Leidensflanör, gefolterter

Berliner Abende Ich hatte eine Erscheinung. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu reden. Es war eine Scheißwoche auf Berliner Scheißniveau. Als das Berliner ...

Ich hatte eine Erscheinung. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu reden. Es war eine Scheißwoche auf Berliner Scheißniveau. Als das Berliner Scheißniveau mein Gemüt so angefressen hatte, dass es aus ganzheitlichen Gründen unabdingbar war, meine selbstverordnete Alkpause abrupt zu beenden, da hatte ich sie. Das Berliner Scheißniveau rührt daher, dass die Stadt eine Größe hat, die ausreicht, um für jeden Schwachsinn ein paar hundert Beladene auf die Beine zu bringen, und den Mut dazu, dass man sicher sein kann, von den Verarschten nie mehr gesehen zu werden. Und natürlich von der ins Reich gewischerlten Selbstentzündung am zwangsmobilen "Kreativkapital". Ich also in dieser Woche Abend für Abend am Flanieren, zum Beispiel mit der Führung "Auf den Spuren von Gespenstern und Sagen in Altberlin". Eigentlich gute Voraussetzungen: Gewitter am Firmament, Wehen des Windes 1A. Kommt um 22 Uhr ein Herr mit Dreispitz und schwarzem Umhang angerauscht, zündet ein Kerzerl an, stellt sich als Nachkomme eines Nachtwächtergeschlechts vor, kassiert acht Euro und rast los, dass die 30 angetretenen Hausfrauen aus dem Westen kaum hinterherschnaufen können. Statt in pulsierendem Kreise um mich zu wogen, mir ihr Leben zu offenbaren, zerreißt das Gegacker zu einer langen lückenhaften Perlschnur des Hastens. Sprachlosigkeit aus Atemnot. Und der Nachtwächter zeigt in die Dunkelheit, von außerordentlichen Fassaden aller Epochen berichtend, die nächtens kein Mensch sehen kann. Keine Grüfte, keine Gespenster, keine Schänken des Verderbens. Ein paar laue Legenden gepfropft auf eine Blindenführung durchs Nikolai-Viertel. Als Rettung schien, eine Einkehr ins älteste Lokal der Stadt anvisiert war, hatte "Zur letzten Instanz" bereits zu. Det is Berlin. Erste Flucht. Noch keine Erscheinung.

Zwei Abende später in der schwer nach Abtritt möpselnden Humboldt Universität: Ein Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien verspricht "Geteiltes Land, Geteilter Sex?" Nation und Sexualität in DEFA Filmen. Interessant. Nein, dieses Ost-West-Gekasper ist nicht ausgelutscht! Immer wieder findet jemand delikate G-Points. Frau Betheny Moore, von der University of Massachusetts, zeigt DDR-Aufklärungsfilmchen durch die Jahrzehnte. Abgesehen davon, dass die DEFA-kompetente Referentin von didaktischer Armut sondergleichen war und sich für die versprochen Fragestellung nicht die Bohne interessierte - das Blödeste waren die Studenten. Völlig unaufgeklärtes Rumgekicher bei jedem Aufklärungsaufschwung der Altvorderen. Diese Studierenden verstanden weder die Sprache noch die Nöte der Zeiten, bei jeder Bügelfalte lachten sie sich schlapp, als hätten sie jetzt das Pflichtfach "versteckte Kamera". Als dann, Tage nachdem die anale Bearbeitung geschichteter Muselmanen durch gleichberechtigte amerikanische Frauen in der Welt war, die veranstaltende Dozentin beim schlichten, dokumentarischen Abdrehen einer badenden gemischten Schulklasse renitent den männlichen Blick entdeckte, mag sein, erregt von der naturgemäß größeren Fleischigkeit pubertierender Mädchen: Flucht II. Verbitterung, aber noch nicht die Erscheinung.

Wiederum zwei Abende später in der indischen Botschaft: Versprochen waren Botschaften über Ayurveda. Juwelen, diese neuen Botschaften in Berlin! Die indische nicht. Nicht von innen. Verblühte Kunststoffwasserrosen in säuischen Farben (Woolworth?) lassen sich mäßig von Wasser massieren. Hunderte von Menschen lassen sich klaglos erzählen, dass sie Luft, Wasser, Erde, Feuer und Raum zum Leben brauchen. Die Doshas - Vata, Pitta und Kapha - werden nachlässig gestreift. Dann ist es zu Ende. Kein Wort über meine Kadaverine, Putriszine oder Spermidine, nicht die kleinste Andeutung, wie ich mein "Verdauungsfeuer" löschen könnte. Meine Furunkel brüllen auf, statt von wissenden Maharishis gelindert zu werden. Hunderte Menschen dürsten mit mir, während auf der Bühne der peinlichste Clown aller Zeiten sinnlos meine Ama potenziert. Flucht III.

Dann die Erscheinung: Ich gehe heimwärts heillos. Plötzlich kümmert er vor mir: Der Papst! Ich stehe geschlagen. Erschüttert. Der Schmerzensmann, gebeugt in seinem Leidensgeschirr. Rund der Rücken, die Ohren zur Erde, zur Mutter hin gekrümmt vor dem Dom! Und da mir der Verstand von der Brücke zu tropfen droht, klärt sich das Bild des Hl. Vaters zu einem ins Zaumzeug geschnürten alten Kurzhaardackel, gekrümmt in zitternder Ruh. Glaubt es: Sein Ebenbild. Emanation, Transsubstantiation durch pures Leid im Vollbild. Aber det macht Berlin. Beziehungsweise dette.


00:00 04.06.2004

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