Lauschangriff 3/03

Kolumne Klassik-Puristen zucken verächtlich die Schultern. Aber unbescholtene Musikfreunde mögen es. Wenn etwa das Orchester groß aufbraust und die ...

Klassik-Puristen zucken verächtlich die Schultern. Aber unbescholtene Musikfreunde mögen es. Wenn etwa das Orchester groß aufbraust und die Blechbläser massiv hervortreten - dann eine passende Landschaft imaginieren, den Musikgenuss transzendieren ins assoziativ Vertraute und wohlbekannt Erhabene, das macht Freude. Bruckners Sinfonien beispielsweise sind vielen fremd, aber die Alpen kennen alle; und so mögen die wuchtigen Klanggebirge des Niederösterreichers eingängiger wirken mit dem Bild mächtiger Dreitausender vor dem inneren Auge.

Wenn der Komponist derlei Konzept schon beim Ersinnen der Musik im Kopf hatte, ist das unter Puristen »Programmmusik», Beethovens 6. Sinfonie gilt als das berühmteste Beispiel. Generationen von Musikwissenschaftlern haben beflissen nachgewiesen, dass sich Beethoven, der sich für Satzüberschriften wie Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande nicht zu schade war, - selbstredend! - keineswegs in Musikillustration pastoraler Szenen erschöpfte. Und das gilt für alle Spielarten dieser Sorte von Tonkunst, von Mozarts Trio Soave sia il vento in Cosi fan tutte mit ihrer, die Wellen und den Wind beglückend kunstvoll nachempfindenden Orchesterbegleitung, bis hin zu den staunenswert schönen Naturschilderungen in Wagners Opern.

Es mag die Annäherung gewagt sein übers Wetter und über eben jene eisekalte Zeit im Winter, da es sich zuträgt, das Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern: Aber Helmut Lachenmanns ereignisreiche Klang- und Geräuschräume - das Werk nennt sich beziehungsvoll Musik mit Bildern - erschließen sich vielleicht nicht am schlechtesten mit Hilfe imaginativer Bemühungen in Richtung Lufttemperaturen und (Stadt-) landschaft. Da wird in einer Frier-Arie das Bibbern zur vokalen Kunst, die Königin der Nacht ersteht, tiefgekühlter als das Original, neu, und überhaupt, man lernt fasziniert, falls man es noch nicht beherrschte, das Lauschen und Wundern (Chor und Orchester der Staatsoper Stuttgart, Lothar Zagrosek; KAIROS/Naxos 0012282KAI).

Gustav Mahlers Sinfonien handeln nicht immer von den Landschaften der Natur, es können auch die Landschaften der Musikgeschichte sein, die der Kapellmeister-Komponist wie einen Steinbruch ausbeutete. In seiner 6. Sinfonie lässt er zunächst die grelle Karikatur eines Marsches hören, bevor der Blick hinauf geht in die stille Welt der Almen. Damit jede und jeder weiß, wo er ist, ertönen sogar Kuhglocken; aber das Schwirren der Luft, die Hummeln überm Gras, der blaue Himmel zwischen den Gipfeln stellen natürlich Geigen, Klarinetten, Hörner her. In der Aufnahme mit Neeme Järvi und dem Royal Scottish National Orchestra tun sie das ungewohnt zügig, sodass der Eindruck eines Alpenfluges im Hubschrauber entstehen mag, auch wenn Järvi an den gewissen Stellen den Flug drosselt. Das hat immerhin den Vorteil, dass die gelegentlich allzu lastende Subjektivität, die weltschmerzliche Zerstörungswut, mit der diese Musik Idylle und Tradition zerschmettern muss, ins Objektive und in Richtung auf ihre Modernität hin erleichtert wird (CHANDOS 9207).

In den Sinfonien des Finnen Jean Sibelius (1865-1957), zumindest in den drei ersten, breitet sich der ganze Raum und mit ihm die gewisse Fremdheit und ein wenig auch das Geheimnis skandinavischer Landschaft aus. Sie gelten als spätestromantisch-sinfonische Nachzügler, schroff abgelehnt von Kritikergrößen wie Adorno (wozu hochwahrscheinlich die vom Komponisten nicht ungern vermerkte Verehrung Sibelius´, durch die Nazis beigetragen hat), sind indes gleichwohl beeindruckende Beiträge zur Weltmusik auf die sehr eigene Art, wie sie finnische Volksmusik, Epik und Tänze zu einem Großpanorama nordischer Seele integrieren (City of Birmingham Symphony Orchestra, Sakari Oramo; Erato/Warner Music 0927-43500-2).

Ähnliches gilt, nach Seiten des Komponistenrufs wie nach Seiten des Verhältnisses der Musik zur Landschaft für Tschaikowsky, dessen 1. Sinfonie (Winterträume) allerdings den zur russischen Weite so gut passenden Winter einbezieht. Und der Leningrader Dirigent Mariss Jansons, zusammen mit den dito winterkundigen Osloer Philharmonikern scheut sich nicht, den guten alten Winter auszumalen, mit pudrigem Neuschnee, wirbelnden Flocken und der ganzen Pracht einer weißen, weiten Welt, die nur noch rhapsodisch - und mit Glück - vorzukommen scheint in unseren Breiten (CHANDOS 8672).

00:00 14.02.2003
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