist. Wollen Sie sich dafür den ganzen Stress antun? Irgendwie nicht.

Irgendwie wollte sich das alles niemand mehr antun. Wir hatten doch eine prima Heizung, die das Haus mollig warm machte. Na gut, mit kleinen Schwächen. Aber war es nicht übertrieben, das ganze Haus aufzumeißeln und das Parkett im Wohnzimmer aufzubohren? Und sich mit einer sehr mäßigen Amortisationsrate so richtig heftig zu verschulden? Und das alles im Auge eines Finanzmarkt-Hurrikans, der uns bald samt Job und Einkommen hinwegfegen könnte?

Zum Glück nahm uns das Phantom unter den Eigentümern, der fiese Kapitalanleger, der seine Wohnungen vermietete und der nie selbst bei den Versammlungen auftauchte, die Entscheidung ab. Einer teuren Sanierung, ließ er schriftlich ausrichten, könne er leider nicht zustimmen.

Wir lassen jetzt erstmal den Kessel austauschen. Ein bisschen öko ist das auch, ehrlich, denn so ein neuer Kessel verbraucht bis zu 30 Prozent weniger Brennstoff. In zehn Jahren ist immer noch Zeit, die Fassade zu dämmen, das Rohrsystem zu erneuern und auf Erneuerbare umzusteigen. Dann machen wir das bestimmt. Vielleicht. Naja. Wir werden sehen.

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