Leben in der Eisgruft

Achillesferse Bettina Balàkas historischer Roman "Eisflüstern" verdient die Höchstnote

Der Zeitroman hat´s schwer, stellen sich doch gleich Namen und Schwergewichte der klassischen Moderne ein, von Thomas Mann und Robert Musil über Proust bis zu Faulkner oder Virginia Woolf. Noch problematischer dagegen das Unterfangen, heute einen historischen Roman schreiben zu wollen, verbreiten sich gleichermaßen Odeur wie Horreur der Kolportage, der schlechte Geruch der bloßen Unterhaltungsliteratur. Es sei denn, ein solcher Roman reihe sich in jene Tradition ein, die Gero von Wilpert auf folgende systematische Beschreibung zu bringen versucht hat: ein historischer Roman sei eine Form der Geschichtsschreibung, in der geschichtliche Ereignisse und Personen in einer Sonderform kulturgeschichtliche Hintergründe, in einer erfundenen Handlung gestaltet werden, wobei er "je nach Art des gewählten Stoffes und der Darstellungsweise einen individuellen Lebenslauf oder ein allgemeines Geschichtsbild (bietet), das jedoch wegen dichterischer Freiheiten nicht immer das wissenschaftlich anerkannte, sondern auch ein intuitiv erfühltes, doch glaubwürdiges oder nach ästhetischen Gesichtspunkten umgestaltetes sein kann."

In der Tat scheinen diese Kriterien auf Bettina Balàkas neuen Roman Eisflüstern zuzutreffen: anhand der fiktiven Figur des Balthasar Beck, eines früheren Polizeibeamten, Oberleutnants und späten Kriegsheimkehrers, wird ein überaus genaues Bild Wiens nach dem 1. Weltkrieg gezeichnet. Eine Gesellschaft hat ihre Bindungen verloren - die (Vorkriegs-)Werte sind im Eimer, die Monarchie futsch; auf den Straßen einer völlig verunsicherten Metropole treiben sich verlumpte Gesellen und andere sozial Entwurzelte umher, Demonstrationen der Roten wechseln ab mit Aufmärschen der Nationalisten, und es lauert an allen Ecken latent, dann auch wieder im lauten Zornesgeifer der Antisemitismus. Die Stimmung ist gespannt - das Knistern überall zu spüren. "Einmal geriet Beck auf dem Heimweg in eine Demonstration, die sich zu einem Aufruhr ausgewachsen hatte. Zwischen Parlament und Rathaus gingen ungeordnete Menschenmassen mit Gebrüll und zum Teil auch schon mit Fäusten aufeinander los. Kopfbedeckungen flogen durch die Luft, vereinzelte Frauen kreischten schrill."

Insofern haben das Schicksal und die aktuelle Lebenssituation jenes Balthasar Beck etwas geradezu Typisches an sich - mithin etwas zeitgemäß Realistisches, wenn man weiter die klassische Definition von Marx/Engels bis zu Georg Lukács teilen möchte, dass Realismus die Darstellung typischer Charaktere unter typischen Umständen bezwecke. Beck nämlich ist soeben aus russischer Gefangenschaft, aus einem Lager irgendwo in Sibirien zurückgekehrt. Nach Jahren des Krieges und dann, nachdem er flugs die Seiten gewechselt hat, des Bürgerkriegs in der Sowjetunion; möchte er noch nicht nach Hause zu Frau und Tochter. So treibt er sich als "Strotterer" (Streuner) in Parks und Anlagen zunächst herum, ehe er sich dann doch noch ein Herz fasst und nach sieben Jahren, in denen er nicht ein einziges Mal geschrieben und sogar das Bild seiner Frau früh im Lager begraben hat, zu Hause anklopft: ein gefühls- und eiskalter Mann, einer, der von sich selbst einmal sagt, dass er "sich ganz und gar in eine innere Eiswelt" zurückgezogen habe.

Von den kümmerlichen Versuchen der Wiederannäherung zwischen Mann und Frau ist da die längste Zeit die Rede - von einer Frau, die den (scheinbaren) Verlust des Mannes im Krieg mit eher hilflosen lesbischen Amouren zu verwinden gesucht hat, und einem Mann, der sich nach persönlicher Nähe sehnt und dabei doch wie ein eiskalter Engel reagiert. Die Male von Torturen und Foltern sind seinem Rücken eingebrannt, er selbst, der getötet hat und vom Tod stets umringt gewesen ist, hat nicht nur lange Zeit in einer Eisgruft gelebt, sondern das Eis hat ihn geradezu mit einem Panzer versehen, vor und hinter dem alle Gefühle abprallen.

Allerdings ist auch die Zeit nicht danach, Gefühle zu zeigen - wer das tut, hat schon verloren. Angesagt ist vielmehr der Radartypus (Benn und Jünger), der bei allem Kult der Kälte insbesondere im Gefühlsleben dennoch den verflossenen Krieg als inneres Erlebnis zu kultivieren verstanden hat. Worum es geht, ist, ein neues Opium fürs Volk zu schaffen, das in den Worten Ritschls, eines Polizeibeamten, folgendermaßen aussehen muss: "Vergehirnung ist das, was die Menschen fürchten, diese unselige Mode, alles auf dem Verstand aufzubauen. Wo bleibt dann die Magie? Die wahren, blutvollen Gefühle? Jeder muss darauf bedacht sein zu erraten, was der Führer wünscht, und dann seine Überraschung erleben. Worte sind Magie, man darf sich vor den kräftigsten, gewalttätigsten, blutigsten Worten nicht scheuen. Man muss aufräumen. Tabula rasa. Man muss das große Gefühl, das eine große Gemeinschaft erzeugt, erzeugen."

Doch auch bei Beck gibt es die berühmte Achillesferse, auch sein Drachenblut - beziehungsweise das Eis -, in dem er gebadet hat, weist eine verletzbare Stelle auf, die Balàka in einer zweiten Ebene ihres Textes, der mit Motiven des Krimis arbeitet, schildert. Denn es mehren sich die Morde in Wien, die möglicherweise als Fememorde anzusehen sind, auf den ersten und auch noch zweiten Blick aber den beauftragten Kriminalisten merkwürdig unerklärlich erscheinen, bis Beck, der an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren möchte, auf den Plan tritt und das Muster durchschaut - ein Muster, das ihm, dem ehemaligen Oberleutnant, etwas zu übermitteln versucht.

Und wieder steht ihm die Vergangenheit vor Augen, das grässliche Gefangenenschicksal mit den zahllosen, oft tödlich endenden Verletzungen. Am Ende holt ihn die eigene wie die große Geschichte ein, tritt ein Racheengel von früher auf, der ihn an eigene, nicht gesühnte oder bereute Verbrechen, insbesondere den Verrat an Kameraden erinnert. Doch statt des Showdowns, der Ermordung Balthasar Becks vor den Augen von Frau und Kind richtet sich der andere Soldat selbst - und erzählt Beck schließlich der Tochter anderntags, womit dem notwendigen Erinnern dann die Wege ins Verdrängen und Vergessen, den fatalen Idiosynkrasien, gebahnt werden, dass es sich bloß um einen Theaterdonner gehandelt habe: "Ein Schauspieler! Verrückte Leutchen, diese Künstler. Er hatte der Familie nur einen gehörigen Schrecken einjagen wollen, sozusagen als Nachtrag zum Krampusfest. Alles Theater!"

Balàkas historischer Roman ist von ungeheurer Dichte und lässt doch dem Leser genügend Spielräume, selbst in die angedeuteten Lücken und Brüche, die schwarzen Löcher im Bewusstsein eines im Krieg schwer traumatisierten Protagonisten zu springen, um mögliche Erklärungsmuster zu finden. Dabei - und das verdient schließlich die Höchstnote - ist Balàkas Roman auf jeder Seite erzählt - und weder papieren ideologisch und wegdisputierend noch psychologisch deutend und aufschlüsselnd.

Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman. Droschl, Graz, Wien 2006, 380 S., 24 EUR


00:00 06.10.2006

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