Leopoldtstädter Gefühle

Stammtisch Artgerechter Lebensraum verschwindet – auch in Wien. Aber nicht das Cafe „Heine“, wo unser Autor seine Schreibstube hat

Rund 300 Meter entfernt fahren die Autos pausenlos mehrspurig um den Praterstern und den Nordbahnhof herum, direkt neben dem Eingang zum Wurstelprater, den man zu einer armseligen, disneyhaften Amüsiermeile entstellt hat. Und kaum einer bemerkt noch Admiral Tegethoff auf seiner Säule, der in die Leopoldstadt, den zweiten Wiener Gemeindebezirk, schaut, vielleicht, um ein paar Freudenmädchen auszumachen.

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Am Praterstern endet neben einem großen Parkplatz die Heinestraße, deren Nebengassen zuvor einen kleinen, mit im Boden befestigten Bänken und wucherndem Grünzeug hübsch hässlich aussehenden Platz bilden, in dessen Zentrum ein auf einer Art Stahlfeder befestigtes Schaukelpferd wie das post mortem eines Kinderspielplatzes aussieht.

An dieser Stelle Wiens, gegenüber dem viel kleineren Café Else, einst ein viel besuchter Ort der Rotlichtwelt, steht das Café Heine, ein lang gezogenes Kaffeehaus mit zwei Räumen, einem Separee und im Sommer einem angenehmen Schanigarten zum Draußen-Sitzen, an dem vorbei jeden Abend die Hundebesitzer ihre Lieblinge zum letzten Trümmerl-Ablegen führen. Der Fernseher im Schankraum ist gottseidank reine Staffage, und die kleinen Hartlaubgewächse auf den Fensterbrettern des wahrscheinlich in den achtziger oder neunziger Jahren renovierten Gasthauses zeigen, dass auch das Leben der Topfpflanzen nicht immer glücklich verläuft.

Hier, am Anfang der Vorstadt, treiben sich inzwischen ausreichend Kleinkriminelle und Streuner aus den Ghettos herum. Dank der hervorragenden Infrastruktur der Wiener Verkehrslinien sind sie auch als Schwarzfahrer schnell vor Ort. Aber im Café Heine spürt man davon wenig, es ist ein relativ geschützter Ort. Tagsüber wird er von Frau Elke regiert, eine außergewöhnliche Kellnerinnenpersönlichkeit, die das Kaffeehaus als Teil ihres Lebens betrachtet und es als Frau Gebhart nach Schichtwechsel wieder verlässt. Der lange schwarze Rock und die weiße Bluse der Serviererin sind dann abgelegt. Sie ist in den Vierzigern weiterhin eine attraktive Frau, immer in Schale, Mutter einer längst verheirateten Tochter und begeisterte Oma eines sieben Jahre jungen Wieners namens Deniz.

Frau Elkes Kurzhaarfrisur, die zur Stirn spitz zuläuft, changiert im dunklen Rotbereich auf schwarzem Grund, und wenn man den scharfen Strich ihrer Augenbrauen und die dunkle Farbe des Lippenstifts dazunimmt, denkt man von ferne an Liza Minelli und außerdem an Einsteins Relativitätstheorie. Denn Frau Elkes Einsatz für ihre Stammgäste ist unendlich wie das Universum, aber auch begrenzt. Denn sie lässt sich, wenn sie herumsaust wie auf unsichtbaren Rollerskates, nicht auch noch schikanieren. Bestelle ich mir beim Mittagsmenü zwei Beilagenänderungen, fragt sie: „Is Ihna fad im Schädel, Herr Professor?“ Was aber im Grunde nur so viel bedeutet wie „Kommt gleich“. Unter ihrer Obhut schreibe ich seit zwei Jahren im „Heine“ meine Texte, an einem eigenen Stammtisch, mit Hundedecke für Tommy und Leckerlis. Was man in solchen Restaurationen bekommt, kann man sich nicht runterladen.

Das Wagnersche Imperium

Mittags kommt manchmal Frau Elkes Mutter vorbei, eine Rentnerin mit einem leuchtenden Pumucklkopf, die ihr nicht leichtes Leben auch in der Gastronomie verbracht hat, bei den echten Wienern, nicht im Ersten Bezirk. Sie musste die Kinder allein durchbringen, als allein erziehende Mütter noch in einem anderen Ruf standen. „Sie kennen das Leben nicht, Herr Professor“, warnt sie mich bisweilen und hat sich trotz Enttäuschungen eine Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft bewahrt, wie sie nur noch in Wiens Außenbezirken vorkommt. Wenn sie vermutet, dass ich alleine in meiner Wohnung bin und mich langweile, ruft sie auch noch abends an. Ich bereite mich dann vielleicht gerade widerwillig auf eine Burgtheaterpremiere vor, und das Telefon klingelt. „Herr Professor, heut spielt’s im Fernsehen Die purpurnen Flüsse.“

Sie ist Krimifanatikerin und an Zeitgeschichte interessiert. Oder sie steht mit einem selbst gemachten Gulasch vor der Tür: „Herr Professor, Sie müssen was Anständiges essen!“ Und wenn sie einmal Geld annimmt für ihre Mühen, kommt sie am nächsten Tag mit einer sündteuren Decke für Tommy, weil er ihrer Meinung nach keine anständige hat. Oder mit einer Mikrowelle, die sie ächzend herbeischleppt – sie neigt zu asthmatischen Problemen –, weil sie glaubt, ich sei der einzige Mann auf der Welt, der keine hat. Ich bin überhaupt nicht traurig darüber, dass ich nicht auf Facebook bin.

Herr Wagner, der das Café mit seiner Frau, einer wahren Modellschönheit, leitet, hat neben dem „Heine“ noch das „Dreivierteltakt“ und das bekannte „Zartl“ im Dritten Bezirk. Außerdem ein Wirtshaus im Süden in Favoriten und ein Café in Oberösterreich. Er selbst stammt aus Niederösterreich, aus Waidhofen an der Ybbs. Er wirkt so lässig wie ein Wiener Collegeboy, zehn Jahre nach dem versäumten Doktorat, voller Lebenserfahrung statt akademischen Wissens und von großer Durchsetzungskraft, die er wohl auch brauchte. Die Eltern waren ohne Geld, der Vater Baggerfahrer und die Mutter hat im Freibad den Müll aufgeräumt. Trotzdem absolvierte er die Hotelfachschule in Bad Hofgastein und transportierte danach, weil er ja in keinen elterlichen Betrieb einsteigen konnte, Erdäpfelsäcke in der Wiener Straßenbahn zu dem Geflügel­imbiss, in dem er jobbte. „Alles von Null selber aufgebaut“, sagt Herr Wagner.

Er hat dann ein Gasthaus und ein Nachtlokal sehr erfolgreich geführt und sich von der Ablöse sein kleines Imperium geschaffen, obwohl die Gastronomie auch in Wien heute kein Honiglecken mehr ist. „Wenn dann die Stromrechnung daherkommt, bist du deppert, dann musst’ wieder die Behörden anbetteln. Das ist so, und ich mach da gar kein Geheimnis draus“, sagt er. Aber er macht es gern, an seiner Seite diese immer adrette Frau, deren Lächeln nicht nur professionell, sondern auch herzlich ist, nicht imitierbar. Auch wenn ein Gast, der zwei Männer hereinkommen sieht, in denen er Türken vermutet, mit Bärenstimme ruft: „Da schau, da san’s, die Integrierten!“ Aber die Stimmung im Lokal ist anders, und durch den Unternehmergeist der Wagners und Frau Elkes Einsatz wird artgerechter Lebensraum erhalten, der auch in Wien immer mehr verschwindet. Man bekomme kaum Köche, die noch Hausmannskost beherrschen und Kellnerinnen, speziell österreichische, schon gar nicht, auch weil das Nettoeinkommen nur 250 Euro über der Mindestsicherung liege. „Die Elke ist sicher eine Ausnahme“, sagt Herr Wagner.

Ihr erster Freund, sie war gerade 15, war 17 Jahre und Drogist. Der nächste war Anstreicher, 1,96 Meter groß und hatte stahlblaue Augen. Der dritte war Kellner, und sie haben sich selbstständig gemacht. „Ich hab an die perfekte Ehe geglaubt und dann im Duden nachschauen müssen, wie man Treue schreibt“, sagt Frau Elke und dass „Treue und Liebe im Gastgewerbe nicht funktionieren“. Ihre Tochter war 13, als es zur Scheidung kam. Nach Jahren des Schuftens und Duldens habe sie mit ihrer Tochter die Freuden des Lebens entdeckt. „Urlaub, schwimmen gehen …“ Für einen Nicht-Österreicher schwingt trotz der konkreten Krassheit mancher dieser Lebensgeschichten im Leid immer noch ein bisserl Horváth mit und in den Happy-Ends ein bisserl Wien-Film. Frau Elke jedenfalls hat die Enttäuschungen der Idealistin hinter sich, ist keineswegs verstimmt und nicht unterzukriegen, auch nicht durch den Lärm, den die Mischmaschine der alten Kartenspielerinnen erzeugt, die meistens schon am Vormittag kommen.

Das gehört auch zum Service

Die Wiener Boulevardzeitungen genügen im „Heine“, um die Lektürebedürfnisse der Gäste zu stillen. Nur die liebenswerte Witwe Mitte achtzig, die täglich das Mittagsmenü verzehrt und ein Sommerhäuschen in der Peripherie hat, geht in die Oper und in die Burg, wo sie neulich nach einer „Was ihr wollt“-Inszenierung des Burgtheater-Chefs Matthias Hartmann auf den Foyertreppen stürzte. Die lebensfrohe Frau, die ihren Hund früh oft als erste ausführt, kommt auch regelmäßig mit ihrem Lebensabschnittsgefährten vorbei, zum Flaschenbier trinken, „Hirter“-Pils. Ein Frühpensionist um die 50, der leidenschaftlich ­politisiert, würfelt mit einem ehemaligen Praterkellner, und wenn der Herr Helmut dazukommt, von dem Herr Wagner sagt, dass er ein „Strizzi“ sei, spielen sie Karten. „Wieviel hast noch laufen“, fragt Herr Wagner, und Herr Helmut, immer freundlich, auch zum Hund, den er gerne bisweilen als „mein kleiner Werwolf“ anspricht, immer sehr gepflegt, antwortet seriös: „Nur mehr zwei.“ Am Abend bedient dann Frau Anna, eine Polin in ihren mittleren Jahren, deren Begabung zum Harmonischen alle Widersprüche des Kaffeehauses übertüncht.

So geht das Leben hin im „Heine“. Neulich rief eine Frau, die sonst nicht auffiel, ständig: „Oh, meine heißen Tränen!“ Sie galten ihrem Lebensgefährten, einem pensionierten Journalisten, der gerade ins Krankenhaus gekommen war, von ihrer Mutter hatte man ihr mitgeteilt, dass sie im Sterben liege, und außerdem hatte sie sich den Arm gebrochen. Frau Elke, die ihre Sensibilität ungern zeigt, hat sie dann heimbegleitet, in Richtung ihrer Wohnung. Das gehört zum Service einer Restauration, in der jeder weiß, dass es bisweilen hart ist im Leben.

Schon am Anfang seines Schaffens verkündete der bayerische Allround-Künstler Herbert Achternbusch am Beispiel des heiligen Berges zwischen Starnberger See und Ammersee, obendrauf das Kloster Andechs, das „Andechser Gefühl“. Es sei ein Gefühl, dass man nicht alleine ist. Vielleicht war das auch das Geheimnis der Stammkneipen und Kaffeehäuser, wohin man sich zurückzog. Zum Schreiben, zum geselligen Trinken und Rauchen, zum Karten- oder Schachspielen. Oder als einzelner Schweiger zum Grübeln. Sie waren ein Stückchen Trost.

Im Grunde ist das alles schon Vergangenheit. Die Lebensweisen der fitten Opportunisten von heute sehen anders aus. Das muss ja eo ipso nicht schlecht sein. Nichts bleibt, wie es ist, und jedes Lokal macht einmal ein bisserl zu. Die Zeit rast weiter. Es war ja nicht falsch, als damals in irgendwelchen Kaschemmen Cliquen saßen und sich die Köpfe heiß redeten über Politik und man dann hinging. Als es noch öfter mal an der Tür klingelte, ohne Verabredung, man persönlich vorbeikam und nicht das Handy ein SMS ankündigte, mit „LG Eva“. Als auch Texte wie diesen Redakteure noch persönlich mit dem Autor beredeten, statt sie irgendwie zu vernetzen. Wir sind doch Herdentiere!

Für die Megacitys von morgen arbeitet man bereits an speziellen Psychotherapien. Wenn mir der Therapeut als einziger Gesprächspartner bleibt, ziehe ich mich allerdings mit meinem Hund nach Franken zurück. Und grüble ich im „Heine“ in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Aber um Mitternacht kommt ja Frau Annas Gatte, ein freundlicher, bäriger Typ, um sie heil aus dem Zweiten Bezirk nach Hause zu bringen. In der Animierbar gegenüber meiner Wohnung rufen braune Schönheiten Männern hinterher. In der Studenten-WG nebenan herrscht ausnahmsweise Ruhe, und acht Stunden später sperrt Frau Elke das „Heine“ wieder auf, um das erste Frühstück zu servieren. Ein großer Brauner, eine Buttersemmel und zwei Eier im Glas. Die Strukturen halten noch, und alles fängt wieder von vorne an, wie es scheint. Bis es aus ist.

Helmut Schödel ist Dramaturg und Autor in Deutschland und Österreich

11:35 18.08.2011

Ausgabe 21/2020

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