Louisenlund: Vorzeigeschule macht ihre Lehrpläne radikal digital

Lernen Nach der Pandemie ist vor der Bildungsrevolution: Das Internat Louisenlund in Schleswig-Holstein löst das Klassenprinzip zugunsten individueller Stundenpläne komplett auf
Hauptgebäude des Internats Louisenlund bei Güby
Hauptgebäude des Internats Louisenlund bei Güby

Foto: Carsten Rehder/Picture Alliance/dpa

Auf Louisenlund sagen einige, es sei die Zeit ihres Lebens gewesen. Die Wochen, als sie das Gelände nicht verlassen durften. Als draußen die Schulen geschlossen waren, aber hier drinnen im Internat das Leben weiterlief – fast so, als gäbe es keine Pandemie. Mit vollem Unterricht, mit Sport und Segeln, mit Fußballturnieren am Wochenende. „Wir haben unsere eigene Blase gebildet“, sagt Peter Rösner, der Schulleiter des Internats im hohen Norden. „Nach der Ankunft zwei Wochen Quarantäne für jeden, Schüler wie Lehrer, dann das ganz normale Schulleben.“

Soweit man das, was das Schulleben auf dem weitläufigen Parkgelände direkt am Ufer der Schlei ausmacht, als normal bezeichnen will. Ein weiß getünchtes Schloss aus dem späten 18. Jahrhundert, davor die Sonnenuhr und der Bootsanleger, drum herum gruppieren sich Sportplätze und die Gebäude zum Wohnen und Lernen. Eine staatlich anerkannte Privatschule in Schleswig-Holstein, die man früher als Landerziehungsheim bezeichnete. Vor allem für die Kinder aus reichen Familien.

Doch ist das nur der eine Teil der Geschichte von Louisenlund. Der andere ist, dass die 1949 gegründete Schule von Anfang an als Reformprojekt geplant war, das Unterricht anders denken wollte als in den Nachkriegsjahren üblich. Frei von Drill und kindzentrierter. Als Kombination von Bildung und Erziehung. Unterstützt vom Salem-Gründer Kurt Hahn, der als Vordenker der Erlebnispädagogik gilt.

70 Jahre später schickt sich Louisenlund erneut an, die Schule der Zukunft auszuprobieren. „So sehr wir in der Pandemie gemerkt haben, dass es ohne Präsenzunterricht nicht geht“, sagt Schulleiter Rösner, „so sehr sind wir davon überzeugt: Unterricht wie vor der Pandemie, das geht auch nicht mehr.“

Keine Klassen mehr in Louisenlund

Darum wird Louisenlund vom kommenden Schuljahr an das Klassenprinzip komplett auflösen. Als erste Schule in Deutschland, wie Rösner behauptet. Jeder Schüler und jede Schülerin wird sich künftig einen eigenen individuellen Stundenplan zusammenstellen. Frei von Frontalunterricht, unterteilt in Module, die digitale Anteile mit dem sozialen Lernen in Gruppen verknüpfen. „Wir ziehen das jetzt durch“, sagt der Schulleiter.

Rösner, 49, ist promovierter Physiker. Bevor er 2014 nach Louisenlund kam, war er Gründungsgeschäftsführer des „Hauses der kleinen Forscher“, das sich zur größten bundesweiten Initiative für die Bildungsförderung von Kita- und Grundschulkindern entwickelt hat. Das Ziel: Erzieher und Lehrkräfte so weiterbilden, dass sie den Entdeckergeist von Kindern fördern und sie beim forschenden Lernen begleiten. Das war auch der Anspruch, den Rösner jetzt an sein Kollegium stellt. Lernbegleiter sollen die Louisenlund-Lehrer sein. Jedem Schüler und jeder Schülerin sollen sie dabei helfen, den besten Weg für sich zu finden.

Klingt toll, wie aus einer Werbebroschüre. Aber damit mehr daraus wird, hat sich Rösner Unterstützung besorgt. Einen, der genauso getrieben ist wie er selbst. Jürgen Handke, emeritierter Anglistikprofessor und vielfacher Lehrpreisträger, der jüngst 68 geworden ist. Doch von Handkes Alter sollte man sich nicht täuschen lassen. Der Mann hat noch etwas vor. Er hat quasi im Alleingang die weltweit größte digitale Lernplattform für die englische und allgemeine Sprachwissenschaft aufgebaut, für seinen Youtube-Kanal hat er Hunderte Lehrvideos selbst produziert. Er hat einen Roboter trainiert, der ihn zu seinen Lehrveranstaltungen begleitete, und sich den Ruf als führender Experte für das „Inverted Classroom“-Modell erarbeitet.

Was das ist? Handke erklärt es so: „Stellen Sie sich Unterricht vor, wie Sie ihn kennen, und drehen ihn dann komplett um.“ Das geht damit los, dass beim „Inverted Classroom“-Modell die Hausaufgaben, das Selbststudium, zuerst kommen. In Form von Lernvideos, digitalen Lehrbüchern und anderen online abrufbaren Quellen, die den neuen Stoff vermitteln. „Erst dann geht es in den Präsenzunterricht. Der aber eigentlich auch kein Unterricht mehr ist, sondern ein kollaboratives Lernen.“

Was das wiederum bedeutet, beschreibt Schulleiter Rösner so: „Nehmen wir ein typisches Modul, wie es künftig aufgebaut sein wird. 120 Minuten lang. Vielleicht die Einführung in die Integralrechnung. Oder die Stellung der Frau in der römischen Geschichte. Die erste halbe Stunde ist digital, das ist die reine Wissensvermittlung, dann beginnt die Studio Time, andere nennen das Lernbüro. Auf jeden Fall sitzen die Schüler da zusammen, ein Fachlehrer ist dabei, der bei Fragen weiterhilft, aber jeder arbeitet für sich und wendet das Gelernte in Aufgaben und Übungen an. Das ist die zweite halbe Stunde.“ Inklusive dem sogenannten Mastery-Test, zehn per Zufallsgenerator ausgesuchte Multiple-Choice-Fragen, um den Lernstand zu überprüfen, für den es dann auch eine Note gibt. „Wenn er nicht alles richtig hat, kann der Schüler zurück zum Lernstoff gehen oder den Lehrer um Hilfe bitten und anschließend den Test so oft wiederholen, wie er will.“

So bestimme jeder auch selbst den Aufwand und die Note, die er oder sie erhält. „Und dann geht es in die zweite Stunde, in das Seminar“, sagt Rösner. „Die Schüler bekommen in Gruppen Aufgaben gestellt, die sie gemeinsam lösen und anschließend im Kreis aller Schüler vorstellen und mit der Lehrkraft diskutieren.“

Im Moment fährt Jürgen Handke aus Marburg alle paar Wochen rauf nach Schleswig-Holstein. Es gibt viel zu besprechen, denn die Uhr tickt. Da sitzen Rösner und Handke, beide Brille, kurze Haare, kurz geschnittener Bart, dann mit den Lehrern von Louisenlund zusammen, manchmal sind auch Eltern oder Schüler dabei, und feilen am Konzept. „Wir hätten es wohl auch ohne Corona irgendwann so gemacht“, sagt Rösner. „Doch die Pandemie hat uns zweierlei gezeigt. Erstens: Das Digitale klappt bei uns. Während des allerersten Lockdowns und dann später während der Quarantäne-Phasen hatten unsere Schüler 100 Prozent Digital-Unterricht. Und zweitens: An unserer Schule ist die Bereitschaft da, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen.“

Ja, diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man der Elternvertreterin zuhört, die das, was Rösner vorantreibt, als „nächsten logischen Schritt für Louisenlund“ bezeichnet. Die lobt, dass in Louisenlund zuerst mit den Kindern über ihre Bedürfnisse gesprochen werde und dann erst mit den Eltern. Die sagt, die Schulleitung habe den Veränderungsprozess im Griff. „Auch wenn es noch sehr viel Kommunikation brauchen wird, alle Eltern abzuholen“, sagt Kirsten Walsemann. „Sehr viel Kommunikation.“

Louisenlund ist nicht Neukölln

Von den gut 80 Lehrkräften, sagt Rösner, seien vielleicht fünf gegangen mit der expliziten Begründung, dass sie den Neuanfang nicht mitmachen wollten. „Denen habe ich gesagt, das ist so ähnlich wie bei den Bleisetzern, als die Zeitungen auf Computer-Layout umgestellt haben. Das ging auch nur zu einem festen Stichtag, da gab es keine halben Sachen. Also: Entweder macht ihr mit, oder ihr sucht euch eine Druckerei, wo noch Bleisatz gemacht wird.“ Das verbliebene Kollegium, sagt Rösner, fühle sich an wie ein Start-up-Unternehmen. „Viele erinnern sich gerade, warum sie überhaupt mal Lehrer geworden sind.“

So wie Michelle Häuser, 28, Lehrerin für Mathe und Physik. Sie kam 2020 nach Louisenlund und sagt, dass sie jetzt hier das umsetzen könnten, was die moderne Pädagogik schon lange sage: „Wir begleiten unsere Schüler dabei, mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Sie werden freigelassen, ohne auf sich allein gestellt zu sein.“ Natürlich führe die Aussicht, alle Unterrichtsmodule von Grund auf neu planen zu müssen, gerade zu Anspannung und gemischten Gefühlen in der Lehrerschaft. „Doch auch wenn nicht alle meine Kollegen so abenteuerlustig sind wie ich, stehen wir doch als Team zusammen und sagen: Wir kriegen das hin.“

Die stellvertretende Schülersprecherin heißt Katharina Schmied. Sie sagt, die meisten Jugendlichen „in Lund“ freuten sich auf die Veränderung. „Wir waren auch von Anfang an in die Gestaltung mit eingebunden.“ Schmied ist 17 und geht in die 11. Klasse des IB-Zweigs von Louisenlund, in dem die Schüler nicht das deutsche Abitur, sondern das International Baccalaureate bekommen, einen weltweit anerkannten Schulabschluss. „Als IBler“, sagt sie, „haben wir das Selbstlernen mit der Studio Time schon länger. Für mich persönlich wird die Umstellung also gar nicht so groß sein.“

Tatsächlich, bestätigt Peter Rösner, sei der Freiraum beim IB größer als im normalen Gymnasialbetrieb, den die große Mehrheit der Schüler besucht und wo auch künftig alle Anforderungen für das deutsche Abitur erfüllt werden müssen. „Das IB war ein Lernlabor für uns.“ Doch werde sich auch dort viel ändern, wenn künftig kaum noch mit Lehrbüchern gearbeitet werde und die Wissensvermittlung komplett ins Digitale übergehe. Und was die Abituranforderungen angeht: „Wir bekommen das hin. Wir ändern alles und erfüllen doch die Vorgaben. Eine normale Schuldoppelstunde besteht aus 90 Minuten plus etwa 30 Minuten Hausaufgaben. Wir kommen auch auf diese 120 Minuten. Nur eben auf komplett andere Weise.“

Doch eine Frage bleibt: Was hat das alles mit der Welt da draußen zu tun? Können Schulen anderswo sich etwas abgucken von dem, was in Louisenlund passiert? Wo sie unter anderem gerade für viele Millionen ein neues Lehr- und Lernzentrum bauen? Kann das außergewöhnliche Internat an der Schlei Blaupause sein für Schulen anderswo im Lande, die den Unterricht nach Corona neu erfinden wollen? Die aber weder das Geld noch die Freiheit haben, sich das Kollegium zusammenzustellen?

Jürgen Handke sagt: Ja. Auf jeden Fall. „Alles, was wir hier machen, kann jede staatliche Schule mit ihrem ganz normalen Budget hinbekommen, wenn die Schulleitung es schafft, das Kollegium, die Eltern und die Schüler dafür zu begeistern.“ Dass Louisenlund viele Tausend Euro Schulgeld von jedem Schüler einstreiche, mache seiner Meinung nach nicht den Unterschied. „Die technische Ausstattung ist an vielen staatlichen Schulen mittlerweile nicht schlechter. Und die digitalen Lerninhalte stehen entweder online frei zur Verfügung, oder die Kollegien können sie sich in Kollaboration selbst erarbeiten.“ So, wie sie es in Louisenlund jetzt auch machten.

Ein Anruf in Berlin-Neuköln, bei der integrierten Röntgen-Sekundarschule, wo Detlef Pawollek Schulleiter ist. Auch Pawollek gilt als umtriebig und kreativ, er engagierte sich viele Jahre in der Vereinigung Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter und war immer wieder mit außergewöhnlichen Ideen für seine Schule am Start, die mit 400 Jugendlichen fast exakt genauso groß ist wie Louisenlund. Doch hat sie den Ruf einer Brennpunktschule mit Schülern aus 29 Nationen, von denen nur 17 zu Hause als Muttersprache Deutsch gelernt haben.

Ja, das mit der Technik sei nicht das Problem, bestätigt Pawollek. Aber ansonsten – „ansonsten ist das, was Louisenlund da macht, komplett indiskutabel für uns“. Seine Schule bezeichnet er als „verpackte Hilfsorganisation mit Kriseninterventionsfunktion“, die gleichzeitig auch für unterrichtende Aufgaben zuständig sei – „die wir bereitwillig erfüllen“. Aber individuelle Stundenpläne, digitales Lernen?

Nur eine Geschichte, sagt Pawollek, wolle er erzählen, die sage eigentlich alles. Als die Schule wegen Corona dicht war, hat die Kolleg*innenschaft Schüler besucht, die im Online-Unterricht nicht auftauchten. „Da saßen wir dann zum Beispiel bei einer Schülerin im Wohnzimmer, umringt von sechs Geschwistern und noch drei Kindern, die von ihrer ältesten Schwester stammten. Diese Schülerin hatte sogar ihr eigenes Tablet und machte darauf auch irgendwas.Aber sich selbstständig etwas aneignen, das geht in so einem Umfeld nicht.“ Schon vor Corona sei Schulschwänzen, die sogenannte „Schuldistanz“, ein Riesenproblem gewesen. „Jetzt ist es das noch mehr.“

Louisenlund und Röntgen, das sind die Extreme, zwischen denen sich die deutsche Schulwirklichkeit bewegt.

Und trotzdem glaubt Peter Rösner fest, dass jede Schule zumindest Teile dessen umsetzen kann, was sie im Norden vorhaben. „Die neue Wirklichkeit nach Corona gilt im ganzen Land und für alle Kinder und Jugendlichen. Darauf müssen die Schulen reagieren.“

Jan-Martin Wiarda ist Bildungsjournalist und bloggt auf jmwiarda.de

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