Leidenschaftlich für das Kühle

Ostmoderne Unter dem Schlagwort "Ostmoderne" formiert sich ein kulturkritischer Diskurs

Suhl wäre eines der kleinen Provinznester mit von Kaufcentern angeschwollenen Mumpsbacken, gäbe es nicht zwischen altstädtischem Fachwerk und Shoppingarchitektur einen Moment von Größe - auf halbem Wege zwischen Berg und Tal ruht ein feingliedriger, wie gestrickt wirkender Kubus. Das ehemalige Centrum-Warenhaus.

"Dieses Gebäude strahlt noch immer den Charme der Zukunft aus, auch wenn es schon vor Jahrzehnten erbaut wurde, so ist es doch immer noch einzigartig schön" - heißt es auf dessen Internetseite. Hier findet man zur Zeit die bedenkenswertesten Argumente für einen behutsamen Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR. Busfahrer aus Großenhain und Hausfrauen aus Suhl, Architekten aus Wien oder Therapeuten aus dem Bergischen Land geben sich hier buchstäblich die Klinke in die Hand, um jene Inkunabel der sechziger Jahre im letzten Moment noch vor ihrer Zerstörung zu retten. Wo öffentliche Bauverwaltungen und Denkmalämter nur noch über mangelnde Gelder reden, treten ersatzweise Initiativen auf den Plan, die über baukünstlerische Qualitäten, planerische Möglichkeiten und Fragen des kollektiven Gedächtnisses diskutieren. Sie thematisieren den substantiellen Umgang mit der im öffentlichen Raum manifestierten jüngsten Vergangenheit - der bislang eher schlecht beleumundeten Moderne.

In Suhl prägt das akut rückbaubetroffene Warenhaus mit seiner filigranen Strukturfassade noch immer das Zentrum der thüringischen Stadt. Von Altstadtliebhabern möglicherweise im Stadtkörper als zu groß und fremdartig empfunden, nimmt der unvoreingenommene Betrachter überrascht die hohe Gestaltungskultur und ästhetische Noblesse der Moderne wahr. Das im Gegensatz zu seiner schieren Masse schwebend leicht wirkende Gebäude vermittelt an einem Geländesprung städtebaulich sensibel zwischen der dicht bebauten Altstadt und dem zu einem weiten Panorama geöffneten Zentrumsensemble aus der Zeit der DDR. Dank seiner kunstvollen Metallfassade und einer bizarren konstruktivistischen Fächertreppe ist das Gebäude das, was man gemeinhin eine Landmarke nennt.

Auch als künstlerisches Unikat ist es nicht unbedeutend. Das von dem erstklassigen Metallgestalter Fritz Kühn entworfene Faltwerk und die in einem Stück geschmiedete Treppe von Waldo Dörsch erinnern an Vorkursarbeiten aus dem Bauhaus, jene erfinderisch aus Fläche, Punkt und Linie entwickelten räumlichen Konstruktionen. Als ästhetisches Pendant der bald inkrimierten schwarzen Vasen und experimentellen Spielfilme bezeugt die Gestaltung des Suhler Warenhauses den öffentlichen Auftritt einer um 1965 aus dem Realismus-Dogma ausbrechenden Kunst.

Dank ihrer bautypologischen Niederrangigkeit und ihrer gebäudetechnischen Spezifik wurden gerade die Kaufhäuser von den Architekten zum willkommenen Träger einer elementar materialästhetischen Moderne, die - mit den Worten von Adolf Behne - nicht mehr länger "ein Schönes darstellt, sondern selbst ein Schönes ist." Als seltene Zeugnisse konkreter Kunst in der DDR verleihen die Werke von Kühn und Dörsch Suhl seither eine Aura von Kreativität und Poesie. Bezieht man auch das Café und den ehemaligen Betriebskindergarten auf dem Kaufhausdach in die Betrachtung ein, offenbaren sich über die formale Schönheit hinaus als programmatische Werte funktionale Vielfalt und sozialer Sinn.

Selbstverständlich war selbst ein Warenhaus in der DDR mehr als rein gewerbliche Infrastruktur, sondern wurde von den Architekten als Medium betrachtet, ihre ästhetischen Überzeugungen und berufsethischen Werte in den Alltag zu tragen. Von der Kugelaußenhaut des Berliner Fernsehturmes bis zu den hyperbolisch parabloiden Geometrien der Schalenbauwerke entstanden Mitte der 60er Jahre eine Reihe von stilprägenden Bauwerken, die bauzeitlich beginnend mit dem Haus der Schifffahrt in Rostock über das Leipziger Messeamt oder die Chemnitzer Bürohäuser 1 und 2 bis etwa zum Dresdener Kulturpalast, die DDR-Moderne auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten zeigen.

Um diesen engeren Kreis von potentiellen Baudenkmalen wird ihrer evidenten Schönheit willen unter dem Stichwort "Ostmoderne" seit längerem ein ebenso phantasievoller wie aussichtsloser Kampf geführt. Seit es im abrissbedrohten Berliner "Ahornblatt" bizarr-schöne Tangonächte gab oder das zum Display verwandelte Haus des Lehrers am Alexanderplatz die digitalen Bildnachrichten des Chaos Computer Club in die Stadt beamte, haben vor allem junge Leute ihr Sensorium für die gute alte Moderne geschärft. Sie haben zunächst ausprobiert, was man mit den konkret schönen Häusern aus den 60er Jahren wohl alles anstellen kann. Es zeigte sich, dass gerade die "geschmacksneutralen", idealtypisch transitorischen Räume sich ideal zur eigenwilligen Inbesitznahme und spielerischen Neuinterpretation eigneten. "Unmittelbar zugängig, unpathetisch, auf sehr charaktervolle Weise banal", hat eine Bildhauerin ihr neu erwachtes Interesse an der modernen Tradition beschrieben. Ähnlich hat Klaus Schlesinger die Ostberliner Ensembles der Sechziger als "historische Erholungslandschaften" beschrieben. Er meinte Räume, in denen man unbehelligt von monumentalen Gesten und rhetorischen Appellen vor allem entspannt flanieren kann. Wer sich ein bisschen in der Zeit auskennt, wird dabei vielleicht an den hüftschwingenden Gang von Rolf Römer denken und sich erinnern, wie er in einem betongrauen Raum die Gitarre stimmt. Es war Jürgen Böttcher, der seinen Helden vom "Jahrgang 1949" nirgendwo so sehr bei sich sein ließ, wie in dem allerersten, gerade rohbaufertigen Plattenbau der DDR. Frei von historischen Reminiszenzen zu Füßen eines der Berliner Trümmerberge errichtet, war der Filmemacher bereit, die schroff ungemütlichen, maskenlos ehrlichen Häuser am Fennpfuhl als Versprechen auf eine mögliche, voraus liegende Heimat zu deuten.

Wahrscheinlich transportieren die baulichen Zeugnisse jener Zeit die latent eingeschriebene Hoffnung der damals Jungen, der ersten deutschen Nachkriegsgeneration, in der Moderne dem autoritären Gestus der Tradition und den verlogenen gesellschaftlichen Konventionen entkommen zu können. So rühren sie an das Lebensgefühl der heute einen Weg ins Leben Suchenden. Je problematischer deren Integration ausfällt, desto brennender das Interesse an der Moderne. Die diesbezüglichen Diskurse werden komplexer; der Zugang erweist sich als Gegenteil einer nostalgischen Rückschau. Es geht um die eigene Position in der Welt.

"Heimat Moderne" haben Leipziger Kulturproduzenten im Jahr 2005 die "Experimentale Nr. 1", ein Kulturfestival rund um die Ausdeutung und Erkundung der Leipziger DDR-Jahrzehnte genannt. Die Veranstalter haben ihr Interesse als "paradoxe Sehnsucht nach einer Vergangenheit" beschrieben, "die ihrerseits Vergangenheit ablehnte." Das sei nur erklärlich, wenn man diese Retrospektive als "Verlangen nach den Fantasien und Wünschen begreife, die einst möglich waren". Leipzig, die zeitweilige Heimat von Ernst Bloch, hat sich auf die Suche nach dem Überindividuellen, nach gesellschaftlicher Relevanz, nach kommunikativen Gehalten begeben und das im alten modernen Material Gesuchte, den "bewahrenswerten utopischen Funken" genannt. Die Notwendigkeit einer solchen Expedition war aus den hitzigen Leipziger Debatten um Sinn und Widersinn des Neuaufbaus der Paulinerkirche erwachsen.

Blättert man in den entsprechenden Internetforen, lernt man die erstaunlichsten Motive kennen, die Unterstützer des modernen Erbes umtreiben. Da führt beispielsweise ein prominenter sächsischer Schauspieler passioniert einen ganz persönlichen Aufklärungsdiskurs gegen die Auffassung, die Stasi und Repression habe die DDR dominiert. Eben das ganze Gegenteil sei wahr gewesen. Im Gegensatz zur umlaufenden Meinung sei es ihr nie gelungen, wirkliche Macht über die Menschen zu erlangen.

Gleichermaßen erstaunlich ist die Sehnsucht nach professioneller Integrität, nach gesellschaftlicher Wirksamkeit, die in Wortmeldungen vor allem jüngerer, zumal westdeutscher Kulturproduzenten aufscheint. "Die Architektur der DDR ist so monumental, modern und utopisch, so abstrakt im Gedanken wie gesellschaftlich konkret, dass sich heute, in Zeiten des Umbruchs und der Nervosität, eine Renaissance ihrer Wirkmächtigkeit entfaltet", versucht ein Filme machender Architekt sein Interesse für eine Großwohneinheit zu Füßen des Berliner Fernsehturmes zu erklären. Seine Dokumentation überrascht mit einem neuen, respektvollen Blick auf die Figur des Architekten in der DDR. Fast scheint es, als neide der junge Berufskollege den Interviewten ihre frühere Rolle im Prozess der Umweltproduktion, vor allem den generalistischen Blick und den tatsächlich stadtgestalterischen Zugriff aufs Ganze.

Das ist neu im Diskurs über die DDR. Denn bisweilen hat man sie als Staat der Schriftsteller beschrieben, doch gänzlich als Land ohne Architekten. Weil selbst die augenfälligsten Bauten nicht prominent signiert waren und man fast nichts über ihre Urheber wusste, fiel es um so leichter, nahezu die ganze "gebaute DDR" als Ergebnis politbürokratischer Staatsaktionen zu denunzieren. Und in der Tat war in der Berichterstattung der DDR jederzeit der vom Bauarbeiter dominierte Produktionsprozess wichtiger als das intellektuelle Konzept. Erstmalig gibt es gegenwärtig ein öffentliches Interesse an Intentionen und Praxis einer Berufsgruppe, die vierzig Jahre lang nur das Selbstverständliche tat. In einem alle Gewerke einschließenden reproduktiven Zyklus war Ihnen aufgegeben, Landschaft zu Heimat zu fügen und dabei ganz in der Arbeit für den Ort aufzugehen; dem Schicksal der eigenen Stadt treuhänderisch verpflichtet.

Was dieses lautlose, im wesentlichen anonyme Engagement anfeuerte, war die im Geschichtsverständnis der DDR wie in der Ideologie des Plans begründete Überzeugung, aus dem arbeitsteilig in einzelne Projekte zerfallenden Tun über Jahrzehnte hinweg erwachse ein kultureller Sinn, ein zivilisatorisches Ganzes. Es ist der Vergleich mit einer mittlerweile völlig veränderten Praxis, der heute diesen namenlosen Architekten zu unerwarteter Anerkennung verhilft.

Fast alle gefährdeten Zeugnisse der "Ostmoderne" stehen einem Verwertungsdruck im Wege, der keine baukulturellen Parameter, sondern bestenfalls mittelfristige Investitionszyklen kennt. Unter diesen schwierigen Umständen ringen die Aktivisten des begonnenen Umwertungsprozesses um eine stetig schwindende Ressource: um ästhetische Sensibilität und um die endliche materielle Substanz. Absehbar ist jetzt schon, dass sich die öffentliche Meinung im Hinblick auf die kulturgeschichtlichen Zeugnisse der DDR eines Tages wenden wird. Bis dahin allerdings dürfte das Wertvollste zwischen Saßnitz und Suhl von den Sachwaltern des öffentlichen Interesses längst preisgegeben worden sein.

Zum Weiterlesen:

Katja Heinecke und Jan Wenzel (Hrsg.): Katalog Heimat Moderne zur Experimentale 1, Leipzig 2005.

Zur Debatte um das Suhler Kaufhaus und die Ostmoderne: www.suhlermoderne.de, www.restmodern.de, www.zornigekinder.de


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 15.09.2006

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare