Lauschangriff 12/06

Musik-Kolumne Eine der größten australischen Songwriter ist tot. Grant McLennan ist am 6. Mai aus dem Mittagschlaf nicht wieder aufgewacht. Er war 48. Nicht gerade ...

Eine der größten australischen Songwriter ist tot. Grant McLennan ist am 6. Mai aus dem Mittagschlaf nicht wieder aufgewacht. Er war 48. Nicht gerade durch großen kommerziellen Erfolg verwöhnt, genoss McLennan unter Kritikern hohes Ansehen. Es ist sogar möglich, dass über ihn noch nie ein böses Wort geschrieben wurde. Es gab neun Go-Betweens-Alben, vier McLennan-Soloalben und die Nebenprojekte Jack Frost und The Far out Corporation. Die Go-Betweens war nicht nur seine große, sondern zugleich seine erste und letzte Liebe. Einen Zeitraum von zehn Jahren pausierte die Gruppe, und als sie wieder zusammenkam, hatte man keinesfalls den Eindruck, es handele sich nur um Nostalgie. Im Gegenteil: Als das Oceans Apart-Album 2005 erschien, bekamen sie dafür die "ARIA"-Auszeichnung (den australischen "Grammy").

McLennan hat einst an der Universität in Brisbane studiert, wo er seinen langjährigen Bandkollegen Robert Forster kennen lernte. In Brisbane gab es keine Infrastruktur für Bands, also lebten sie eine Weile in Glasgow, wo die ersten Singles auf dem lokalen Postcard-Label erschienen, und zogen dann nach London. 1981 veröffentlichten sie ihr Debütalbum Send me a Lullaby. Etabliert waren sie erst, als das zweite Album Before Hollywood erschien. Darauf befindet sich der autobiographisch geprägte McLennan-Song Cattle and Cane. Er ist nämlich auf der Ranch seines Stiefvaters aufgewachsen. Sein Vater starb, als er vier Jahre alt war. Cattle and Cane wurde neulich von der Australian Performing Rights Association unter die "besten zehn australischen Songs aller Zeiten" gewählt.

1997 waren an ein und demselben Tag Johnny Greenwood von Radiohead und Grant McLennan in meiner Sendung im NDR für getrennte "Live"-Interviews zu Gast. Als Greenwood von McLennans Anwesenheit erfuhr, wurde er ganz aufgeregt und erzählte, wie wichtig die Go-Betweens für ihn und seine Band gewesen seien. Auch Gruppen wie Belle Sebastian und Teenage Fanclub haben sehr für die Go-Betweens geschwärmt. Als sie ihr Comeback Album Bright Yellow Bright Orange herausbrachten, wurde die allseitige Bewunderung für die Australier von Seiten ihrer Musiker-Kollegen geradezu auffällig, besonders weil das Plattenlabel Lo-Max sich zur gleichen Zeit bemühte, die alten Platten noch einmal zu vermarkten. Die Musiker-Generation, die 10-15 Jahre jünger als die Go-Betweens war, ergriff nun die Gelegenheit, die alten Alben anzupreisen und deren Einfluss zu beteuern.

Robert Forster und Grant McLennan einte derselbe Musikgeschmack: Sie liebten den Pop der sechziger Jahre, Folk-Rock, Television und The Velvet Underground. In der Regel komponierten sie aber getrennt, weshalb es durchaus Fans gibt, die mehr von Forster-Songs als von McLennan-Songs halten. Auch stellte Forster eher das wieder erkennbare Gesicht der Band dar; er war die größere Kultfigur. Für mich aber bleibt McLennan der sympathischere Songwriter. Seine Texte sind oft traurig, mit meist frisch-fröhlichen Melodien. Sein Gesang kann eine menschliche Wärme erzeugen, wie man das nur selten erlebt. Oft genug sind Soloplatten halbherzige Hobbyprojekte. McLennans Soloalben aber halte ich für seine eindrucksvollste Arbeit überhaupt. Ich habe wirklich viel Musik gehört, und ich möchte beteuern, dass ich mich jetzt nicht von McLennans Tod beeinflussen lasse, wenn ich sage, dass Stones for You vom ersten Soloalbum Watershed und Coming up for air vom dritten Soloalbum Horsebreaker Star zu meinen Lieblingssongs aller Zeiten zählen.

McLennan hat gezeigt, dass man tiefe Emotionen auf einfache, fast kindliche Weise artikulieren kann. Er verfügte über den Charme des Sanftmütigen, ohne dabei je kitschig oder schmalzig zu sein. In dem erwähnten Stones for You erzählt er, wie er um seine Liebe kämpfen würde, wie er, im übertragenen Sinne, über Flusssteine laufen würde: "Simple yes but never easy, over stones for you." Diese Textzeile beschreibt sein besonderes Talent: Es sind Songs mit "schlichtem Tiefgang" - eben: simple yes, but never easy. Als Mensch war er genau so warmherzig wie seine Musik. Er war der perfekte Gentleman und das ganze Gegenteil des klischeehaften australischen Raubeins.


00:00 09.06.2006

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