Lebensfreude DIN A2

ALLTAG Sie kreieren Slogans und kleben weltweit Poster. Verkaufen müssen sie aber nichts. Die Plakatorganisation Loesje will mit Wortwitz die Blicke schärfen - für Menschliches und Unmenschliches

Das Plakat ist unscheinbar. Kein Bild, keine Farbe. Der Regen hat dem dünnen Papier zugesetzt. Eine Ecke fehlt, und vorübereilende Räder haben Dreckspritzer hinterlassen. "Ordnen Sie bitte sofort mal Ihre Kleidung" ist zu lesen. Einfache, dicke Lettern. Unten ein Logo: "Loesje" steht dort. Klein eine Postfach- und eine Internet-Adresse, sonst deutet nichts auf die Herkunft des Posters hin. Wer es liest, stutzt. Loesje?

Loesje, Luhsche ausgesprochen, ist ein niederländischer Mädchenname, fast vergessen wie im Deutschen Lieschen oder Käthchen. Doch nicht alle Loesjes sind betagt. Die Unterzeichnerin des Plakats zum Beispiel ist 16 Jahre alt und äußerst agil. Sie mischt sich ein, an unvorhersehbaren Stellen, und oft hat sie Treffendes zu sagen. Außergewöhnlich viele Menschen kennen Loesje. Sie ist kein normales Mädchen, sondern ein fiktives - lebendig in der Vorstellung der Loesje-Aktivisten. Mehr als 1.500 Menschen weltweit gehören der Organisation "Loesje" an. In kleinen Gruppen kreieren sie im Namen der jugendlichen Figur Sprüche, Gedichte, politische Kommentare, um sie in Plakatform zu veröffentlichen - in über 20 Ländern, auf allen Kontinenten.

An diesem Samstag ist Textwochenende. Fast zeitgleich sind die Loesje-Mitglieder in Holland, Schweden und Deutschland, in der Slowakei, in Slowenien und anderswo zum Texten verabredet: "Das Wetter, die Politik oder die Liebe, alles kann Thema sein", sagt Annie. Sie betreut das Büro von "Loesje-international" in Arnhem. Und nähme sie das Telefon ab, dann könnte sie mit Christian aus Bremen sprechen. Er braucht eine Faxnummer, die von "Loesje-Slowenien". Dort sammelt man in diesem Monat die Sprüche und stellt daraus die englischsprachige internationale Serie zusammen - acht Plakate. Am Montag sollen sie fertig layoutet und online zu besichtigen sein. Die Zeit drängt also, aber Annie geht nicht ans Telefon. Wie alle Loesjes brütet sie über Schmierzetteln, sucht den Satz zum Tagesgeschehen. Diesmal sinniert sie über Verkehrsstaus und die Diskusssion um innere Sicherheit. Christian versucht es in Schweden, wo man sich auf die Themen Skinheads, Friedensgespräche und Millenium geeinigt hat. Er erfährt die Nummer, und als wenig später eine zweite Aktivistin bei ihm eintrifft, ist "Loesje-Deutschland" startklar. Christian, 29, Student der Sozialwissenschaften und Ute, 28, Diplompsychologin, beginnen zu schreiben - Loesje, 16, legt los.

Themenfindung. "Grippewelle" und "Leute, die grimmig gucken" ist zu lesen, "Transrapid", "gelber Strom" und "Existenzgründer". Die Serie scheint tagespolitisch und jahreszeitlich inspiriert. Pro Wort ein Zettel, schnell sind fast zwanzig Überschriften beisammen. Dann heißt es, Loesjes Worte finden, keine eisigen Spitzen und auch keine Bierzeltkalauer. Loesje ist bekannt für ihre freundliche Ausstrahlung, schreibt die Organisation in einem Infoblatt, die Plakate wollen Auswege andeuten, nicht nur kritisieren. Ute und Christian fällt das nicht immer leicht. Sie sind älter als die meisten anderen AktivistInnen und teilen einen Hang zum Zynismus. "Die deutsche Loesje kann ein Biest sein", erklärt Christian und lacht. Das niederländische Wort "positief", mit dem Mitstreiter deshalb oft schon einen zuversichtlicheren Ton anmahnten, zitieren die Bremer gern. Auch jetzt fällt es hin und wieder. Sonst sprechen sie nicht viel, während sie die Blätter mit Einfällen über den selbstgeschliffenen Holzboden hin- und herschieben, der als Schreibtisch dient. Loesje ist konzentriert.

Assoziationen zum Transrapid: "Transrapid - denn ICE ist zu unsicher!" Zu böse. "Transrapid - und plötzlich ist sparen ein Fremdwort!" Zu lieb. Aber ein Anfang. Fremdwort? "Transrapid - Latein für: schnell weg". Dem haben die beiden nichts mehr hinzuzufügen. Ein kurzer Hingucker ist gefunden, ein Gedankenlenker. Dreißig Sekunden Auseinandersetzung mit dem Thema kann er seinen Lesern abluchsen. Das reicht. "Es geht uns nicht um die fressfertige Botschaft", betont Christian.

Diese Selbstbeschränkung werfen Linke Loesje gern vor. In all ihrer Freundlichkeit verblieben die Poster politisch im "Wischi-waschi", kritisieren sie. Dabei stammt Loesje selbst aus dem linksradikalen Spektrum. Sie ist ein geistiges Kind der niederländischen Hausbesetzerszene. Mit dem Ziel, aus ihrer politischen Isolation herauszutreten, traf sich 1983 ein kleine Gruppe in Arnhem. Die neun Frauen und Männer hatten es satt, als Chaoten und Bösewichter dargestellt und wahrgenommen zu werden, wollten den Presseberichten, die sie als Zerrbilder empfanden, eine eigene Öffentlichkeitsarbeit entgegensetzen. Jeder und jede, Akademikerin und Fußballfan gleichermaßen, sollte sich angesprochen aber nicht belehrt fühlen. Man wollte nicht in erster Linie informieren, man wollte Schüler, Leser, Fernsehzuschauer von ihren Beobachtungsposten locken, sie zur Meinungsbildung ermutigen und in Akteure verwandeln. Keiner Organisation, keiner politischen Gruppierung traute man diese Meisterleistung zu, einer gewitzten Sechzehnjährigen dagegen, einem Mädchen, das hintersinnige Fragen stellen würde, statt mit messerscharfen Analysen aufzuwarten, räumten die zukünftigen SprücheerfinderInnen durchaus Erfolgschancen ein.

So kommt am 24. November 1983 Loesje auf die Welt, ausgestattet mit einem Postfach, einer Unterschrift und einem jugendlichen Gemüt. Bereits die Geburt haben ihre geistigen Eltern per Plakat angekündigt, fortan unterzeichnet Loesje selbst - und gewinnt schnell Freunde. In verschiedenen niederländischen Städten finden sich Menschen zum Dichten und Kleben zusammen, und bereits 1985 fühlt man sich stark genug für ein größeres Experiment: Loesje kandidiert bei den Wahlen zum Nationalparlament und erhält aus dem Stand so viele Stimmen, dass ihr die Wahlkampfkostenrückerstattung ein beachtliches Taschengeld beschert. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag ist Loesje zu einer Organisation mit 67 lokalen Gruppen und fast 350 Mitgliedern herangewachsen, mit sechs Jahren groß genug für erste Auslandsreisen. Noch 1989 bekleben fünfzig Aktivisten Berlin und seine durchlässig gewordene Mauer. 1990 reist Loesje mit einem kleinen Bus und einer Plakatserie über die politischen Umbrüche der Zeit durch Osteuropa und trifft auf Interesse und Begeisterung.

Slowenien, die Slowakei und Russland gehören inzwischen zu den mitgliederstärksten Gruppen außerhalb Hollands, und ihr kreativer Output ist so ansprechend, dass er unlängst eine slowenische Werbeagentur zu dreistem Klau veranlasste. Doch der Sprung über die ehemaligen Systemgrenzen ist der Internationalistin Loesje nicht genug. Seit 1996 beklebt sie neben der real existierenden Welt auch die virtuelle. Rund 15.000 InternetnutzerInnen im Monat besuchen die Seiten der Organisation, als Computerausdrucke landen die Sinnsprüche an Bürowänden und Küchentüren. Auch ihr Logo, Loesjes Unterschrift, steht im Netz allen zur Verfügung. "Seither ist es schwer zu sagen, wo es Loesje gibt, und noch schwerer, wo es sie nicht gibt", erklärt Ute. Weil sie weltweit agiert, benutzt Loesje viele Sprachen und in jeder hat sie einen eigenen Charakter. So entstehen oft Sprüche, die - obwohl ins Englische übertragen - nicht allen Loesjeaktivisten gleichermaßen verständlich sind.

"Die Schweden sind an unserem "Schnecken sehen mehr von der Welt" nahezu verzweifelt", erinnert sich Christian. Den Spruch "Wer bist du und warum?", von den Deutschen philosophisch gemeint, empfanden die Loesjes in Holland als menschenfeindlich. Loesje-Deutschland dagegen hat Schwierigkeiten mit ungebrochen moralischen Plakaten. Die schlichte Feststellung "Wir sind reich", die im November in die internationale Serie aufgenommen wurde, oder der schwedische Vorschlag "Wenn ich Vater wäre, wäre ich es jeden Tag" wecken in Bremen kaum Plakatierlust. Unterschiedliche Wahrnehmungen existieren auch politisch. "Lies die Bibel, den Koran, Mein Kampf, Loesjes Texte - und denk selber", ein Spruch, den die Organisation für so treffend hielt, dass sie ihn ins Internet gestellt hat, wurde in Deutschland nicht verklebt.

Auf Grenzen der Übersetzbarkeit stoßen Christian und Ute auch an diesem Wochenende. Ihre Kreationen zum Transrapid, über "Gelben Strom" und Existenzgründerprogramme machen für nichtdeutsche Leser keinen Sinn. So schlagen sie für die internationale Serie nur allgemein Menschliches vor. Ein Spruch überzeugt Loesje weltweit und steht wenig später im Internet: "Leute, die grimmig gucken, wollen nur ihre Lachfalten kaschieren". Daneben fragt eine Kreation der Schweden: "Skinheads, wie gefällt euch die nordische Kälte?" Und auch eine Idee von Annie und ihrer Gruppe erreicht länderübergreifend Leser. "Psst. Hinter diesem Poster könnte sich eine Kamera befinden" steht auf einigen der 50 Plakate, die Christian und Ute verkleben. Es thematisiert eine Entwicklung, deren Kritik ihnen besonders am Herzen liegt: Die zunehmende Überwachung, Vereinheitlichung und Säuberung des öffentlichen Raums im Namen der inneren Sicherheit. Dahinter vermuten sie staatliche und privatwirtschaftliche Interessen, nicht die der Allgemeinheit. "Wenn wir Leute ansprechen, ohne ihnen etwas verkaufen zu wollen, geht es uns auch darum, der Werbelandschaft in den Straßen Orte abzuringen, die allen gehören und nicht den Meistbietenden", erläutert Christian die politische Motivation für sein Handeln. Anders als anderen Loesjeaktivisten, hat ihm die fortgesetzte Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit, noch keine Strafverfahren eingebracht: "Wir tun ja nichts Böses" schmunzelt er, "und die meisten Polizisten wissen das auch".

Die Plakate finden sich im Internet unter

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00:00 28.01.2000

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